Handwerk Mehr Meisterinnen

Spitzenverband kritisiert die Familienpolitik der Regierung und möchte mit Frauen den Nachwuchssorgen des Handwerks entgegentreten.

Von Henrike Roßbach, Berlin

Das vernichtende Urteil steht schon im ersten Satz: "Die bisherige Familienpolitik in Deutschland ist teuer, aber nur mäßig erfolgreich", heißt es in einem Positionspapier, das der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) kürzlich beschlossen hat. Und: Trotz 200 Milliarden Euro Förderung für rund 160 verschiedene familienpolitische Maßnahmen werde bei zentralen Zielen zu wenig erreicht, etwa bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dass sich das Handwerk überhaupt mit Familienpolitik befasst, hat einen einfachen Grund: Den Wirtschaftszweig plagen gravierende Nachwuchssorgen. Der demografische Wandel, schreibt der ZDH, sei längst im Handwerk angekommen.

Eine bessere Familienpolitik, so das Kalkül, könnte Frauen die Berufstätigkeit erleichtern - und würde den Personalpool, aus dem die Betriebe schöpfen können, vergrößern. Frauen seien für das Handwerk "eine wichtige Zielgruppe bei der Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung", heißt es dementsprechend in dem Papier. Ziel sei es, den Frauenanteil bei den Beschäftigen, den Meisterprüfungen und den Betriebsinhabern weiter zu steigern.

Das Handwerk sieht sich durchaus auch selbst in der Pflicht. Ein familienorientiertes Arbeitsumfeld sei ein wichtiges Argument, um Fachkräfte zu gewinnen, sagt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer. "Fachkräfte wollen heute Erfüllung im Beruf und ein ausgewogenes Familienleben." Betriebe, die das ermöglichten, verschafften sich Vorteile, familienfreundliche Maßnahmen zahlten sich für sie aus, sagt Wollseifer und weist auf steigende Motivation und Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter, sinkende Fehlzeiten und bessere Chancen hin, gutes Personal langfristig zu binden. "Damit steigt die Wettbewerbsfähigkeit der Handwerksbetriebe und langfristig die Wahrscheinlichkeit, dass der Betrieb auch noch in Zukunft besteht."

Viele Handwerksbetriebe trügen durch flexible Arbeitszeiten, Arbeitszeitkonten und Teilzeitangebote schon zu familienfreundlichen Rahmenbedingungen bei, heiß es in dem Papier. Allerdings, auch das gibt der ZDH zu, ist das nicht in allen Handwerksbranchen problemlos umsetzbar. Bäckereien, Metzgereien, das Gesundheitsgewerbe und viele andere Dienstleister seien an feste Öffnungszeiten für ihre Kunden gebunden. Immerhin aber wüssten die vielen Familienbetriebe im Handwerk aus eigener Erfahrung um die Sorgen junger Familien, sagt Wollseifer, und seien "besonders kreativ" bei der Lösungssuche.

Die bisherige Familienpolitik ist aus Sicht des Handwerks jedenfalls keine ausreichende Hilfe. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen liege nach wie vor hinter der von Männern, das Arbeitszeitvolumen sei geringer, die Geburtenzahlen weiterhin niedrig, und noch immer gebe es einen Mangel an bedarfsgerechter, hochwertiger Kinderbetreuung, vor allem für unter Dreijährige, so die Mängelliste des ZDH. "Noch immer schließen 39 Prozent aller Kitas in Westdeutschland um 16.30 Uhr", heißt es, ein Problem vor allem für Alleinerziehende und Arbeitssuchende. Ein Ärgernis sind nach Meinung des Handwerks zudem die unübersichtlichen Freistellungsansprüche. Statt vier unterschiedlicher Ansprüche für pflegende Angehörige sei eine "harmonisierende Bündelung" notwendig.

Neben dem Betreuungsausbau fordert das Handwerk auch, bestehende Regelungen zu überprüfen, durch die sich die Berufstätigkeit für einen Ehepartner - meist die Frau - kaum lohnt. Besonders kritisch wird die beitragsfreie Mitversicherung in der Kranken- und Pflegeversicherung gesehen. Sie setze falsche Anreize "der Erwerbstätigkeit fernzubleiben". Deshalb solle ein eigenständiger Versicherungsbeitrag von nicht erwerbstätigen Ehegatten, die keine Kinder erziehen, geprüft werden. Auch die Witwenrente ab dem 45. Lebensjahr (künftig ab dem 47.) gehört nach Meinung des Handwerks auf den Prüfstand. Und: Kinderbetreuungskosten sollten bis zu einer Höchstgrenze komplett und nicht nur bis zu einem Drittel von der Steuer absetzbar sein.