Holocaust-Mahnmal Welche Rolle spielt die Degussa?

Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden der Degussa über die Rolle des Unternehmens in der jüngsten Mahnmal-Debatte.

(SZ vom 07.11.2003) — Nachdem die Degussa vom Bau des Berliner Holocaust-Mahnmals ausgeschlossen wurde, soll nun in der kommenden Woche im Kuratorium der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" über das weitere Vorgehen diskutiert werden. Mit Degussa-Chef Utz-Hellmuth Felcht sprach Hans Leyendecker.

SZ: Für den Bau des Fundaments und für die Oberflächenbehandlung von Stelen des Holocaust-Mahnmals sind Produkte von Degussa-Tochterfirmen verwendet worden. Dies hat zu einem Baustopp geführt. Muss sich Degussa jetzt aus dem Projekt verabschieden, um das Mahnmal nicht zu gefährden? Utz-Hellmuth Felcht: Die Entscheidung über eine Beteiligung der Degussa hat das Kuratorium der Stiftung zu fällen. Wir werden jede Entscheidung respektieren.

SZ: Wäre es angesichts der besonderen Geschichte der Degussa, deren Tochterfirma im Dritten Reich das Zyklon B für die Gaskammern geliefert hatte, nicht besser gewesen, ein solches Sponsoringangebot für den Graffitischutz der Stelen erst gar nicht abzugeben? Felcht: Es gibt keinen Vertrag zwischen der Stiftung und der Degussa. Gleichwohl war der Stiftung von Anfang an bekannt, dass ein Produkt der Degussa AG zum Oberflächenschutz eingesetzt werden sollte. Der Architekt hat sich bekanntermaßen für das Degussa-Produkt entschieden.

SZ: Degussa hat sich unter Verweis auf eine Sponsoringaktion um den Auftrag beworben. Man bekam den Eindruck, das Mahnmal sollte als Reinwaschung für eine Firma dienen. Felcht: Dieser Gedanke ist absurd, da klar ist, dass sich niemand durch welche Mittel auch immer von Geschichte reinwaschen kann. Im übrigen belegt die Degussa AG sowohl durch die Aufarbeitung ihrer Firmengeschichte mit unabhängigen Historikern als auch durch ihr Engagement als Gründungsmitglied der Initiative der Deutschen Wirtschaft zur Entschädigung der Zwangsarbeiter, dass sie sich ihrer Geschichte offensiv stellt.

SZ: In den vergangenen Tagen wurde die Information lanciert, im Fundament der Stelen sei der Betonverflüssiger einer ihrer Tochterfirmen zum Einsatz gekommen. Gleichzeitig wurde der Eindruck erweckt, die Degussa erhalte ein Druckmittel, um auf jeden Fall ihre Produkte beim Mahnmal einsetzen zu können. Felcht: Es ist geradezu aberwitzig anzunehmen, wir würden - auf welche Art auch immer - versuchen, hier einen Auftrag zu bekommen. Im Vordergrund muss allein stehen, was der Idee des Mahnmals nützt. Wir respektieren jede Entscheidung der Stiftung. Richtig ist, dass wir die Information über die Verwendung des Betonverflüssigers unmittelbar nach ihrem Bekanntwerden hier im Hause dem Vorsitzenden des Kuratoriums, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, vertraulich mitgeteilt haben. Seitens der Degussa ging keinerlei Information an die Öffentlichkeit.

SZ: Ist das alles nicht ein enormer Imageschaden für ein Unternehmen mit 48.000 Beschäftigten? Felcht: Bei der Geschichte der früheren Degussa im Nationalsozialismus gibt es nichts zu beschönigen. Dies ist eine Hypothek, an der wir zu tragen haben. Wir können nur verantwortlich mit ihr umgehen und das versuchen wir auch bei der Diskussion um das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.