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Hilfswerk Emmaus:Gemeinschaft der Lumpensammler

Auf dem 800 Quadratmeter großen Gelände, das die Kölner Emmaus-Gemeinschaft mit einer Erbschaft gekauft hat, die ihnen ein ehemaliges Vorstandsmitglied vermacht hat, stehen heute ein Bürohaus, zwei Lagerhallen, eine kleine Fahrradreparaturwerkstatt, eine kleine Schreinerei, drei Container und drei Bauwagen. Opfergelt führt durch die Lagerhallen. In einer werden gebrauchte Schränke, Betten, Matratzen, Sofas und Sessel verkauft. In der anderen Halle steht ein buntes Sammelsurium aus Elektrogeräten für die Küche, Fernsehern und Fotoapparaten, Kleidung für Erwachsene und Kinder, ein Raum für Weißwäsche, Spielzeug, Geschirr, Taschenbücher, Videos und natürlich die Kasse. Draußen gibt es noch eine Recycling-Stelle, an der Abfälle getrennt werden - eine weitere Einnahmequelle.

Opfergelt ist für den Hausrat zuständig. Er sortiert und sucht aus, was für den Verkauf in Köln geeignet ist oder in Container-Hilfslieferungen nach Osteuropa oder Südamerika geschickt werden kann. Er muss morgens nach der täglichen Arbeitsbesprechung um 8 Uhr 15, Kisten packen und Regale einräumen. Zum Mittagessen fahren alle im kleinen Emmaus-Bus in ihr Wohnhaus in Köln-Longerich, das zum Dormagen-Stift, einer sozialen Einrichtung, gehört und mietfrei bewohnt werden darf. "Jeden Tag wechselt der Küchendienst, es wird gemeinsam gegessen und abgewaschen. Das gemeinsame Leben und das gemeinsame Arbeiten stärkt den Zusammenhalt", sagt Does. Jeder arbeitet dabei so lang, wie es seine Kräfte zulassen.

Essen für Obdachlose

Opfergelt hat viel Kraft. Sein Arbeitstag ist lang. Nach der Mittagspause fährt er zurück aufs Betriebsgelände, wo ab 15 Uhr das Tor für die Kunden geöffnet wird. Auch Samstagvormittag wird gearbeitet. Vier Mal die Woche fährt Opfergeld auch noch mit auf den Appellhofplatz in der Kölner Innenstadt, um Essen an Obdachlose zu verteilen. Die Nahrungsmittel kommen zum Großteil von der Kölner Tafel und meistens schickt das Gesundheitsamt auch noch einen Arzt und eine Schwester, die die Obdachlosen medizinisch betreuen. "Da wird es manchmal ganz schön spät und das bei Wind und Wetter. Wir stehen immer da. Man braucht uns", sagt Opfergelt.

Er weiß, wovon er spricht. "Von November 1993 bis Mai 1994 habe ich Platte gemacht", sagt er, "und dann habe ich auf dem Appellhofplatz Emmaus kennengelernt. Die ersten 14 Tage bin ich nur tagsüber gekommen und habe abends noch im Container geschlafen". Wie er obdachlos geworden ist, verrät er nicht. "Da habe ich jetzt gerade eigentlich gar keine Lust zu", sagt er und presst seine Lippen aufeinander. Dafür erzählt er viel lieber von seiner Tochter, mit der er wieder Kontakt hat und die er jedes Wochenende besucht. Niemand bei Emmaus erzählt sofort, was ihn in seinem Leben aus der Bahn geworfen hat. Ihr Schicksal ist nichts für Ungeduldige.

"Bei uns wohnen Männer und Frauen und manchmal ganze Familien, die gescheitert sind und solche, die sich ihrer Privilegien bewusst sind", sagt Does. Inga Hoolmans beispielsweise weiß, dass es ihr materiell gesehen gut gegangen ist. Sie hat Politikwissenschaften studiert und ein Referendariat begonnen und dann alles aufgegeben, um bei Emmaus zu leben. "Es muss im Leben mehr geben als mein Haus, mein Auto, meine Familie", sagt sie. Ob sie ihr Glück in Köln gefunden hat? "Ja, ich habe es hier gefunden. Aber hier ist nicht mein Endziel, sondern ein Stück auf dem Weg." Hoolmans betrachtet das Leben bei Emmaus als Prüfung. Sie möchte Nonne werden.

Traum von einer eigenen Wohnung

Jene, die das Leben bei Emmaus nicht aus freien Stücken gewählt haben, sondern weil sie nicht so Recht wissen, wo sie sonst hin sollen, sind nicht immer so glücklich wie Franz oder Inga. "Alle haben Kommunikationsprobleme, manche schweigen aber lieber, bevor sie wieder bei unserem wöchentlichen Gesprächsabend von der Obrigkeit platt geredet werden und dann die Doofen sind, weil sie den Mund aufgetan haben", sagt einer, der nicht sagen möchte, wie er heißt. Er träumt im Stillen von einem Leben in einer eigenen Wohnung, einem echten Job und davon, Freunde zu finden. Einige haben diesen Absprung schon geschafft. Gleichzeitig fürchtet er sich aber auch davor, wieder einsam zu sein.

Willi und Pascale Does legen deswegen Wert darauf, dass die Leute wissen, wofür sie arbeiten und nicht vergessen, dass es ohne Emmaus noch schwieriger für sie wäre. Jede Woche hängen sie im Essensraum die aktuellen Zahlen über die Einnahmen und Ausgaben von Emmaus aus. Die Kasse führen sie allerdings selbst: "Wir haben da leider schlechte Erfahrungen gemacht. Die Leute haben sich bedient."

Sie leben dabei genauso bescheiden, wie alle anderen Emmaus-Bewohner. Jeder bekommt ein Brutto-Gehalt von rund 600 Euro, davon gehen 400 Euro für Kost und Logis ab, sowie 150 Euro für die Krankenkasse und für Rücklagen, für den Fall, dass jemand Emmaus wieder verlassen möchte und beispielsweise Geld für eine Kaution braucht. Jedem bleiben genau 50 Euro Taschengeld in der Woche. "Wenn Pascale und ich ein sattes 3000 Euro-Bruttogehalt bekommen und Ein-Euro-Jobber einstellen würden, könnten wir auch leben", sagt Does. "Wir wollen aber teilen und legen Wert auf Selbsthilfe. Das ist einfach eine Lebenseinstellung."

© SZ vom 20.09.2008/tob
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