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Neue Arbeitswelt:Home-Office muss allen nutzen, nicht nur den Büro-Arbeitern

Home-Office

Viele Arbeitnehmer stehen gerade nicht mehr jeden Morgen in überfüllten Zügen herum und gewinnen so wertvolle Freizeit für sich und ihre Familien.

(Foto: Bench Accounting / Unsplash)

Die Corona-Krise zeigt, dass Heimarbeit im großen Stil funktioniert - doch davon profitieren längst nicht alle. Auch wer Autos baut, den Lkw lenkt oder in der Kita arbeitet, muss etwas davon haben.

Kommentar von Stephan Radomsky

Es tut sich was in deutschen Büros - weil sich dort nämlich bald weniger tut. Angetrieben von den Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen der Corona-Pandemie setzt sich ein neues Denken durch in den Betrieben: Warum sollen immer alle ins Büro kommen müssen, wenn sie genauso gut auch von daheim aus arbeiten können? Es funktioniert doch, das hat die Krise gezeigt. Das bisher prominenteste Beispiel für diesen Lernprozess ist Siemens. 140 000 Mitarbeiter des Dax-Konzerns dürfen künftig drei Tage die Woche von zu Hause aus arbeiten. Und höchstwahrscheinlich werden sie nicht die einzigen bleiben. Banken, Versicherungen, Autobauer - so ziemlich jedes Unternehmen hat in der Krise Erfahrungen gesammelt mit der neuen Freiheit. Sogar im öffentlichen Dienst ändert sich etwas.

Und auf den ersten Blick hat dieser Abschied von der Präsenz-Kultur nur Vorteile: Die Arbeitnehmer stehen nicht mehr jeden Morgen und jeden Abend in überfüllten Zügen oder auf verstopften Autobahnen herum und gewinnen so wertvolle Freizeit für sich und ihre Familien; die Unternehmen werden attraktiver für junge, flexible Spezialisten und müssen nicht mehr für jeden einen eigenen Schreibtisch vorhalten, was Mietkosten spart. Außerdem waren viele Mitarbeiter in den vergangenen Monaten daheim auch noch produktiver als im Büro. Und die tägliche Völkerwanderung in die Innenstädte kostet nicht nur Nerven, sondern belastet auch die Umwelt. Wird die post-pandemische Arbeitswelt nun also vom Sofa aus gerettet? Nicht ganz.

Die Aussicht auf eine neue Realität in den Büros wird zwar - zu Recht - als großer Schritt hin zu mehr Flexibilität und besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie gefeiert. Ein Grund, in Selbstzufriedenheit zu verfallen, ist das aber nicht. Ganz im Gegenteil. Denn von den Segnungen des Home-Office profitieren längst nicht alle. Von zu Hause aus arbeiten kann in aller Regel nur, wer ausschließlich am Rechner arbeitet. Bei Siemens, und auch überall sonst. Wer in der Werkshalle schraubt, den Lkw lenkt, in Krankenhaus, Kita, Schule mit Menschen arbeitet oder mit Bus und Müllwagen die Stadt am Leben hält, muss auch weiterhin ran. Ganz physisch.

An der Frage, wer wo arbeiten kann, droht deshalb ein eigentlich längst überholter Gegensatz wieder aufzubrechen: Da oben die Angestellten im weißen Hemd, besser bezahlt und mit Privilegien ausgestattet. Da unten die Arbeiter im Blaumann, die den Laden am Laufen halten, dafür aber oft nur vergleichsweise wenig bekommen. Dabei fehlen bereits allerorten Facharbeiter, Pflegekräfte, Handwerker und so fort. Diese und andere Berufe jetzt zu vergessen, wenn die Arbeit neu geordnet wird, würde sie noch weniger attraktiv machen. Und das wäre ein schwerer Fehler, den sich die Unternehmen nicht leisten können.

Zugegeben, ein neues Auto kann man nicht in der heimischen Garage zusammenschrauben, Alte und Kranke nicht im Gartenhäuschen pflegen. Viele Berufe lassen sich schlicht nicht daheim ausüben. Also muss es einen anderen Ausgleich geben. Denkbar ist da vieles. Wenn sich die einen im Büro beispielsweise im Schnitt jede Woche fünf Stunden Pendelei sparen, könnten die anderen im Betrieb jede Woche fünf Stunden weniger arbeiten - oder fünf Stunden mehr bezahlt bekommen, je nachdem. So könnten auch diese Mitarbeiter Job und Familie künftig besser unter einen Hut bringen, es würden Jobs geschaffen und die Konjunktur angekurbelt. Außerdem wäre es zutiefst fair, schließlich waren es eben diejenigen, die nicht daheim arbeiten können, die in der Krise als Helden beklatscht wurden. Viel mehr an Anerkennung haben sie bisher allerdings nicht bekommen.

© SZ vom 18.07.2020/vit
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