Hochschulen:Gib Gummi

Hochschulen: Auf privaten Wirtschafts-Hochschulen gehen Professoren und Studenten oft andere Wege, um ihre Erkenntnisse schnell in die Praxis umzusetzen.

Auf privaten Wirtschafts-Hochschulen gehen Professoren und Studenten oft andere Wege, um ihre Erkenntnisse schnell in die Praxis umzusetzen.

(Foto: WHU)

Absolventenmessen waren gestern. Manche Studenten suchen schon auf ihrem eigenen Campus unter Hochdruck Investoren für ihre Geschäftsideen. Wie viel Erfolg sie haben, ist aber nicht einfach zu sagen.

Von Pauline Schinkels

Vallendar - Eigentlich sollte Angela Merkel kommen. Auch Mark Zuckerberg hätten sie gerne gehabt oder Techno-Musiker Paul Kalkbrenner. Aber alle sagten ab. Egal. Hauptsache, wir haben es versucht, denken die Veranstalter der Gründerkonferenz "Idealab" im rheinland-pfälzischen Vallendar. Schließlich ist Scheitern in der Start-Up-Szene gerade sowieso en vogue.

450 Teilnehmer sind für die Konferenz zur privaten Wirtschaftshochschule WHU gekommen. Ziel des zweitägigen Treffens: Gründer, Investoren und Studenten sollen direkt auf dem Campus Kontakte knüpfen und sich austauschen. Das Besondere dabei: Die jährlich stattfindende Konferenz wird komplett von den Studenten der Privatuni organisiert. Sponsoren suchen, Redner ansprechen, Werbung machen: Von Hochschülern veranstaltete Konferenzen gibt es nicht nur in Vallendar, sondern auch an anderen Universitäten wie in Berlin oder Oestrich-Winkel. "Mach es selbst" lautet das Credo der Hochschüler - Netzwerken wird zur studentischen Graswurzelbewegung.

Dabei lassen nur wenige Universitäten ihren Nachwuchs bei der Berufswahl allein. Fast jede Hochschule hat mittlerweile sogenannte Career Center. Das sind Büros, wo sich ratlose Studenten etwas dröge auflisten lassen, wer warum in Zukunft erfolgreich ist und welche Berufsbilder womöglich dazu passen. Alternativ tingelt der unschlüssige Hochschüler zu Absolventenmessen und packt Unmengen an Hochglanzbroschüren und sinnlosen Werbeartikeln ein, die Sack und Pack füllen. An der WHU hingegen geht es direkt im Vorlesungssaal zur Sache. Junggründer versuchen hier, Investoren noch auf dem Campus für ihre Produktideen zu gewinnen. Karriere machen, das soll beim Idealab ein schnelles Do-it-yourself-Projekt zwischen Mensa und Unibibliothek sein.

Oliver Samwer spricht. Wie jedes Jahr

Der bekannteste Redner ist wie in den Jahren zuvor Oliver Samwer, der CEO, also der Vorstandschef, von Rocket Internet. Der 43-jährige WHU-Absolvent ist an seiner eigenen Universität durchaus umstritten. Der Vorwurf: Seine Unternehmensschmiede Rocket kopiere Geschäftsmodelle anderer Start-ups, nur mit mehr Geld und Personal. Samwer stören die Anschuldigungen nicht. Jedes Jahr kehrt er an seine Alma Mater zurück, jedes Jahr zieht er eine kleine Show ab. Auch dieses Mal ist der Hörsaal bis auf den letzten Platz gefüllt. Konferieren wird zum Happening.

Um den WHUlern zu erklären, was ein erfolgreiches Start-up ausmacht, ruft Samwer die Studenten zu einem Spiel auf die Bühne. Drei Gründer und fünf Investoren simulieren mit ihm gemeinsam einen kleinen Pitch, mit anderen Worten: Die Gründer sollen ihre Geschäftsidee vorstellen, und die Investoren je eine Frage dazu stellen. Samwers Botschaft ans Publikum: Für ein erfolgreiches Unternehmen braucht es vor allem eins - große Ideen. Um das zu verdeutlichen, fragt er einen Studenten im Publikum: "Wie viel Zeit, glaubst du, steckt der Pizzabäcker von nebenan in sein Unternehmen?" Zehn bis zwölf Stunden, lautet die Antwort. Samwer fragt weiter: "Und wie viel Zeit, glaubst du, steckt der CEO von Pizza Hut in sein Unternehmen?" 15 Stunden, meint der Student. Der Rocket-Chef entgegnet: "Ich glaube, sie stecken dieselbe Zeit in ihr Unternehmen." Also bloß nicht rumkrebsen, seid nicht der Pizzabäcker - das ist Samwers Appell an diesem Tag.

Wie viel nach der Konferenz wirklich investiert wird, lässt sich nicht sagen. Von den Organisatoren des Idealabs kann das keiner genau benennen. Erst einmal geht es ums Händeschütteln, der erste Eindruck zählt schließlich. Das gilt für die Studenten genauso wie für die Unternehmer, die sich hier an der BWL-Kaderschmiede gerne als attraktive Arbeitgeber positionieren. Dass der Studentenkongress so gut funktioniert, hängt auch stark vom prominenten Alumni-Netzwerk der Hochschule ab. Unter den WHU-Absolventen sind neben Samwer viele bekannte Gründer, die sich jedes Jahr unter die Redner mischen, etwa Robert Gentz und David Schneider. Gemeinsam gründeten sie 2008 den Online-Versandhändler Zalando. Beim Idealab plaudern sie betont locker über den Werdegang des Unternehmens. Wer ausgetüftelte Strategien erwartet, liegt falsch. Als es beispielsweise um die Frage ging, in welche Länder Zalando expandieren soll, haben Gentz und Schneider angeblich einfach gegoogelt, wo in Europa die meisten Menschen leben. Rückblickend sagen sie: "Das hat mal besser, mal schlechter funktioniert."

Ihr Ratschlag für die Nachwuchsgründer: Immer Gas geben. Lernen, wie es perfekt geht, kann man noch später. Der ein oder andere Gründer steigt mitunter auch mal zu feste auf das Gaspedal - weit über die Hälfte aller Start-ups scheitern. Beim Pitch-Spiel von Samwer konnte den Rocket-Chef jedenfalls kein Gründer überzeugen.

© SZ vom 13.10.2015
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