Home-Office:Im Büro ist nicht alles besser

Bernd Kramer, quer

Illustration: Bernd Schifferdecker

Nach Monaten der Heimarbeit macht sich in vielen Betrieben Ermüdung breit - und das Büro erscheint mit einem Mal wieder wie der bessere Arbeitsort. Zu Unrecht.

Von Bernd Kramer

Es stimmt schon, auf Dauer kann es zermürben. Der ultraverkürzte Arbeitsweg vom Bett rüber an den Küchentisch, den man ursprünglich bejubelte für den so verschafften Zugewinn an Lebenszeit, bringt einen inzwischen merklich um ausreichend Frischluft und Bewegung. Die ständige Stille, anfangs noch als Einladung zum konzentrierten Arbeiten begrüßt, fühlt sich irgendwann mächtig einsam an. Kein Kollege, der des Weges kommt. Niemand, der nach getaner Arbeit auf die Schulter klopft. Und dass man nach Dienstschluss im selben Multifunktionskämmerlein womöglich gar sein Abendbrot zu sich nehmen muss, erscheint wie der Gipfel der Erbärmlichkeit.

Nach Monaten der Pandemie macht sich Home-Office-Müdigkeit breit. Ende November läuft die Corona-Arbeitsschutzverordnung aus, die Unternehmen dazu anhält, Heimarbeit zu ermöglichen; eine Pflicht beinhaltet sie bereits seit Sommer nicht mehr. Mancherorts haben die Firmen längst begonnen, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wieder ins Büro zu bestellen. Und eine Umfrage zeigte dieser Tage, dass überraschenderweise gerade viele Junge damit gar kein so großes Problem haben, im Gegenteil. Das Home-Office ist tot, lang lebe also das Büro?

Im Augenblick ist die Gefahr groß, dass das Experiment, zu dem Corona unzählige Betriebe zwang, vorschnell für gescheitert erklärt wird: Funktioniert vielleicht eine Weile, funktioniert vielleicht sogar besser als gedacht - aber bitte nicht auf Dauer. Recht erfolgreich hat die Arbeitgeberlobby bereits im vergangenen Herbst die Vorschläge der SPD verhindern können, die die Gunst der Stunde nutzen wollte, um Beschäftigten einen Rechtsanspruch auf die Arbeit daheim zu verschaffen.

Das Home-Office macht sichtbar, was im Argen liegt

Nur macht man es sich zu einfach, wenn man nun all die Mängel der Heimarbeit aufzählt, um damit den Segen des Büros zu beschwören. Im Home-Office gehe der Teamspirit verloren, heißt es dann. Im Home-Office drohten Mitarbeiter den Anschluss zu verlieren. Im Home-Office leide die Kreativität. Stimmt alles irgendwie - und doch nicht ganz. Vor allem folgt daraus nicht, dass nun ausgerechnet das Büro das Paradies wäre, in dem sich all diese Sorgen in Luft auflösten.

Die Probleme sind nämlich keine Probleme der Heimarbeit an sich, sondern der falschen Heimarbeit. Es ist kein Naturgesetz, dass das Gemeinschaftsgefühl leidet, wenn Kolleginnen und Kollegen kilometerweit voneinander entfernt an ihren Küchentischen hocken. Aber man muss sich die Mühe machen, es herzustellen, durch regelmäßige Videokonferenzen etwa, durch Routinen, durch Feedback, durch mehr Kommunikation, vielleicht auch durch virtuell initiierte Zufallsbegegnungen, manch fortschrittliche Firma ist da sehr erfinderisch geworden. Und dass nur in einem Konferenzraum unter physischer Anwesenheit die herausragenden Ideen geboren werden, ist ohnehin ein gut widerlegtes Gerücht. Studien zeigen, dass Brainstorming im Team nicht funktioniert und die Ergebnisse eher dürftiger und schlechter ausfallen, als wenn jeder und jede zunächst ungestört für sich überlegt - weshalb sich zu Hause unter Umständen womöglich sogar mehr Kreativität entfesseln lässt. Das Büro schafft Illusionen, die oft nicht stimmen. Die Illusion, dass Ideen sprühen, weil eine Gruppe einfach mal wild überlegt, obwohl die meisten Ideen dabei unausgesprochen vergessen werden. Die Illusion, dass Menschen fleißig arbeiten, nur weil sie anwesend sind. Die Illusion, dass Menschen sich zugehörig fühlen, bloß weil sie im selben Gebäude sitzen.

Mit dem Home-Office ist es wie mit so vielem in dieser langen Pandemie: Es ist wie ein Kontrastmittel, das sichtbar macht, was ohnehin schon im Argen liegt. Wo Kollegen einander misstrauen, verstummt das Gespräch in der Heimarbeit ganz. Wo Vorgesetzte der Devise folgen, nicht zu tadeln sei bereits genug des Lobs, erstirbt die Motivation auf der Distanz erst recht. Was im Home-Office nicht funktioniert, liegt selten allein am Home-Office, sondern allzu oft auch an einer Arbeitskultur, die schon vorher ihre Probleme hatte. Und die nicht besser wird, wenn alle zurück ins Büro zitiert werden.

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