Hinkley Point:Dieses Atomprojekt könnte zum Fiasko werden

Hinkley Point: Die Baustelle für das Atomkraftwerk gibt es schon in Hinkley Point und auch die Reaktoren A und B. Deswegen heißt das neue Projekt Hinkley Point C.

Die Baustelle für das Atomkraftwerk gibt es schon in Hinkley Point und auch die Reaktoren A und B. Deswegen heißt das neue Projekt Hinkley Point C.

(Foto: Hayes Davidson/AFP)
  • Jahrelang wurde über den Bau von Hinkley Point C gestritten. Nun hat der französische Staatskonzern EdF den Bau eines neuen Reaktors in Großbritannien beschlossen.
  • Das Projekt gilt als riskant. Schon die anderen beiden Reaktoren wurden zum finanziellen Desaster. Und das Brexit-Votum macht alles noch ungewisser.

Von Michael Kläsgen und Karl-Heinz Büschemann

Die Atomkraft, so schien es, hat in Europa keine Zukunft mehr. Doch Großbritannien sagt nochmals Nein. Nach 20 Jahren trifft das Land wieder die Entscheidung, auf dem eigenen Territorium ein Kernkraftwerk zu bauen. Im eigenen Land fehlt dafür das Know-how. Deswegen lassen die Briten das gewaltige Projekt von dem französischen Staatskonzern Areva bauen. Auch China sitzt mit im Boot beim Bau des 3,2 Gigawatt-Atomkraftwerks in Hinkley Point am Bristolkanal zwischen England und Wales an der britischen Westküste. Der französische Stromversorger EdF, der zu 85 Prozent dem Staat gehört, hat am Donnerstag nach langem internen Streit beschlossen, den umstrittenen und riskanten Bau in Angriff zu nehmen. In Hinkley Point stehen bereits die Atomkraftwerksblöcke A, der schon stillgelegt wurde, und B. Der geplante Block C soll nahezu sechs Millionen britische Haushalte mit Strom versorgen.

Die Entscheidung für das Projekt fiel knapp aus. Zehn Verwaltungsratsmitglieder von EdF stimmten dafür, sieben dagegen. Ein Mitglied war vor der Sitzung aus Protest zurückgetreten. Das Vorhaben entzweit sogar den Atomkonzern, der die französische Stromversorgung beherrscht. Es geht um 22 Milliarden Euro, mindestens. Es war ein jahrelanges Tauziehen.

Hinkley Point ist symbolträchtig

Der Bau des Milliardenprojekts dürfte auch als Signal aufgefasst werden, dass die Atomkraft, aus der Deutschland bis 2022 aussteigen will, in anderen Ländern weiter verfolgt wird. Hinkley Point ist symbolträchtig, weil mit Frankreich, Großbritannien und China drei Länder an Bau und Finanzierung des Projekts beteiligt sind, die weiter auf die Nutzung der Kernenergie setzen. Frankreichs Industrie erhofft sich von dem britischen Projekt die Chance, bei Ausschreibungen in Ländern wie Indien, Südafrika oder Polen den Zuschlag zu bekommen. China, das im eigenen Land eine Reihe von Atomkraftwerken errichtet, erhofft sich von dem britischen Projekt ebenfalls Zugang zu ausländischen Kraftwerksprojekten und einen Prestigegewinn.

Hinkley Point gilt als besonders riskant, seit Großbritannien im Juni in einem Referendum beschlossen hat, die EU verlassen. Dadurch waren die Zweifel an dem Projekt immer größer geworden. Das Ja zum Bau des britischen Kraftwerks mag wie das Bekenntnis zum Glauben an die Kernkraft verstanden werden. Aber so ist es nicht. Der EdF-Konzern und die Atomlobby Frankreichs sind in dieser Frage zerrissen.

Im März hatte EdF-Finanzvorstand Thomas Piquemal hingeworfen, weil er das Projekt für größenwahnsinnig und gefährlich für den Bestand des Konzerns hielt. "Wer wettet 60 bis 70 Prozent seines Vermögens auf eine Technik, von der man immer noch nicht weiß, ob sie funktioniert, obwohl man seit zehn Jahren versucht, sie zu bauen?", echauffierte sich Piquemal. Der abgetretene Atom-Manager befindet sich in ungewohnter Eintracht mit den Atom-Gegnern von Greenpeace. "Diese Entscheidung führt das Unternehmen schnurstracks in den Bankrott und wird zu geringe Investitionen in die nukleare Sicherheit im französischen Kraftwerkspark nach sich ziehen", kritisierte die Umweltschutzorganisation.

Zwei Reaktoren vom gleichen Typ wurden zum finanziellen Desaster

Nach dem geplanten Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist das Risiko noch unkalkulierbarer geworden. Ursprünglich veranschlagte EdF die Kosten auf gut 14 Milliarden Euro, korrigierte sie aber inzwischen um mehr als 50 Prozent nach oben. Doch alle wissen: Auch das ist nur ein theoretischer Preis, ebenso theoretisch wie die geplante Inbetriebnahme 2025.

Der Grund: Zwei Atomkraftwerke des gleichen Typs sind zum finanziellen Desaster für den Staatskonzern geworden: der Prototyp des Druckwasserreaktors EPR in Finnland ist nach elf Jahren Bauzeit und rasanten Preissteigerungen immer noch nicht fertig. Auch das "Vorzeige-Kraftwerk" in Flamanville in Frankreich am Ärmelkanal ist zum Abenteuer geworden. Die Anlage hatte der Staatskonzern nach dem Schlamassel in Finnland bauen wollen, um möglichen Kaufinteressenten im Ausland zu zeigen, dass der EPR doch funktioniert. Doch seither haben sich die Kosten verdreifacht und ein Ende des Baus zeichnet sich immer noch nicht ab.

Die CGT, die mächtige Gewerkschaft im Staatskonzern, ist deswegen gegen den Bau in England. Sie fürchtet um weitere Arbeitsplätze. Wegen Gewinneinbußen will der Konzern ohnehin fünf Prozent seiner Arbeitsplätze in Frankreich abbauen. Der Brexit bringt nun weitere Unwägbarkeiten mit sich. Voraussichtlich werden Tausende Arbeitskräfte für den Bau aus dem Ausland und auch aus Frankreich in Hinkley benötigt. Auch müssten wichtige Komponenten aus Frankreich und anderen Ländern nach Großbritannien importiert werden. Wenn das Pfund aber abwertet, wie zuletzt geschehen erhöhen sich Personal- und Baukosten.

Großbritannien muss den Strom aus dem neuen Atomkraftwerk subventionieren

Um die Kosten in Grenzen zu halten, will EdF die Lasten mit einem chinesischen Konsortium teilen. Doch auch dem asiatischen Partner war zuletzt bei dem Projekt unwohl geworden. Ursprünglich wollten die Chinesen 40 Prozent der Kosten übernehmen. Inzwischen dringen sie darauf, ihren Anteil auf 30 Prozent zu reduzieren.

Zudem sieht es so aus, als könne Großbritannien an dem Bau nur festhalten, wenn er kräftig subventioniert wird. EdF hatte mit der britischen Regierung einen vorteilhaften Garantiepreis ausgehandelt, zu dem EdF der Strom abgenommen werden soll. Die Partner hatten sich im Jahr 2013 darauf geeinigt, dass über 35 Jahre ein Preis von umgerechnet etwa 110 Euro pro Megawattstunde Strom garantiert würde. Derzeit liegt der Marktpreis pro Megawattstunde jedoch nur noch bei 25 Euro.

Der Bau könnte für den britischen und den französischen Steuerzahler teuer werden. Ein Kommentator in einer französischen Wirtschaftszeitung schreibt: "Wenn EdF ein Privatunternehmen wäre, würde es sich nie auf das Projekt einlassen." Doch EdF ist ein Staatskonzern und die Entscheidung am Ende politisch. Die beiden Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's hatten angekündigt, die Kreditwürdigkeit der Investoren herabzustufen, die in Hinkley Point investieren. Jetzt ist es soweit.

© SZ vom 29.07.2016/jps
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