Haustiere:Mars macht Fiffi wieder mobil

Dog wearing cone collar at vet clinic

Alternativen zur Halskrause gibt es kaum, ansonsten aber ist die Veterinärforschung sehr innovativ.

(Foto: Getty Images)
  • Der Süßigkeiten-Konzern Mars übernimmt die amerikanische Tierkliniken-Kette VCA.
  • Bereits heute ist Mars der größte Produzent von Tiernahrung und Eigentümer einer anderen Kette von Kliniken für Vierbeiner.
  • Vor allem in den USA sind die Umsätze rund ums Haustier steigend und erstaunlich krisenfest.

Von Kathrin Werner, New York

Von außen sieht das Tierkrankenhaus nicht sehr beeindruckend aus. Ein Schaufenster, beklebt mit Werbezetteln in einem schmalen Reihenhaus in Brooklyn. "Tiermedizin mit Qualität seit 1945" steht darüber, die Buchstaben leicht verblichen. Aber innen ist die Klinik topmodern: Ein Tieraugenarzt kann den grauen Star operieren, ein Tierzahnexperte Wurzeln behandeln, ein Tierpsychologe eine Verhaltenstherapie vorschlagen, ein Ernährungswissenschaftler den Hund auf Diät setzen. Und so weiter. Es gibt Geräte für Ultraschall, EKG, digitale Röntgenbilder und Sauerstofftherapie, einen Computertomografen und ein Labor für Bluttests. Geöffnet ist an sieben Tagen in der Woche.

Bald gehört all das zu Mars. Ja, genau, Mars - der Konzern, der auch Mars-Riegel, Snickers, M&Ms und Wrigley's-Kaugummi produziert. Mars zahlt 7,7 Milliarden Dollar für die Tierklinikkette VCA. Insgesamt fast 800 Tierkliniken in den USA und in Kanada gehören zu VCA, an der Börse notiert mit der Ticker-Abkürzung WOOF. "Zusammen können wir noch mehr Wert schaffen und besseren Service und bessere Versorgung für Tiere und Tiereigner anbieten", sagt Mars-Chef Grant Reid.

Haustiere - ein rasant wachsendes Geschäft

Mars, ein Familienunternehmen mit Sitz in Virginia, ist längst nicht mehr nur ein Süßigkeitenproduzent. Die Menschen wollen immer weniger Zucker und Fett essen, und Mars stellt sich deshalb breiter auf. Der Konzern hat einen rasant wachsenden Markt für sich entdeckt: Tiere. Denn an denen sparen insbesondere die Amerikaner nicht, trotz Wirtschaftskrise steigen die Ausgaben für die Vierbeiner von Jahr zu Jahr. 164 Millionen Hunde und Katzen leben in den USA, es werden jedes Jahr mehr. Und die Zeiten, in denen Hunde in Hundehütten lebten, sind längst vorbei. Haustiere leben im Haus und dürfen im Bett schlafen oder direkt davor.

Genauso vorbei sind die Zeiten, in denen Haustiere zweimal im Leben einen Tierarzt sahen: zum Kastrieren und zum Einschläfern. Mehr als 80 Prozent aller amerikanischen Herrchen und Frauchen halten sich für Mom oder Dad ihrer Haustiere, hat der Tierklinikverband AAHA ermittelt. Entsprechend viel geben sie für ihre Familienmitglieder mit Fell aus: 62,75 Milliarden Dollar waren es im vergangenen Jahr laut dem Tierfachverband American Pet Products Association. Vor 20 Jahren war es gerade mal ein Drittel davon.

Mars hat schon vor Jahren Procter & Gamble die Tierfutter-Marken abgekauft und ist der mit Abstand größte Tierfutter-Produzent der Welt. Ihm gehören unter anderem Whiskas, Sheba, Pedigree, Royal Canin und Cesar. Mars Petcare hat seinen Sitz in Brüssel und mehr als 40 000 Mitarbeiter in 50 Ländern. Sie arbeiten an Tests für Hunde-DNA und verkaufen eine Art Fitbit, ein Fitnessband für Vierbeiner, das jeden Schritt des Gassigehens protokolliert. Und schon jetzt - vor der Übernahme der Kette VCA - gehören über die Marke Banfield Pet Hospital mehr als 900 Tierkliniken und über BluePearl zusätzliche Tiernotaufnahmen und Spezialkrankenhäuser zu Mars.

Großkonzerne übernehmen die Tiermedizin, zumindest in Amerika

Die Zeiten, als der Tierarzt noch Herr seines eigenen kleinen Unternehmens war, neigen sich dem Ende zu, zumindest in den USA. Das Magazin Businessweek spricht von der "Corporatization" der Veterinärmedizin und meint: die Großkonzerne übernehmen, so wie Walmart einst die Tante-Emma-Läden verdrängt hat. VCA und Banfield, künftig beide unter dem Dach von Mars, wurden selbst vor allem deshalb so groß, weil sie einem Tierarzt nach dem anderen seine Praxis abgekauft haben. Das Wachstumspotenzial für die Veterinärsketten ist groß, schließlich gibt es trotz der schnell wachsenden Ketten noch immer sehr viele kleine Betriebe unter den rund 26 000 Tierarztpraxen der USA.

In Deutschland gibt es bisher kaum Tierklinik-Ketten. Ob Mars nach Europa expandieren wird, sei noch nicht entschieden, sagte ein Mars-Sprecher.

Die "Corporatization" sei nicht immer gut für Haustier und Halter, kritisieren einige Tierärzte, darunter auch manche, die nach einigen Jahren bei Banfield oder VCA ihre Jobs dort aufgegeben oder verloren haben. Die Konzerne stellten Profit vor die Tiergesundheit, schreibt ein Ex-Banfield-Arzt auf einer Facebook-Seite, die zum Boykott der Kette aufruft und frustrierten Ex-Ärzten und Kunden ein Forum gibt, um ihrem Ärger Luft zu machen. Besonders gegen VCA gibt es Vorwürfe, dass der Konzern den besorgten Moms und Dads der Hunde und Katzen unnötige Tests aufschwatze, an denen er mit seinen eigenen Laboren besonders gut verdient. Auch geimpft werde zu oft und in zu hoher Dosis.

Die Gleichung stimme nicht, dass kleine Praxen automatisch besser seien als große Ketten - ganz im Gegenteil, schrieb Daniel Aja, Medizinvorstand bei Banfield, der Süddeutschen Zeitung per E-Mail. "Standardisierung, wenn sie möglich ist, reduziert das Risiko von menschlichem Versagen." Außerdem hätten die Konzerne mehr Geld für Forschung und neue Geräte. Die Ex-Mitarbeiter, die sich beschwerten, seien Einzelfälle, die 3200 anderen Ärzte seien stolz auf die Abläufe bei der Firma, und das Geldverdienen stehe nicht im Vordergrund. "Die Mitarbeiter treibt an, dass sie sichere, hochwertige und liebevolle Pflege bieten", schrieb er. "Alle medizinischen Entscheidungen treffen die Tierärzte."

Das Geschäft lohnt sich jedenfalls. Mehr als 15 Milliarden Dollar gaben die Amerikaner 2015 für Veterinärbesuche aus. Und anders als in der Humanmedizin müssen sich Tierärzte nicht mit unbezahlten Rechnungen herumärgern - oder mit Krankenkassen, die Preise nachverhandeln wollen. Haustier-Moms und -Dads zahlen bar und direkt an Ort und Stelle. 1,6 Millionen Haustiere in den USA haben eine eigene Krankenversicherung, es ist ein kleiner, aber steigender Prozentsatz, weil Unternehmen wie die Fluggesellschaft Delta oder die IT-Konzerne Hewlett-Packard und Microsoft sie Mitarbeitern als Lohnzusatz anbieten. Für die Tierkliniken ändert das wenig: Auch für versicherte Tiere muss der Halter den Arzt direkt bezahlen und sich dann sein Geld von der Versicherung zurückholen. Ob das klappt oder nicht, ist nicht die Sorge der Tierklinik. Weitere Vorteile: Es drohen keine Kunstfehler-Prozesse, wenn etwas schiefgeht. Tiere gelten vor dem Gesetz als Sachen, Tierärzte müssen nicht horrende Schmerzensgeldforderungen befürchten. Auch Aufsichtsbehörden gibt es kaum, anders als in der Humanmedizin.

Wellness und Schönheits-OPs als neue Trends

Gleichwohl gebe es große Parallelen zwischen den Problemen der Humanmedizin und der Tiermedizin in den USA, stellten Ökonomen der Universitäten Stanford und Massachusetts Institute of Technology vor Kurzem fest. Nicht nur steigen die Kosten rapide, sondern in beiden Bereichen müssten Patienten Entscheidungen treffen und dabei einen Kompromiss zwischen emotionalen und finanziellen Faktoren finden. Dass die Kosten in der Human- wie in der Tiermedizin steigen, obwohl es bei Tieren kaum und bei Menschen sehr viel Regulierung gibt, sei ein Beweis, dass Regulierung nicht schuld sein kann an den steigenden Kosten. Titel ihrer Studie: "Ist die amerikanische Tiermedizin (ebenfalls) einmalig ineffizient?"

VCA machte in den ersten neun Monaten 2016 einen Gewinn in Höhe von 175 Millionen Dollar bei 1,9 Milliarden Umsatz - ein deutlicher Anstieg. Der WOOF-Kurs stieg in dem Jahr vor dem Mars-Angebot um 57 Prozent. Die Gewinnmöglichkeiten sind so riesig wie die Bedürfnisse der Tiere und ihrer Halter. Die Tiermedizin macht Fortschritte und greift mehr und mehr auf die gleiche Technik zurück wie die Humanmedizin - mit entsprechenden Kosten. Inzwischen sind Krebstherapie und Organtransplantationen bei Tieren möglich. Es gibt Physiotherapeuten mit Wassertretbecken extra für Hunde mit Hüft- oder Katzen mit Gewichtsproblemen. Und VCA hat 2014 eine Hunde-Tagesstätten-Kette namens "Camp Bow Wow" gekauft, die auch allerlei Wellness-Produkte anbietet - ein Wachstumsmarkt. Auch Schönheitsoperationen seien im Kommen, sagte der Promi-Tierarzt Alan Schulman aus Los Angeles dem Online-Tiermagazin Animal Fair. "Sie haben keine Ahnung, wie viele Leute nach Botox für ihre Haustiere fragen."

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