Hinkley Point:Zwei Reaktoren vom gleichen Typ wurden zum finanziellen Desaster

Nach dem geplanten Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist das Risiko noch unkalkulierbarer geworden. Ursprünglich veranschlagte EdF die Kosten auf gut 14 Milliarden Euro, korrigierte sie aber inzwischen um mehr als 50 Prozent nach oben. Doch alle wissen: Auch das ist nur ein theoretischer Preis, ebenso theoretisch wie die geplante Inbetriebnahme 2025.

Der Grund: Zwei Atomkraftwerke des gleichen Typs sind zum finanziellen Desaster für den Staatskonzern geworden: der Prototyp des Druckwasserreaktors EPR in Finnland ist nach elf Jahren Bauzeit und rasanten Preissteigerungen immer noch nicht fertig. Auch das "Vorzeige-Kraftwerk" in Flamanville in Frankreich am Ärmelkanal ist zum Abenteuer geworden. Die Anlage hatte der Staatskonzern nach dem Schlamassel in Finnland bauen wollen, um möglichen Kaufinteressenten im Ausland zu zeigen, dass der EPR doch funktioniert. Doch seither haben sich die Kosten verdreifacht und ein Ende des Baus zeichnet sich immer noch nicht ab.

Die CGT, die mächtige Gewerkschaft im Staatskonzern, ist deswegen gegen den Bau in England. Sie fürchtet um weitere Arbeitsplätze. Wegen Gewinneinbußen will der Konzern ohnehin fünf Prozent seiner Arbeitsplätze in Frankreich abbauen. Der Brexit bringt nun weitere Unwägbarkeiten mit sich. Voraussichtlich werden Tausende Arbeitskräfte für den Bau aus dem Ausland und auch aus Frankreich in Hinkley benötigt. Auch müssten wichtige Komponenten aus Frankreich und anderen Ländern nach Großbritannien importiert werden. Wenn das Pfund aber abwertet, wie zuletzt geschehen erhöhen sich Personal- und Baukosten.

Großbritannien muss den Strom aus dem neuen Atomkraftwerk subventionieren

Um die Kosten in Grenzen zu halten, will EdF die Lasten mit einem chinesischen Konsortium teilen. Doch auch dem asiatischen Partner war zuletzt bei dem Projekt unwohl geworden. Ursprünglich wollten die Chinesen 40 Prozent der Kosten übernehmen. Inzwischen dringen sie darauf, ihren Anteil auf 30 Prozent zu reduzieren.

Zudem sieht es so aus, als könne Großbritannien an dem Bau nur festhalten, wenn er kräftig subventioniert wird. EdF hatte mit der britischen Regierung einen vorteilhaften Garantiepreis ausgehandelt, zu dem EdF der Strom abgenommen werden soll. Die Partner hatten sich im Jahr 2013 darauf geeinigt, dass über 35 Jahre ein Preis von umgerechnet etwa 110 Euro pro Megawattstunde Strom garantiert würde. Derzeit liegt der Marktpreis pro Megawattstunde jedoch nur noch bei 25 Euro.

Der Bau könnte für den britischen und den französischen Steuerzahler teuer werden. Ein Kommentator in einer französischen Wirtschaftszeitung schreibt: "Wenn EdF ein Privatunternehmen wäre, würde es sich nie auf das Projekt einlassen." Doch EdF ist ein Staatskonzern und die Entscheidung am Ende politisch. Die beiden Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's hatten angekündigt, die Kreditwürdigkeit der Investoren herabzustufen, die in Hinkley Point investieren. Jetzt ist es soweit.

© SZ vom 29.07.2016/jps
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