Henkel:Ausgewaschen

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Schon 1922 bewarb der Düsseldorfer Konzern sein berühmtestes Produkt. (Foto: oh)

Der erfolgsverwöhnte Persil-Konzern trennt sich vorzeitig von seinem Chef Hans Van Bylen. Doch wer Nachfolger wird, kommt an der Börse gar nicht gut an.

Von Benedikt Müller, Düsseldorf

In der Henkel-Zentrale steht eine riesige Waschmaschine. Jedenfalls sieht der Besprechungsraum so aus, wenn man von der Vorstandsetage aus ins Atrium schaut. Er erinnert die Manager an die Wurzeln dieses Waschmittelherstellers, gegründet 1876 von Fritz Henkel. Bis heute sind die Düsseldorfer für Persil bekannt, aber auch für Kleber wie Pritt oder Kosmetik wie Schwarzkopf: kaum ein Haushalt ohne irgendein Henkel-Produkt. "Gewaschen und frisiert wird immer", beschrieb einer mal salopp das Geschäft.

Und es passt zu der Beständigkeit, dass mit Hans Van Bylen bislang ein freundlicher Belgier an der Spitze steht, der - bis auf einen Studentenjob im Supermarkt - sein ganzes Berufsleben bei Henkel verbracht hat. Umso ungewöhnlicher ist, dass der 58-Jährige nun schon Ende des Jahres gehen muss, ein Jahr vor Auslauf seines Vertrags, nach nur dreieinhalb Jahren als Vorstandschef. Das hat der Konzern am Donnerstagabend mitgeteilt, auf "persönliche Gründe" verwiesen und von "gegenseitigem Einvernehmen" gesprochen.

Tatsächlich erlitt Henkel unter Van Bylen eine ungewohnte Wachstumsschwäche. Das Unternehmen, das noch zu 61 Prozent den lebenden Nachfahren Fritz Henkels gehört, expandierte mit seinen Markenprodukten früh in die halbe Welt. "Henkel ist eines der globalsten Unternehmen in Deutschland", hatte Van Bylen gesagt. Immer mal wieder kauften die Rheinländer zu. Und sie sind Weltmarktführer bei Klebstoffen, die etwa in Autos, Flugzeugen oder Smartphones die vielen Einzelteile zusammenhalten.

2018 jedoch ging der Umsatz zurück, erstmals seit langer Zeit. Van Bylen verwies noch auf ungünstige Wechselkurse. Für dieses Jahr hat der Konzern dann eine sinkende Gewinnmarge angekündigt - und versucht, mit höheren Ausgaben für Werbung und Digitalisierung dagegenzuhalten. Dennoch musste Van Bylen im Sommer die Jahresprognose nach unten korrigieren. An der Börse ist Henkel 20 Prozent weniger wert als noch vor drei Jahren.

Rund liefen zuletzt nur die Reinigungsmittel wie Perwoll oder Somat. Die Klebstoffe hingegen leiden - wie viele Firmen hierzulande - unter der schwachen Nachfrage der Autoindustrie; eine Ursache sind Handelskonflikte. Und in der Kosmetik mit Marken wie Schauma oder Syoss macht sich der Preiswettbewerb in Supermärkten und Drogerien bemerkbar. Auch die wachsende Kritik an Plastikverpackungen stellt Henkel vor Herausforderungen.

Hinzu kommt, dass Van Bylen von Anfang an blasser daherkam als sein charismatischer Vorgänger Kasper Rorsted. Der Däne hatte die Firma jahrelang auf Rendite getrimmt, bis er - nahezu auf dem Höhepunkt des Erfolgs - zu Adidas wechselte.

Wie bei Rorsteds Abgang setzen die Henkel-Familie und der Aufsichtsrat unter Leitung von Simone Bagel-Trah nun wieder auf einen internen Nachfolger: Finanzchef Carsten Knobel, 50, soll zu Neujahr den Vorstandsvorsitz übernehmen. "Er kennt unser Unternehmen bestens", sagt Bagel-Trah, und genieße auch am Kapitalmarkt "einen ausgezeichneten Ruf".

An jenem Kapitalmarkt verlor Henkel am Freitag jedoch zeitweise weitere vier Prozent an Wert. Es sei enttäuschend, dass der Konzern keinen Neuanfang samt Manager von außen wage, kritisiert die Analystin Celine Pannuti von der Bank JP Morgan. In der Konsumgüterbranche seien bisher nur wenige Finanzchefs erfolgreich gewesen. Und Martin Deboo von Jefferies fragt rhetorisch, ob ein Manager wie Knobel, der an Entscheidungen der vergangenen Jahre beteiligt war, die richtige Antwort auf die Herausforderungen sei.

Zuweilen kann Beständigkeit auch eine Bürde sein.

© SZ vom 26.10.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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