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Energie:Warum Benzin und Heizöl eher teuer sind

12.03.2020, Berlin, GER - Benzinpreise spiegeln sich in einem Autofenster. (Anzeige, Anzeigetafel, aussen, Aussenaufnahm

Die Benzin- und Dieselpreise sind derzeit ungefähr 15 Prozent niedriger als zu Jahresbeginn. Rohöl hat sich in diesem Zeitraum allerdings um fast 70 Prozent verbilligt.

(Foto: Frank Sorge/imago images)
  • Der Ölpreis ist so niedrig wie seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr.
  • Doch die Preise für Benzin und vor allem Heizöl sind vergleichsweise hoch. Einer der Gründe dafür: Die Nachfrage vor allem nach Heizöl ist enorm.

Von Hans von der Hagen und Jan Schmidbauer

Gute Nachrichten waren zuletzt ein rares Gut. Wer eine kleine Aufmunterung sucht, wird sie womöglich an einem Ort finden, der normalerweise eher für schwer bekömmliche Bockwurst und Aufbackbrötchen bekannt ist. An Deutschlands Tankstellen sind Benzin und Diesel so günstig wie seit vielen Jahren nicht mehr. Ein Liter Superbenzin kostet oft nur noch 1,20 Euro und damit rund 20 Cent weniger als noch zu Jahresbeginn. Beim Diesel sieht es ähnlich aus. An etlichen deutschen Tankstellen ist der Liter für 1,10 Euro zu haben. Vereinzelt wurden sogar schon Preise von unter einem Euro gemeldet. In der Kleinstadt Verden bei Bremen zum Beispiel.

Wenn sich Autofahrer an einer Verdener Tankstelle über günstigere Preise freuen können, liegen die Ursachen dafür meist nicht hier, sondern in weit entfernten Teilen der Welt. Auch diesmal ist das so. Allerdings nur zum Teil. Saudi-Arabien liefert sich mit anderen Erdöl-Ländern, allen voran Russland, einen regelrechten Preiskrieg. Der äußert sich darin, dass die produzierenden Staaten zusammen viel mehr Öl aus der Erde pumpen, als zurzeit nachgefragt wird.

Werden die Autofahrer systematisch übers Ohr gehauen?

Damit ist man auch schon beim zweiten Grund für den Preisrutsch. Der hat diesmal allerdings nichts mit geopolitischem Kräftemessen zu tun. Die Folgen der Coronavirus-Pandemie lähmen die Wirtschaft und sorgen auch für leere Straßen. Viele Leute sitzen morgens im Pyjama zu Hause anstatt in voller Montur auf der Autobahn. Die Nachfrage nach Sprit ist deshalb niedriger als sonst. Es ist diese Kombination aus mangelnder Nachfrage und globaler Überproduktion, die derzeit zu besonders niedrigen Spritpreisen führt.

Viele Verbraucher fragen sich allerdings, ob diese Entwicklungen wirklich vollständig an sie weitergegeben werden. Der Ölpreis ist seit Jahresbeginn immerhin um fast 70 Prozent gefallen, der Benzin- und Dieselpreis aber nur um ungefähr 15 Prozent. Werden die deutschen Autofahrer also systematisch übers Ohr gehauen? Ganz so einfach ist es nicht. Deutschlands größter Automobilklub, der ADAC, kritisiert allerdings die Preispolitik der Mineralölkonzerne. Man habe "den Eindruck, dass die niedrigeren Rohölpreise nicht hundertprozentig weitergegeben werden", sagt ein Sprecher. "Aus unserer Sicht ist Spielraum da für weitere Preissenkungen."

Allerdings, und das gibt auch der ADAC zu Bedenken, beeinflussen neben dem Rohölpreis noch eine ganze Reihe von anderen Faktoren den Preis an der Zapfsäule. "Wir geben natürlich die Preise weiter", sagt ein Sprecher des Unternehmens Aral, das mehr als 2000 Tankstellen in Deutschland betreibt. Falsch sei allerdings die Annahme mancher Verbraucher, wonach der Benzinpreis um 60 Prozent sinken müsste, wenn der Ölpreis um 60 Prozent sinkt. "Das kann gar nicht sein", sagt der Aral-Sprecher.

In der Tat sind große Teile des Spritpreises völlig unabhängig vom aktuellen Weltgeschehen, von Preiskriegen und Pandemien. Mehr als die Hälfte des Benzinpreises besteht aus Steuern. Und der größte Posten ist dabei fix: die sogenannte Energiesteuer, früher auch Mineralölsteuer genannt. Für jeden verkauften Liter Benzin erhebt der Fiskus 65,4 Cent, egal, wie hoch der Ölpreis gerade ist. Beim Diesel ist der Anteil mit rund 47 Cent etwas geringer, aber immer noch beträchtlich. Wenn der Preis für Rohöl sinkt, fällt das also nur zu einem gewissen Teil ins Gewicht.

Selbst wenn Öl gratis wäre, umsonst gefördert und zur Tankstelle gebracht und dort verkauft würde, müsste der Tankstellenbetreiber für das Benzin mindestens die Energiesteuer sowie die Mehrwertsteuer erheben. Selbst in diesem - zugegeben stark vereinfachten Szenario - würde der Liter Benzin noch ungefähr 80 Cent kosten. Die Branche führt aber noch andere Gründe dafür an, dass der Spritpreis nicht so stark eingebrochen ist wie der Ölpreis. So führe die derzeit sehr niedrige Nachfrage auch dazu, dass die Produktions- und Vertriebskosten pro Liter etwas höher ausfallen. Wird in der Raffinerie weniger Rohöl aufbereitet und in der Tankstelle eine geringere Menge an Sprit verkauft, fallen beispielsweise die Kosten für das dort tätige Personal höher ins Gewicht, so die Argumentation. Hinzu komme auch, dass durch gesetzliche Vorgaben inzwischen mehr Biosprit beigemischt werden müsse, was die Kosten ebenfalls erhöhe.

Heizöl ist gerade so etwas wie flüssiges Klopapier. Die Nachfrage ist extrem groß

Dass die bunten Kurven in den Börsennachrichten nicht immer mit der Lebensrealität der Verbraucher zusammenpassen, stellen gerade aber nicht nur Tankstellenkunden fest, sondern auch diejenigen, die mit Öl heizen. Dort sind die Diskrepanzen im Vergleich zum Rohölpreis oft sogar noch größer. Und besonders groß sind die regionalen Unterschiede. In der Region München beispielsweise müssen Kunden bei einer Abnahmemenge von 2000 Litern etwa 64 Euro je 100 Liter Heizöl zahlen. Bestellt hingegen jemand in Flensburg, am anderen Ende der Republik, bezahlt er nur knapp 46 Euro. Eine gewisse Preisdifferenz zwischen Nord und Süd gab es in Deutschland immer, weil der Norden über die Häfen viel leichter an das Öl kommt als der Süden. Derzeit ist allerdings der Unterschied schon wieder so groß wie 2018, als der Brand einer Raffinerie in Vohburg die Preise in Süddeutschland nach oben trieb. Einer der möglichen Gründe dafür: Kürzlich musste eine Raffinerie in Bayern gewartet werden.

Doch so hoch das Preisniveau im Vergleich zum Rohöl sein mag - es schreckt die Käufer nicht ab. Unverdrossen wird weiter bestellt. Für die Anbieter besteht so überhaupt kein Anlass, mit den Preisen nach unten zu gehen. Heizöl, so muss man es wohl sagen, ist gerade eine Art flüssiges Klopapier. Die Händler kommen mit den Lieferungen nicht mehr nach: Rund 60 Werktage müssten sich Käufer gedulden, bis das Öl zu ihnen kommt, sagt Josef Weichslberger, Chef des Heizöl-Vermarkters Fast-Energy. Eine solche Situation habe er noch nie erlebt, obwohl er seit drei Jahrzehnten im Ölgeschäft dabei ist. So manchen Kunden ist das Öl im Tank wohl wichtiger als das Geld auf dem Konto. Vielleicht fürchteten die Abnehmer auch, dass die Versorgung mit Heizöl nicht aufrechterhalten werden könnte, sagt Weichslberger. Aber diese Sorge sei unbegründet.

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Trotzdem ist die bei seinem Unternehmen bestellte Menge derzeit etwa viermal so groß wie normalerweise im März. Wann das große Tanken anfing, kann Weichslberger sehr genau sagen: Am 9. März brachen die Server mancher Anbieter zusammen, weil derart viele Kunden die Webseiten aufriefen, über die Heizöl heute oft bestellt wird. Es war der Montag nach dem Wochenende, an dem die Verhandlungen des Ölkartells Opec mit Russland über eine Reduzierung des Angebots gescheitert waren. Um mehr als 30 Prozent stürzte der Rohölpreis damals ab. "Und die Leute sind dann einfach in dem Glauben, dass das Heizöl günstiger sei, wenn sie lesen, dass der Ölpreis gecrasht sei." In normalen Zeiten wäre Heizöl bei diesem Rohölpreis in Bayern sicher zehn bis 15 Cent pro Liter günstiger, sagt Weichslberger. Er geht davon aus, dass die Lage am Heizölmarkt sich erst dann wieder beruhigt, wenn die Lager voller und die Tankfahrzeuge nicht derart ausgelastet seien. Bis Mai oder Juni könne das noch dauern.

© SZ vom 02.04.2020/hgn
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