Die Straße zum neuen China-Büro des deutschen Unternehmens Neura Robotics ist geschmückt wie für einen Staatsbesuch. Dunkelblaue Flaggen mit weißem Firmenlogo säumen den Zufahrtsweg durch das Industriegebiet von Hangzhou, wo sich sonst Fabriken für Akkus, Drohnen und Halbleiter aneinanderreihen. An diesem Nachmittag feiert hier der Mittelständler aus dem schwäbischen Metzingen die Eröffnung seines ersten Büros in China und will sich ganz offensichtlich nicht verstecken.
Was sich hier abspielt, steht aber für weit mehr als die Expansion eines Unternehmens. In China wächst ein Industriezweig mit rasender Geschwindigkeit, der in Europa bislang kaum beachtet wird: humanoide Robotik. Maschinen, die nicht nur rechnen und chatten, sondern sehen, greifen, reagieren. Und die Weltmarktführer dafür sitzen längst nicht mehr im Silicon Valley, sondern in Hangzhou, Shanghai und Shenzhen.
Mit milliardenschweren Investitionen will die Volksrepublik nichts Geringeres versuchen, als das Fundament einer neuen Arbeitswelt zu gießen. Eine, in der mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Roboter nicht nur am Fließband stehen, sondern auch ganz alltägliche Aufgaben übernehmen. Und der deutsche Hersteller Neura möchte hier mitmischen.
David Reger hat das Unternehmen 2019 in Metzingen gegründet. Neura ist spezialisiert auf sogenannte kognitive Roboter, also Maschinen, die ihre Umgebung erkennen und selbständig reagieren können. Nach eigenen Angaben beschäftigt das Unternehmen weltweit rund 1200 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Produziert wird in Deutschland. Erst vor wenigen Jahren hatte die Geschäftsführung die zunächst in Asien, darunter auch China, angesiedelte Fertigung vollständig nach Metzingen zurückgeholt. „Wir wollten beweisen, dass Hightech-Fertigung in Deutschland möglich ist“, sagt Reger. In Baden-Württemberg entstehen sowohl humanoide Modelle mit Armen und Beinen als auch Assistenzsysteme mit Greifarmen für Fabriken. Nun kehrt Neura Robotics nach China zurück, allerdings nicht, um wieder zu produzieren, sondern um zu forschen.
„Das Wissen um Robotik, das dabei entsteht, können wir mit nach Deutschland nehmen.“
In der ostchinesischen Stadt Hangzhou eröffnet das Unternehmen sein sogenanntes „Neura Gym“. Dabei handelt es sich um eine offene Lernplattform, auf der Roboter Bewegungen, Sprache und Zusammenarbeit trainieren können, und zwar physisch in Fabrikhallen. Die Besonderheit: Mit der Neura-Software lernen Maschinen dort laut Reger in Tagen, was bisher Monate dauerte. Neura will sein „Roboter-Fitnessstudio“ auch anderen Herstellern zur Verfügung stellen, darunter auch der chinesischen Konkurrenz. „Die Daten, die bei dem Training generiert werden, bleiben zwar in China“, sagt Neura-Chef Reger. „Aber das Wissen um Robotik, das dabei entsteht, können wir mit nach Deutschland nehmen.“
Und warum bleibt man dafür nicht gleich in Metzingen? „Weil sich in China die Innovation gerade in Echtzeit abspielt“, sagt der 38-Jährige. Die Region rund um Hangzhou biete für Roboter-Hersteller, was Europa kaum bereitstelle: eine Industrie, die experimentiert, und Behörden, die Innovation fördern, statt zu bremsen. „In Deutschland bauen wir Roboter“, sagt Reger, „in China und weltweit lernen sie denken.“

Automatisierung:Roboter, übernehmen Sie!
KI hat Roboter sehr viel besser gemacht. Und schon steht der nächste Sprung bevor: Sie sollen Menschen immer ähnlicher werden.
Dass China bei Robotern ganz vorn mitspielt, liegt auch daran, wie die Maschinen in der chinesischen Gesellschaft schon heute integriert werden. In kaum einem Land sind sie im Alltag so präsent wie in der Volksrepublik. In Hotels liefern kleine Roboter auf Rädern zuverlässig bestelltes Essen bis vor die Zimmertür. Auf Firmenfeiern tanzen humanoide Maschinen als PR-Gag, bei nationalen Wettbewerben in Peking treten sie in Disziplinen wie Boxen oder Marathon gegeneinander an. Was im Westen noch als Zukunftsvision gilt, ist hier längst Teil des Alltags und Teil der Selbstinszenierung eines Landes, das technologischen Fortschritt sichtbar machen will.
Nach Angaben der International Federation of Robotics werden inzwischen mehr als die Hälfte aller neuen Industrieroboter weltweit in China installiert. Die meisten stammen auch aus landeseigener Produktion. Die chinesische Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2027 eine „weltführende Robotiknation“ zu werden. Dafür entstehen überall im Land Pilotzonen, Sonderfonds und Technologieparks, in denen sich Forschung, Start-ups und Großindustrie vernetzen.
„Robotik ist für China mehr als Industriepolitik“, sagt Wendy Chang vom Berliner Thinktank Merics. Sie sei Teil eines nationalen Projekts, das langfristig angelegt ist. „Es geht nicht nur darum, Modernität zu inszenieren, sondern auch reale Probleme wie den künftigen Arbeitskräftemangel abzufedern.“ Die chinesische Bevölkerung altert rapide. In den kommenden Jahren könnten der Volksrepublik Dutzende Millionen Arbeitskräfte fehlen. Zudem muss sich später jemand um diese pflegebedürftigen alten Menschen kümmern. Für die Regierung sind intelligente, lernfähige Roboter ein Teil der Antwort auf diese Probleme.
„Es geht darum, KI aus den Rechenzentren in die Realität zu bringen.“
Um dieses Ziel zu erreichen, verzahnt China seine KI-Strategie mit klassischer Industriepolitik. Unter dem Schlagwort „AI Plus“ soll künstliche Intelligenz in möglichst viele Wirtschaftsbereiche integriert werden, von der Fertigung bis zur Pflege.
„Es geht darum, KI aus den Rechenzentren in die Realität zu bringen“, sagt Chang. „Roboter sind die greifbare Verkörperung dieser Idee.“ Hangzhou, wo Neura nun seine Basis errichtet, ist eines der Epizentren dieser Bewegung. Die Stadt am Qiantang-Fluss ist Sitz der Alibaba-Gruppe und zahlreicher junger Firmen, die an Sensoren, Steuerungssystemen und KI-Modulen arbeiten. Auch der chinesische KI-Konzern Deepseek hat hier seinen Hauptsitz.
Die Provinzregierung hat die Region zur „Smart Manufacturing Pilot Zone“ erklärt. Ein Beispiel dafür, wie eng Industriepolitik und Staatsstrategie in China miteinander verschmelzen. Hier, in diesen Clustern, finden Unternehmer wie Reger die Bedingungen, die sie in Deutschland noch vermissen: Zugang zu Testanlagen, zu großen Datenmengen und zu einem Markt, der Neues ausprobiert. „Wir müssen unsere Systeme dort trainieren, wo reale Interaktion von Robotern stattfindet“, sagt er. „China ist dafür ein Testfeld, das seinesgleichen sucht.“
Gerade im Bereich Robotik gelingt es China, sich von seinem alten Image der Werkbank zu lösen. „China ist längst kein reiner Produktionsstandort mehr“, sagt Wendy Chang. „Es ist ein zentraler Lernstandort geworden.“ Für Europa ist das ein Dilemma. Die Bundesregierung mahnt zur Vorsicht im Umgang mit China, warnt vor Abhängigkeiten und Technologietransfer unter dem Schlagwort „De-Risking“. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich viele Innovationen im Hightech-Bereich ohne China kaum mehr denken lassen.
Doch gibt es mittlerweile auf beiden Seiten Vorbehalte. „Forschungspartnerschaften zwischen China und europäischen Ländern werden inzwischen deutlich stärker überprüft“, sagt China-Expertin Chang. „Gerade bei Technologien, die auch militärisch genutzt werden könnten, ist die Sensibilität enorm gestiegen.“ Dennoch könne sich Europa keine völlige Abschottung leisten. „Wenn wir uns komplett aus dem chinesischen Tech-Sektor zurückziehen, überlassen wir China die Standards und damit auch die Zukunft.“
Auch Reger spricht von einem Balanceakt. Er betont, Neura bleibe ein deutsches Unternehmen, alle sensiblen Komponenten würden in Europa entwickelt. „Aber wir suchen hier Antworten auf Fragen, die sich die deutsche Industrie stellen muss“, sagt er. Es gehe darum, das, was deutsche Ingenieure traditionell gut können, Präzision, Qualität, Mechanik, mit künstlicher Intelligenz zu verbinden. „Im Grunde versuchen wir hier unseren Beitrag zu leisten, Deutschland wirtschaftlich den Hintern zu retten“, so Reger. Deutschland habe seinen Platz in der KI-Welt noch nicht gefunden. Für Reger ist smarte Robotik der vielversprechendste Weg dorthin. Und China sei auf diesem Wege eben nicht mehr wegzudenken.
