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Pia Lamberty:Gegen den Hass

Pia Lamberty

"Der Link zwischen Offline und Online wird oft nicht verstanden", sagt die Psychologin Pia Lamberty.

(Foto: Daniel Pasche)

Ein neuer Thinktank um die Sozialpsychologin Pia Lamberty kämpft mit digitalen Mitteln gegen Radikalisierung im Netz.

Von Katharina Kutsche, Hannover

Eine Krise birgt immer die Gefahr, dass sich Menschen und Motive in einer Art wandeln, die der Gesellschaft schadet. Gut ablesen lässt sich das an der Messenger-App Telegram. Einst als Alternative zur Facebook-Tochter Whatsapp in den Fokus gerückt, tummeln sich dort inzwischen Radikale und Verschwörer, die Hetze und Desinformation betreiben. Und die Corona-Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt. An diesem Dienstag geht nun ein Thinktank in Berlin an den Start, der dem Schlechten auf Basis von Daten beikommen will - als gemeinnütziges Unternehmen mit einer Förderung von 2,8 Millionen Euro.

Pia Lamberty, 37, und Josef Holnburger, 31, haben die Denkfabrik gegründet. Mit Cemas, kurz für "Center für Monitoring, Analyse und Strategie", wollen die beiden Wissenschaftler ein Frühwarnsystem gegen digitale Verschwörungsideologien, Desinformationen und Rechtsextremismus entwickeln. Die Corona-Krise habe gezeigt, dass es nicht nur eine Pandemie, sondern auch eine Infodemie gebe, sagt Lamberty, aber: "Der Link zwischen Offline und Online wird oft nicht verstanden."

Menschen, die sich auf Telegram austauschen und radikalisieren, vertreten diese Meinungen auch außerhalb des Netzes. Verfolgt man also im Digitalen, in welche Richtung sich das entwickelt, lässt die Auswertung Rückschlüsse auf das analoge Leben zu: Wo wird von wem zu Demonstrationen aufgerufen? Wie ist die Grundstimmung? Gibt es bereits Hinweise auf Aktionen? Viele Kanäle auf Telegram sind offen einsehbar; mithilfe eines Tools will Cemas die Inhalte automatisiert aufarbeiten: ein quantitatives Monitoring in Echtzeit. Telefonnummern oder andere personenbezogene Daten werden nicht erhoben, nur User-Identitäten, die sofort anonymisiert werden.

Dann kommt der zweite Schritt: "Es braucht nicht nur eine Datenquelle, um ein Phänomen zu verstehen", so Lamberty. Die Sozial- und Rechtspsychologin sowie der Rest des Teams bringen ihren wissenschaftlichen Hintergrund ein, etwa aus der Politik- und Sprachwissenschaft. So lasse sich anhand der Wortwahl von Anpeitschern wie dem Koch Attila Hildmann erkennen, wann ein kryptischer Antisemitismus in offenen Hass gegenüber Juden umschlägt.

Nicht nur gesellschaftlich, sondern sicherheitsrelevant

Cemas sieht sich an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft. Aber im Ergebnis gibt es auch eine Schnittstelle zu Behörden und der Wirtschaft. Kriminalprävention ist das eine, für Unternehmen dürfte zudem interessant sein, wie sich entwickelt, was ihnen aus den sozialen Medien droht. Wenn sich Maskenverweigerer etwa zusammenrotten, um ein Statement in den Zügen der Deutschen Bahn zu setzen, ist das nicht nur gesellschaftlich, sondern sicherheitsrelevant.

Andreas Eberhardt ist Chef der Alfred Landecker Foundation, die als Gründungsinvestor hinter dem Thinktank steht. Er sagt: "Die jüngsten Ausschreitungen in Kassel und Dresden haben erneut gezeigt, dass diese Online-Dynamiken heute immer auch Auswirkungen auf unseren realen Alltag haben und dass akuter Handlungsbedarf und damit auch Förderbedarf bestehen." Die Stiftung der Unternehmerfamilie Reimann sieht sich damit in der Rolle eines Inkubators.

Pia Lamberty und ihre Kollegen sind ohnehin als Experten präsent. Und haben daher auch persönliche Erfahrung mit Bedrohungen im Netz. Trotzdem will Cemas nicht nur auf problematische Tendenzen schauen, sondern auch die Gesellschaft stärken, etwa indem Beratungsangebote über die Netzwerke bekannter gemacht werden. "Ich habe das Gefühl, es wird oft so getan, als gehört Hass zum Internet dazu", so Lamberty. "Ich glaube, dass es nicht so sein muss und dass das Internet auch anders funktionieren kann." Als Einzelperson gegen den Hass anzureden, sei natürlich anstrengend, aber es werde weniger stressig, wenn es viele machen.

© SZ
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