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Kolumne: Das deutsche Valley:Hilfe gegen den Hass

Marc Beise, 
Kol. das deutsche Valley

An dieser Stelle schreiben jeden Mittwoch Marc Beise, Helmut Martin-Jung, Jürgen Schmieder und ab kommender Woche neu Kathrin Werner. Illustration: Bernd Schifferdecker.

Im Netz tummeln sich Hassredner und Verschwörungstheoretiker. Wie Unternehmen ihre Mitarbeiter schulen, die Gefahr zu erkennen und sich dagegen zu wehren.

Von Marc Beise

In ihrem ersten Leben war Elisabeth Niejahr eine bekannte und anerkannte Wirtschaftsjournalistin. Viele Jahre hat sie für die Wochenzeitung Die Zeit geschrieben, dann für die Wirtschaftswoche. Sie hat erlebt, wie das Aufkommen des Internets und der sozialen Medien den Austausch mit den Leserinnen und Lesern verändert hat. Meldeten diese sich früher, gerne auch kritisch, aber eher förmlich zu Wort, per Brief, Postkarte oder Fax, so ist der Austausch heute über Mail, Twitter und andere Dienste sehr viel direkter geworden - leider oft auch schroffer, beleidigender, bösartiger. "Manipulative, falsche und sogar gewalttätige Inhalte verbreiten sich via Internet immer schneller", beobachtet Niejahr. Auf allen Kanälen sind Hassredner und Verschwörungstheoretiker unterwegs, sie vergiften die Diskussion und schaden dem Diskurs.

Zumal Politiker geraten unter Beschuss, und der Fall der Grünen-Politikerin Renate Künast ist besonders bekannt geworden, weil sie sich gerichtlich gegen brutal verletzende Kommentare auf Facebook wehrte und die Herausgabe der Nutzerdaten verlangte, um gegen die Beleidiger vorgehen zu können. In der ersten Instanz war die Politikerin noch aufsehenerregend unterlegen, das Berliner Kammergericht gab ihr dann aber recht. Künast sei "mittels besonders drastischer Begriffe aus dem Bereich der Fäkalsprache in einer so maßlos überzogenen Art und Weise attackiert" worden, dass nur noch die persönliche Schmähung im Vordergrund gestanden habe und nicht eine sachbezogene Auseinandersetzung.

Auch in der Unternehmenswelt fällt diese Veränderung der Debattenkultur auf, und es regt sich Widerstand. Prominente Wirtschaftsführer wie Joe Kaeser, damals als Siemens-Vorstandsvorsitzender, legten die früher übliche Zurückhaltung bei gesellschaftlichen Fragen ab und zeigen klare Kante ("Lieber 'Kopftuch-Mädel' als 'Bund Deutscher Mädel'"). Neu ist, dass immer mehr Unternehmen nicht nur reden, sondern auch handeln wollen, berichtet Elisabeth Niejahr, die seit einem Jahr Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung ist. Auf ihre Initiative hin machen sechs namhafte Unternehmen den Anfang und treten seit dieser Woche der Ausbreitung von Verschwörungsmythen und gezielter Desinformation bewusst entgegen.

Elisabeth Niejahr ist seit einem Jahr Geschäftsführerin der Hertie-Stiftung. Die Journalistin engagiert sich gegen Hassreden und Verschwörungsmythen im Netz.

(Foto: Anatol Kotte/oh)

Zu diesem Zweck hat Niejahr, auf ihre Erfahrungen als Journalistin aufbauend, ein Programm initiiert, das Unternehmen helfen soll, ihre Mitarbeiter im Umgang mit Hassreden und Verschwörungstheoretikern zu schulen. Der Vorgang zeigt zugleich, wie konkret und streitbar sich gemeinnützige Stiftungen heute mitunter positionieren. "Wir wollten von der üblichen Übung abweichen, eine gepflegte Podiumsrunde in Berlin-Mitte zu organisieren, zu der dann doch nur die kommen, die ohnehin schon problembewusst sind", sagt Niejahr. Deshalb hat sie im Herbst 2020 die Initiative #BC4D (Business Council for Democracy) gegründet.

Die Initiative wird von drei Organisationen getragen, voran die Hertie-Stiftung, die 1974 von den Erben des Kaufhausinhabers Georg Karg ins Leben gerufen wurde und heute eine der größten unabhängigen Stiftungen in Deutschland ist. Mit dabei auch das gemeinnützige Dickschiff Robert-Bosch-Stiftung, die seit ihrer Gründung 1964 rund 1,8 Milliarden Euro für ihre gemeinnützige Arbeit ausgegeben hat. Dritter im Bund ist die deutsche Tochter des Institute for Strategic Dialogue (ISD London). Der britische Thinktank hat weltweit Erfahrung mit Bildungsangeboten, um Demokratien gegen die digitale Bedrohung von Hass und Polarisierung zu schützen.

In den Webinaren geht es um die Gefahrenabwehr im Netz

In diesem Kreis also wurde das Pilotprojekt erarbeitet, bei dem Beschäftigte von Unternehmen über zwei Monate Kenntnisse und Kompetenzen für die Kommunikation im Netz erwerben. Sie werden in Gruppen von 15 bis 20 Beschäftigten in sogenannten "Lunch and Learn"-Formaten zu den Themen Hass- und Gegenrede, Desinformation und Verschwörungsmythen geschult. Die coronabedingt derzeit als Webinare organsierten Runden werden von Expertinnen für den Bereich digitale Kommunikation und Desinformation geleitet, beispielsweise von der Buchautorin und Bloggerin Katharina Nocun, bekannt als frühere Bundesgeschäftsführerin der Piratenpartei.

Dabei gibt es interessanterweise ein einheitliches Kursprogramm für sehr unterschiedliche Adressaten. Zu den sechs Pionierunternehmen gehört der Autokonzern Volkswagen AG, der vor allem die Führungskräfte von morgen schulen lassen will. Aber auch der Müllentsorger Alba in Berlin, wo Müllwerker und Lkw-Fahrer in den entsprechenden Seminaren sitzen werden. Sie alle eint der Wunsch, sich der Desinformation im Netz nicht wehr- und willenlos auszuliefern.

In den Unternehmen - ferner dabei das Chemieunternehmen Evonik, der Gabelstaplerhersteller Kion, die in Sachsen ansässige Uhrenmanufaktur Nomos Glashütte und der Babelsberger Filmproduzent Ufa - macht sich durchweg die Firmenspitze für das Projekt stark. Die Teilnahme der Beschäftigten an diesem neuen Format politischer Bildung ist freiwillig, unparteilich - und findet während der Arbeitszeit statt; das ist ja immer der finale Beweis, dass eine Unternehmensführung es ernst meint. Und während üblicherweise landauf, landab bei der Gefahrenabwehr dessen, was im Netz passiert, die Jugendlichen im Vordergrund stehen, geht es bei dieser Initiative aus der Wirtschaft um ein anderes, oft vernachlässigtes Gut: die Erwachsenenbildung.

© SZ
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