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Hauptversammlung bei Thyssen-Krupp:Abrechnung für Cromme

Harte Worte, Pfiffe und hämisches Gelächter: Aufsichtsratschef Gerhard Cromme muss sich bei der Hauptversammlung des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp wütenden Aktionären stellen. Diese hatten sogar damit gedroht, dem Kontrollgremium die Entlastung zu verweigern.

Sein bekanntes Lächeln ist noch da. Gerhard Cromme, 69, erscheint auf dem Podium, versucht zu strahlen, scherzt mit dem einen, winkt einem anderen. Er stellt sich den Fotografen, die darauf warten, den wohl umstrittensten deutschen Manager ins Bild zu setzen. Doch Cromme wirkt auch angespannt. Man sieht ihm an, dass seine Freundlichkeit an diesem Vormittag antrainiert ist. Er will sich auf keinen Fall anmerken lassen, wie die vergangenen Wochen an ihm gezehrt haben. "Mir geht es gut", behauptet er, auch wenn man es ihm nicht glaubt.

Der Aufsichtsratsvorsitzende des Ruhr-Konzerns Thyssen-Krupp musste damit rechnen, dass auf der Hauptversammlung im Bochumer Ruhrkongress ein Scherbengericht auf ihn wartet. Er wusste, dass er das Aktionärstreffen überstehen würde. Er kann hier ja nicht abgewählt werden. Doch er wusste auch, dass seine langfristige Zukunft bei Thyssen-Krupp von dieser Versammlung abhängen würde. Wie hart würde die Kritik der Aktionäre an ihm ausfallen?

Von der Hauptversammlung könnte abhängen, wie sein stärkster Unterstützer sich verhalten würde. Der heißt Berthold Beitz, ist 99 Jahre alt und Chef der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die 25,3 Prozent der Anteile am Konzern hält. An dem alten Herrn führt in diesem Unternehmen kein Weg vorbei. Von Beitz heißt es, er wolle seine Meinung über Crommes Zukunft auch von der Hauptversammlung abhängig machen. Er sitzt wie jedes Jahr vorne auf dem Podium. Heute bleibt er länger als in früheren Jahren.

Feindliche Stimmung

Schnell ist klar: Die Stimmung im Saal ist feindlich. Cromme, der Mann, der lange als der wichtigste Mann bei Thyssen-Krupp galt, hat unter den 3800 anwesenden Aktionären nur wenige Freunde. Es fallen harte Worte. Ein Aktionärsvertreter nennt Cromme "die größte Teflon-Pfanne der Republik". Das tut weh. Schlimmer noch ist für Cromme, dass bei diesen Worten Beifall aufbrandet. Von Desaster ist die Rede. Einer erklärt, er vertrete eine Vielzahl von Aktionären, "die entsetzt sind über den Zustand ihres Unternehmens".

Es ist kein guter Tag für Gerhard Cromme, der seit 2001 an der Spitze des Aufsichtsrates von Thyssen-Krupp steht. Der Mann, der es früher locker schaffte, mit einer gewissen Nonchalance und ein wenig Eigenkritik die Aktionäre auf seine Seite zu ziehen, stößt an seine Grenzen.

Veranstaltung der Vorwürfe

Krisen wie die bei Thyssen-Krupp kommen nicht oft. Selten stand ein Dax-Konzern so im Fokus. Selten hat sich ein Unter-nehmen solche Fehler geleistet. Der Stahl- und Maschinenbaukonzern hatte sich den Bau von zwei Stahlwerken in Brasilien und den USA zugetraut. Diese Anlagen können den Konzern noch in den Abgrund reißen, denn sie haben existenzbedrohende Verluste eingebracht. Wenn diese Anlagen nicht bis Ende September verkauft werden, würden die Milliardenverluste auch noch den Rest des Eigenkapitals fressen.

Dazu kommen unerlaubte Preisabsprachen und Pressegeschichten über luxuriöse Reisegewohnheiten von Vorstandsmitgliedern und Aufsichtsräten. Drei von sechs Vorstandsmitgliedern wurden inzwischen gefeuert. Aber der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme tut so, als trage er keine Verantwortung für die Misere. Er werde auf keinen Fall zurücktreten. Diese Haltung stößt auch hier, bei den Aktionären in Bochum, auf Unverständnis.

Das Desaster für Cromme beginnt kurz nach Start der Veranstaltung, als er ankündigen muss, dass ein Aktionär beantragen will, ihn als Versammlungsleiter abzuwählen. Da braust Beifall auf, und der Kühle ist bereits angezählt. Cromme bellt in sein Mikrofon: "Ich sehe dafür keinen Grund." Der aufmüpfige Redner lässt sich nicht beirren und fährt fort: "Sie haben ihre Aufgabe nicht erfüllt!". Wieder kommt Beifall. "Ich werde diesen Antrag nicht zur Abstimmung stellen", faucht Cromme in den Saal. Da gibt es sogar Pfiffe. Es ist vorbei mit Crommes Ruhe. Er verzettelt sich, stottert herum und vergisst fast, korrekt die Tagesordnung bekanntzugeben.

Es ist eine Veranstaltung der Vorwürfe. Selten wurden auf einem Aktionärstreffen so wenig Fragen gestellt, es wird ausgeteilt. Viele Aktionärsvertreter kündigen an, den Aufsichtsrat nicht zu entlasten. Der Grund: Das Kontrollgremium habe sich zu viele Verfehlungen geleistet. Wieviele Nein-Stimmen es bei der Entlastung gibt, das ist ein wichtiges Indiz für das Ansehen eines Managers.

"Heinrich der Löwe" soll den Konzern retten

Ein fast hämisches Lachen geht durch den Saal als der Umstrittene mitteilt, der Aufsichtsrat habe angesichts der Misere beschlossen, auf die Hälfte seines Gehalts zu verzichten. Crommes also erhält etwa 100.000 Euro weniger, aber das kommt bei den Aktionären nicht gut an. Er hätte wohl besser nichts zu diesem Thema gesagt. Nur selten geht die Diskussion vom Aufsichtsratsvorsitzenden weg. Cromme kann sich davon nichts kaufen: Denn dann feiern die Aktionäre den seit zwei Jahren amtierenden Vorstandschef Heinrich Hiesinger als Retter. Einer bezeichnet den neuen Mann, den Cromme selbst vor zwei Jahren von Siemens abgeworben hatte, theatralisch sogar als "Heinrich den Löwen".

Hiesinger hatte freimütig eingeräumt, ihm sei anfangs "nicht annähernd bewusst gewesen, wie tiefgreifend der nötige Veränderungsprozess sein würde". Er gilt als der Mann, der den Cromme-Konzern verwandeln soll, von einem Konzern der Seilschaften und der Intransparenz in ein neues Unternehmen "der Offenheit, Ehrlichkeit und gegenseitiger Wertschätzung". Fast jeder der Redner fordert den Neuanfang - auch für den Aufsichtsrat.

Der bedrängte Cromme arbeitet daran, seine gewohnten Souveränität zurückzufinden. Er räumt en passant ein paar Fehler ein. "Hinterher ist man immer klüger", sagt er locker dahin. "Wir sind auch betroffen." Im Auditorium rührt sich keine Hand. Ein Aktionär zitiert die Sottise des legendären Deutsch-Bankers Hermann Josef Abs, es sei leichter eine eingeseifte Sau am Schwanz zu packen, als einen Aufsichtsrat zur Verantwortung zu ziehen. Hohngelächter im Saal. Es hilft Cromme auch nicht, dass er treuherzig zu Protokoll gibt, der Aufsichtsrat habe gute Arbeit geleistet: "Es wurde gehandelt. Wir hatten die Kraft, Fehler zu entdecken."

Die Stimmung des Gescholtenen wird erst besser, als es auf den Abend zugeht. Er ist entspannter und macht wieder Scherze. Aber da sitzen nur noch ein paar Versprengte im Saal. Es drohen keine verbalen Attacken mehr. Spät dann, es ist schon fast 22 Uhr, sozusagen das amtliche Endergebnis der Abrechnung im Ruhrkongress: Cromme bekommt von den Aktionären ein Zustimmungsergebnis von 69,16 Prozent, im vergangenen Jahr waren es 94 Prozent. Einziger Trost: Andere Kontrolleure schnitten noch schlechter ab.