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Herbert Diess:Freier Flug nach Kalifornien

Der VW-Vorstand wird von den amerikanischen Behörden in Ruhe gelassen. Eine Festnahme muss er nicht befürchten.

Vergangene Woche hatte Volkswagen-Vorstand Herbert Diess in den USA zu tun, was für VW-Manager in diesen Zeiten besonders heikel ist. Die US-Justiz greift in der Abgasaffäre besonders hart durch. Zwei frühere Beschäftigte des Autoherstellers sehen in Übersee mehrjährigen Haftstrafen entgegen. Der eine sitzt bereits im Gefängnis, der andere trägt eine Fußfessel. Auch gegen Diess, der in dem Konzern mit seinen vielen Marken von Audi bis Porsche für die Sparte VW zuständig ist, wird ermittelt. Wenn auch nur in Deutschland, und wenn auch nur wegen des Verdachts, er und andere hätten die Aktionäre zu spät über die Verstöße gegen US-Umweltvorschriften unterrichtet.

Diess ließ vor seiner Reise nach Pebble Beach in Kalifornien vorsichtshalber sondieren, ob ihm dort Unheil drohe. Die Antworten der US-Behörden: Keine Sorge, er werde nicht verhaftet und könne das Land wieder verlassen, als freier Mann. Diess flog los und präsentierte in Pebble Beach ein neues Elektrofahrzeug, den E-Bulli ID Buzz, der 2022 auf den Markt kommen soll. Mit dem E-Bulli will Volkswagen gegen Elektroauto-Pionier Tesla bestehen.

Diess kam von BMW. Dort war ein "Defeat Device" kein Thema gewesen

Ins Visier der Braunschweiger Staatsanwaltschaft ist Diess geraten, weil er am 27. Juli 2015 in der Konzernzentrale in Wolfsburg am sogenannten Schadenstisch dabei war, als VW-Ingenieure dem damaligen Vorstandschef Martin Winterkorn den Abgasbetrug in den USA gebeichtet haben sollen. Was da genau besprochen wurde, ist allerdings strittig. Der Begriff "Defeat Device" soll gefallen sein. Motorenexperten schrecken da auf, weil es sich um eine verbotene Abschalteinrichtung für die Abgasreinigung handeln kann.

Diess muss diesen Begriff nicht unbedingt gekannt haben. Er war erst vier Wochen vorher von BMW in München zu Volkswagen nach Wolfsburg gekommen. Und in München ist ein "Defeat Device" bis heute kein Thema. Weder Behörden in den USA noch Ermittler in Deutschland verdächtigen BMW, bei Dieselfahrzeugen betrogen zu haben. Die Münchner haben offenbar früher und stärker als Volkswagen in die Abgasreinigung investiert.

Aus VW-Kreisen heißt es, Diess habe beim Schadenstisch nachgehakt. Ob dem Problem nachgegangen werde; ob mit den US-Behörden geredet werde, und ob er seine Kontakte in die USA nutzen solle, um das selbst zu übernehmen. Da Vorstandschef Winterkorn sich der Sache habe annehmen wollen, sei für Diess nichts mehr zu tun gewesen. Dabei sei es später auch geblieben, sodass Diess den Eindruck gehabt habe, die zuständigen Leute hätten alles im Griff. So die Darstellung bei VW.

Die Braunschweiger Staatsanwälte werden wohl erst nächstes Jahr entscheiden, was aus dem Fall wird. Zumindest bis dahin hat Diess nichts zu befürchten. Sein Vorstandsjob ist ihm sicher, und eines Tages könnte er sogar Volkswagen-Chef werden. Vorausgesetzt, er geht heil aus der Abgasaffäre hervor.

© SZ vom 25.08.2017
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