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Holzindustrie:Kahlschlag im Regenwald

Der illegale Holzeinschlag als lohnendes Geschäft: Der Wirtschaftszweig boomt, wer mit illegal gefälltem Tropenholz handelt, kommt ohne Strafen davon. Die meisten Verbraucher sind ahnungslos.

Silvia Liebrich

Im brasilianischen Amazonas-Gebiet wälzen sich Tag für Tag riesige Erntemaschinen durch den Urwald. Baumriesen, die zum Teil mehr als einhundert Jahre gewachsen sind, fallen reihenweise der Säge zum Opfer. Zurück bleibt verwüstetes Land. Bis zu 80 Prozent des Amazonasholzes werde illegal geschlagen, heißt es in einem aktuellen Bericht von Greenpeace.

Ein Militärpolizist überwacht beschlagnahmtes Holz im Bundesstaat Pará. Die Weltbank schätzt einen jährlichen Schaden von fünf Milliarden Dollar für die betroffenen Staaten.

(Foto: Foto: AP)

Aktivisten der Umweltschutzorganisation haben deshalb in der vergangenen Woche die Entladung eines russischen Frachters im französischen Hafen Caen behindert. Er hatte 16.000 Tonnen Tropenholz aus Brasilien an Bord. "Die Ladung stammt von sechs brasilianischen Firmen, die in Amazonas nachweislich illegal einschlagen und das Holz vom Hafen in Santarém nach Europa exportieren", sagt Martin Kaiser, Waldexperte bei Greenpeace.

Rodung setzt enorme Treibhausgase frei

Für die Verantwortlichen ist der illegale Holzeinschlag ein lohnendes Geschäft. Die Holzindustrie ist eine Boombranche, in der jährlich schätzungsweise mehr als 200 Milliarden Dollar verdient werden. Wer ohne die notwendigen Konzessionen arbeitet, zahlt keine Steuern, beschafft sich den Rohstoff beinahe zum Nulltarif und streicht so einen hohen Gewinn ein. Die Weltbank schätzt, dass den betroffenen Staaten dadurch jährlich ein Schaden von mindestens fünf Milliarden Dollar entsteht. Nicht berücksichtigt sind bei dieser Rechnung negative soziale Auswirkungen und die Umweltschäden. Die Bevölkerung in den betroffenen Regionen wird ohne jede Entschädigung um ihre Lebensgrundlage gebracht. Hinzu kommen enorme Umweltbelastungen durch die gnadenlose Abholzung von Urwäldern.

Ein Beispiel dafür ist Indonesien. Das Land ist einer der wichtigsten Tropenholzlieferanten für den europäischen Markt. Auch dort wird nach Schätzungen von Umweltschützern mehr als 70 Prozent des exportierten Holzes illegal abgebaut. "Die starke Entwaldung hat dazu geführt, dass Indonesien inzwischen der drittgrößte CO2-Emittent der Welt ist, gleich nach den Vereinigten Staaten und China", erklärt Greenpeace-Mann Kaiser. Bei der Rodung der Regenwälder werden große Mengen klimaschädlicher Treibhausgase freigesetzt, die zuvor im Waldboden gebunden waren.

Kahlschlag im Regenwald

Unkontrollierter Kahlschlag ist nach wie vor an der Tagesordnung, nicht nur in Südamerika, sondern auch in Asien und Afrika, bestätigt Johannes Zahnen, Forstexperte bei der Naturschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF). "48 Prozent aller aus Asien nach Deutschland importierten Holzprodukte stammen aus illegalem Einschlag", ergänzt er. Auch Russland zählt Zahnen zu den schwarzen Schafen. Das Land exportiert nach seinen Angaben ein Drittel mehr Holz, als eigentlich über offizielle Konzessionen zulässig wäre.

Handel nur über Drittländer

Beim Gesamtverband Deutscher Holzhandel (GD Holz) weist man die von den Umweltschutzorganisationen genannten Zahlen über das Ausmaß des illegalen Holzhandels zurück. "Uns gefällt nicht, wie hier eine Branche kriminalisiert wird, obwohl das die Datenlage eigentlich nicht hergibt", sagt GD-Holz-Geschäftsführer Rudolf Luers. "Bei den Angaben handelt es sich meist nur um Schätzungen, das sind keine belastbaren Zahlen." Er verweist stattdessen auf Studien der amerikanischen Holzindustrie aus den Jahren 2000 und 2004, die von weitaus geringeren Ausmaßen ausgehen. Luers räumt jedoch ein, dass der illegale Holzhandel ein Problem für die Branche ist. "Die Situation ist unübersichtlich", ergänzt er. Auch deshalb, weil sich die Herkunft von Holz nicht immer eindeutig klären lasse. "Wenn ein Sperrholzplatte nach Deutschland kommt, ist nicht klar was tatsächlich drin steckt", erklärt er.

Der Handel mit illegaler Ware erfolgt nach Angaben von Umweltschutzorganisation meist über Drittländer, so dass sich der Ursprung des Rohstoffs später kaum noch nachvollziehen lässt. Tropenholz, das beispielsweise aus Südostasien stammt, wird demnach häufig über China nach Europa geschleust, Hehlerware aus Russland kommt laut Kaiser meist auf dem Umweg über Finnland.

EU-Kommission plant Strafvervolgung

Was im Akkord in den Urwäldern illegal abgeholzt wird, taucht meist schon ein paar Monate später ganz legal im Handel auf, auch in Deutschland. Möglich ist das, weil der Handel mit illegal geschlagenem Holz in den Ländern der Europäischen Union und auch in vielen anderen Ländern nicht strafbar ist. Einzige Handhabe wäre hierzulande laut Zahnen vom WWF eine Strafverfolgung nach dem Geldwäschegesetz. "Das ist aber so kompliziert, dass es in Deutschland noch nicht zu einer einzigen Verurteilung auf dieser Basis gekommen ist."

Gesetzesvorlagen, die den Handel mit illegal geschlagenem Holz unter Strafe stellen sollen, scheiterten in der Vergangenheit sowohl in Deutschland als auch auf europäischer Ebene unter anderem am Widerstand der Holzlobby. Die letzte Eingabe im vergangenen Jahr wurde abgelehnt, mit der Begründung, dass der bürokratische Aufwand zu hoch sei. Einen neuen Vorstoß für eine gesetzliche Regelung will die EU-Kommission Mitte des Jahres unternehmen.

Kahlschlag im Regenwald

Die meisten Verbraucher sind unterdessen ahnungslos. Gartenmöbel oder Terrassenbeläge aus Tropenhölzern wie Bangkirai sind gefragt. "Gerade Bangkirai, das vorwiegend aus Indonesien kommt, ist inzwischen so rar, dass aus legalen Quellen kaum noch Nachschub zu beschaffen ist", meint Zahnen "Trotzdem wird die Holzart von vielen Holzhändlern nach wie vor wärmstens empfohlen." Kunden sollten nach seiner Ansicht misstrauisch werden, wenn etwa Möbel aus Tropenholz zu extrem niedrigen Preisen angeboten werden. "Bei einem Gartenstuhl aus Teakholz für 18 Euro kann etwas nicht mit rechten Dingen zugehen", sagt er. Händler, die ihr Holz aus legalen Quellen beziehen, seien dagegen die gekniffenen. Denn sie verlangen einen höheren Preis für die scheinbar gleichen Produkte. "Viele Kunden halten dies dann irrtümlich für Preisschneiderei."

Kein Nachweis des Ursprungslandes

Welche Produkte aus illegalem Holzeinschlag stammen, lässt sich für den Laien kaum feststellen. Ein Herkunftsnachweis, der etwa Auskunft über den Ursprung des günstigen Teakholzstuhls im nächsten Baumarkt gibt, sucht der Käufer in der Produktbeschreibung meist vergeblich. In der Regel wird nur der Ort der Herstellung des Endprodukts genannt. Im Gegensatz zum Lebensmittelhandel ist der Herkunftsnachweis im Holzhandel nicht vorgeschrieben.

Zwar gibt es zahlreiche Gütesiegel, die garantieren sollen, dass das angebotene Produkt aus legaler Holzgewinnung stammt. "Viele davon sind jedoch Mogelpackungen", meint Zahnen. Er empfiehlt Verbrauchern, auf das Siegel des Forest Stewardship Council (FSC) zu achten. Hersteller mit diesem Zeichen lassen nach seinen Worten den ganzen Produktionsprozess regelmäßig kontrollieren. Im Gremium des FSC sitzen Vertreter von Holzindustrie, Umweltverbänden und sozialen Gruppen in gleicher Gewichtung.

Umstritten ist dagegen bei Umweltschützern das Gütesiegel des 1999 gegründeten Zertifizierungsrates Pan European Forest Certification Council (PEFC). "Hier haben vor allem Vertreter aus der Holzbranche und Waldbesitzer das Sagen." Das PEFC-Siegel gelte deshalb als industrienah. Luers von der GD Holz sieht das anders. Die Umweltschutzverbände hätten nicht das Recht, den Erzeugern vorzuschreiben, mit welchen Zertifzierern sie zusammenarbeiten, sagt er.

© SZ vom 25.3.2008/sme/mel
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