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Hawa Dawa:Die Luftdienstleister

Karim Tarraf und Yvonne Rusche waren in der Entwicklungshilfe tätig, bis sie 2016 Hawa Dawa gründeten, ein bereits mehrfach ausgezeichnetes Start-up.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Das Münchner Start-up untersucht die Schadstoffbelastung in Städten. Ziel ist, Messwerte vergleichbar zu machen und Trends aufzuspüren. Es könnte mithelfen, die Mobilität zu verändern.

Auf dem Viktoriaplatz im schweizerischen Bern ist die Luft an diesem Freitagmittag halbwegs in Ordnung. Zumindest sieht das auf der digitalen Heat-Map von Hawa Dawa so aus. Die Messwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub sind geringer als in anderen Städten, in denen das Start-up die Luftqualität untersucht. Im April sah das anders aus. Da hatten sie in Bern Spitzenwerte für Feinstaub gemessen. "Daran kann man ansetzen", sagt Karim Tarraf.

Der Geschäftsführer und Mitgründer von Hawa Dawa zeigt an diesem Freitag an einem Digitalmodell im Impact-Hub, einem Münchner Start-up-Zentrum, worin die Geschäftsidee seiner Firma besteht: Er und seine 14 Mitarbeiter sammeln und verarbeiten große Datenmengen zur Luftqualität. Und zwar räumlich so exakt und zeitlich so nah, dass daraus Handlungsvorschläge für Städte und Unternehmen entwickelt werden können. Von der Vermeidung von Diesel-Fahrverboten bis zu Verkehrsleitsystemen, die für bessere Luft sorgen. Die Möglichkeiten sind gewaltig, die mit den Modellen von Hawa Dawa möglich werden. Sie könnten die Art und Weise, wie sich Menschen in Städten fortbewegen, grundlegend verändern.

Radfahrer finden den saubersten Weg durch die City, Auswanderer gesündere Viertel in Asien

In acht Städten in Deutschland und der Schweiz untersucht Hawa Dawa - was auf Arabisch, Persisch und Türkisch übrigens Luftreinheit bedeutet - die Schadstoffbelastung. Darunter sind Großstädte wie München und Bern, aber auch kleinere Orte wie Meschede in Nordrhein-Westfalen. 62 eigene Messstationen haben sie dazu aufgebaut. Die Geräte sind mechanisch weniger aufwendig als die großen Messcontainer, mit denen etwa das Umweltbundesamt misst. Bei Hawa Dawa haben sie deshalb einen Algorithmus entwickelt, mit dessen Hilfe die Luftsensoren "intelligent verschaltet werden". Damit wird das Messergebnis für einen Schadstoff mit zusätzlichen Daten, etwa zur Umgebungstemperatur oder zu weiteren Schadstoffen, digital abgeglichen und korrigiert. So will das Start-up für einen Bruchteil der Kosten belastbare Luftqualitätsmodelle erstellen.

Die Münchner haben viel Lob für ihr Konzept bekommen. Zwölf Auszeichnungen haben sie seit ihrer Gründung 2016 erhalten, vom Verkehrsministerium genauso wie von der europäischen Weltraumorganisation Esa. Finanziert wird das Start-up von drei "Business-Angels". Seit Jahresbeginn haben diese Geldgeber etwas mehr als eine halbe Million Euro investiert. Über ihren ersten großen Förderer, die Münchner Rückversicherungsgesellschaft, kamen sie 2016 ins Münchner Impact-Hub.

Die ökologisch verträgliche Mobilität von morgen, das sieht man an dem Raum, in dem bei Hawa Dawa an ihr getüftelt wird, ruht auf zwei Säulen: der Aufbereitung digitaler Daten und der Technik, mit der sie erhoben werden. Vor dem Bildschirm mit den Schadstoff-Kurven steht in dem etwa 40 Quadratmeter großen Büro von Hawa Dawa der große Konferenztisch. An ihm sitzt an diesem Freitag der Software-Entwickler José Levya, auf dessen Laptop lange Zahlen- und Buchstabenketten flimmern - die Rohdaten aus einer der Städte, in denen Hawa Dawa die Luftqualität misst. Auch sie sollen am Ende so aufbereitet sein, dass auf einen Blick erkennbar wird, wie hoch die Schadstoffbelastung an einer einzelnen Straßenkreuzung ist. Dabei erinnert die Kartenansicht, mit der Hawa Dawa arbeitet, in ihrer dreidimensionalen Draufsicht an ein Google-Street-View für Luftqualität.

Nicht nur in ihrer Optik, auch in seinem Anspruch erinnert Hawa Dawa manchmal an Firmen aus dem Silicon Valley: "Stellen Sie sich vor, wir sagen Ihnen als Fahrradfahrer den saubersten Weg durch die Stadt", sagt Gründer Tarraf. "Oder wir zeigen Ihnen die saubersten Viertel, wenn Sie mal in Asien leben wollen."

Die internationale Ausrichtung von Hawa Dawa hängt aber nicht nur damit zusammen, dass in dem kleinen Eckbüro im

Impact-Hub zehn verschiedene Nationalitäten zusammenarbeiten. Ursprünglich hatten Tarraf und seine Ehefrau, Yvonne Rusche, die das Unternehmen mitgegründet hat, nicht vorgehabt, mitteleuropäischen Radfahrern Tipps für die sauberste Route zu geben. Beide arbeiteten in der Entwicklungshilfe. Sie wollten Ländern wie Bolivien, wo Rusche geboren ist, oder Ägypten, woher Tarraf stammt, dabei helfen, die Luftqualität zu verbessern. Das war 2015, als Tarraf gerade dabei war, seinen Masterabschluss in technologieorientiertem Management an der TU München zu machen.

"Wir dachten damals, in Deutschland ist die Luftqualität super", sagt Rusche. Dann wurde im September 2015 der Dieselskandal bei VW bekannt. Danach war klar, dass Hawa Dawa zuerst in Deutschland auf den Markt geht. Und zwar mit einem Ansatz, den bis dahin kaum jemand verfolgte: Eine Art Google für Luftqualität zu werden, die wichtigste Quelle für Informationen zu sauberer Luft auf dem Markt.

Dazu kombiniert Hawa Dawa Satelliten-Daten zur Schadstoffbelastung von der europäischen Weltraumorganisation Esa mit eigenen Messergebnissen. Hinzu kommen Geo-Daten, etwa Informationen über den Verkehrsfluss, die sie von Städten bekommt, genauso wie Wetterdaten. Damit können die Münchner dann ein digitales Modell erstellen, das nicht nur in Echtzeit anzeigt, wie gut die Luftqualität ist. Es soll auch Prognosen über die Zukunft zulassen, etwa für eine ökologisch ausgewogene Stadtplanung.

Bei Hawa Dawa wollen sie aber noch mehr: Ihre Daten sollen fester Bestandteil des Alltags ihrer Nutzer werden. Dazu könnten aufbereite Messergebnisse in Apps auf dem Smartphone einfließen. Die zeigen dann nicht nur den saubersten Weg von A nach B an. Sondern steuern auch beim Hauskauf oder bei Gesundheitsproblemen der Nutzer Informationen zur Luftqualität bei.

"Man kann mit diesen Daten nicht überprüfen, ob es Grenzwertüberschreitungen gibt."

Nur eines, das können die Modelle und Messergebnisse von Hawa Dawa nicht. "Man kann mit diesen Daten nicht überprüfen, ob es Grenzwertüberschreitungen gibt", sagt Ute Dauert vom Umweltbundesamt. Ob also die Luftqualität an einer Straßenkreuzung so schlecht ist, dass die EU-Grenzwerte für Stickstoffdioxid und Feinstaub verletzt werden. Denn für eine solche Bewertung sind Messgeräte der höchsten Genauigkeitsstufe nötig. Solche, wie sie das Umweltbundesamt gemäß EU-Richtlinie verwendet. Hawa Dawa dagegen will Luftqualität vergleichbar machen und Trends aufzeigen. Und dafür muss es laut Geschäftsführer Tarraf kein Messgerät für viele Hunderttausend Euro sein. "Für 150 000 Euro können wir drei Städte flächendeckend ausstatten", sagt Geschäftsführer Tarraf.

Im Münchner Impact-Hub, wenige Meter rechts von dem Konferenztisch, an dem bei Hawa Dawa die großen Zukunftsfragen diskutiert werden, stapeln sich auf schmalen Arbeitstischchen Platinen und Elektrodrähte. Hier sitzen die "Tekkie-Guys", wie sie sich selbst nennen. Die Mechatroniker und Ingenieure, die bei Hawa Dawa für die Hardware zuständig sind. Von hier dringt an diesem Freitag das Surren eines Akkuschraubers herüber. Die Techniker schrauben gerade vier weiße Kartuschen, die in der Mitte einen Schlitz haben, auf eine Metallplatte. Der Schlitz ist dafür da, Außenluft anzusaugen. Denn was ein bisschen aussieht wie eine Vierer-Form, mit der man Muffins backen kann, ist einer der wenigen greifbaren Komponenten im Geschäft mit der Luft: Die Messstationen, die Hawa Dawa selbst entwickelt hat.