Home-Office:Männer können schlechter abschalten

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Wenn sie keine festen Arbeitszeiten haben, ist bei ihnen - anders als bei Frauen - das Risiko hoch, nicht zur Ruhe zu kommen. Aber wenn sie selbst entscheiden können, verdienen sie mehr. Frauen profitieren finanziell nicht.

Von Thomas Öchsner, Berlin

Männern fällt das Abschalten schwerer als Frauen, wenn sie über ihre Arbeitszeit frei entscheiden können. Dies geht aus einer Studie der Arbeitszeit-Expertin Yvonne Lott von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Danach liegt die Wahrscheinlichkeit bei 40 Prozent, dass Männer mit völlig selbstbestimmten Arbeitszeiten nicht zur Ruhe kommen. Bei Männern mit festen Arbeitszeiten beläuft sich dieses Risiko auf 29 Prozent. Dieser Effekt ist laut Lott nur bei Männern zu beobachten, aber nicht bei Frauen. Ihre Auswertung beruht auf Angaben von mehr als 10 000 Personen, die 2011 und 2012 befragt wurden.

Woher kommt dieser Unterschied bei Männern und Frauen? Gerade Männer neigten dazu, ohne vorgegebene Grenzen übermäßig lange zu arbeiten, schreibt Lott. Frauen hingegen seien "typischerweise geübtere Grenzgängerinnen" als Männer. Sie nutzten die zeitliche Flexibilität eher, um Haus- und Sorgearbeit mit dem Job unter einen Hut zu bringen, statt unzählige Überstunden freiwillig einzulegen.

Männern wird eher zugetraut, zu Hause die volle Arbeitsleistung zu erbringen

Umfragen zeigen: Viele Arbeitnehmer schätzen Gleitzeit, flexible Arbeitszeiten statt feste Bürozeiten oder Zeitvorgaben. Die Forscherin hält dies aber nicht für ungefährlich. Dies bedeute immer auch "eine Einladung zur Selbstausbeutung".

So können Arbeitnehmer, die zu Hause Büroarbeiten erledigen, abends oft nicht abschalten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies in solchen Fällen passiert, liegt bei 45 Prozent und damit mehr als doppelt so hoch wie bei Beschäftigten, die nie zu Hause arbeiten. Offenbar verschwimmen die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit im Homeoffice besonders leicht.

Trotzdem wird das Arbeiten zu Hause bei Männern positiver bewertet als bei Frauen, egal ob sie Kinder haben oder nicht. "Frauen wird eher als Männern unterstellt, Homeoffice für außerberufliche Belange wie etwa Kinderbetreuung zu verwenden", heißt es in der Untersuchung. Männer würden typischerweise als stärker engagierte Arbeitskräfte gelten. "Ihnen wird daher zugetraut, auch im Homeoffice die volle Arbeitsleistung zu erbringen", stellt die Forscherin fest.

Nach ihren Erkenntnissen sind Gleitzeit und vor allem völlig selbstbestimmte Arbeitszeiten auch mit einem Zuwachs an Einkommen verbunden - jedoch nur bei Männern. Im Durchschnitt verdienten diese dann gut 2000 Euro mehr, "wenn sie von festen zu selbstbestimmten Arbeitszeiten wechseln". Frauen hingegen profitieren davon finanziell nicht - "auch nicht, wenn sie in Vollzeit arbeiten und wenn sie im gleichem Maß Überstunden machen wie Männer".

Der Studie zufolge sind bei Männern die Gesundheitsprobleme vor allem groß, wenn sie außerhalb des Büros weiterarbeiten. Frauen hingegen leiden vor allem unter Arbeitszeiten, die sich kurzfristig ändern und so die Planung ihres Alltags erschweren. Schließlich übernähmen sie immer noch traditionell den größeren Teil der Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit. Unvorhersagbare Arbeitszeiten lösten bei Frauen "zusätzlichen Stress" aus, heißt es dazu in der Untersuchung.

Lott fordert deshalb klare Regeln bei flexiblen Arbeitszeiten wie zeitliche Obergrenzen, die Erfassung der Arbeitszeit und realistische Vorgaben für das Arbeitspensum. Eine völlige Hoheit über die eigene Arbeitszeit verschärfe hingegen nur die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Die Forscherin spricht hier vom "Risiko der Traditionalisierung von Partnerschaften", weil eine Seite - wahrscheinlich meist die Frau - der anderen den "Rücken frei halten" müsse.

© SZ vom 14.08.2017 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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