bedeckt München 25°

Handel:Wider das Einerlei

Gert Schambach

"Heute ändert sich in den Städten häufig nur die Reihenfolge der Ketten", sagt Hit-Chef Gert Schambach.

(Foto: oh)

Es gibt kaum mittelständische Supermarktketten. Hit-Chef Gert Schambach sagt, das liege auch an der Intransparenz von Ausschreibungen.

Die Konzentration im deutschen Lebensmitteleinzelhandel nimmt seit Jahren zu. Sie wird dadurch verstärkt, dass Ausschreibungen für neue Supermarktflächen nicht besonders transparent sind. Das ist die Meinung von Gert Schambach, einem der letzten verbliebenen Mittelständler im deutschen Lebensmitteleinzelhandel. "Die Ausschreibungsmodalitäten sind nicht immer sehr transparent, wenn sie von Städten gemacht werden. Man kommt als Mittelständler faktisch gar nicht an alle Informationen ran", sagt er. "Das ist ein Wettbewerbsnachteil, weil der Standort einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg ist." Schambach, 49, ist geschäftsführender Gesellschafter der Dohle Handelsgruppe in Siegburg, zu der etwa 100 Hit-Supermärkte gehören.

Vor der Eröffnung eines Supermarktes überprüft jeder Lebensmittelhändler genau, wer im Umkreis wohnt und wie groß die Kaufkraft am Standort ist. Hit werde nach den Worten Schambachs jedoch von vornherein ausgeschlossen, weil die Dohle-Gruppe oft gar nichts von neuen Flächen erfahre. Viele neue Märkte seien im Prinzip vor der Ausschreibung vergeben. "Es gibt Projektentwickler, die immer mit den gleichen Großen antreten", sagt Schambach.

Die fortschreitende Konzentration ist vielfach belegt. Von den 50 größten Lebensmittelunternehmen, die es dem Münchner GWI-Institut zufolge 1982 gegeben hat, existieren heute 36 nicht mehr oder sie sind in anderen Firmen aufgegangen. Laut Bundeskartellamt beherrschen die vier Konzerne Edeka, Rewe, Lidl und Aldi mehr als 85 Prozent des Lebensmittelmarktes - mit weitreichenden Folgen für Städte und Verbraucher. "Intransparenz fördert in der Summe nie die besten Marktergebnisse", sagt Schambach verklausuliert. Soll heißen: Vielfalt und Wettbewerb leiden. In letzter Konsequenz sähen die Städte deswegen fast alle gleich aus.

"Heute ändert sich in den Städten häufig nur die Reihenfolge der Ketten", findet der Handelsmanager. Die Standardisierung des Angebots begünstige fatalerweise den Onlinehandel. Wenn das Angebot überall gleich sei, müsse man nicht in die Stadt fahren. Einkaufen müsse einen regionalen Bezug haben, um attraktiv zu sein. "Einkaufen ist Bestandteil der Kultur."

Schambach, der als Chef-Einkäufer für Edeka, Rewe und Lidl tätig war, weiß detailliert, was die Menschen in den einzelnen Regionen Deutschlands kulinarisch bevorzugen. Im Rheinland äßen sie gern Mayonnaise oder Remoulade zu Salaten. Je südlicher man komme, desto mehr werde die Remoulade durch Essig ersetzt. In Nordrhein-Westfalen ziehen sie Schweinefleisch dem Rindfleisch vor. Im Süden sei es umgekehrt. Überhaupt erkenne man bis Frankfurt den italienischen Einfluss beim Essen. Das sehe man beispielsweise an den großen Salamischeiben aus Italien, die viele im Süden gern kauften und die es deswegen auch in den Hit-Märkten dort gebe.

Das Besondere an den Märkten bestehe aber nicht nur in der Regionalität der Produkte. Der Hit-Chef sagt: "Wir wollen nicht darauf reduziert werden, dass wir viele Produkte aus der Region haben. Oder dass ein anderer sagt, Hit hat 1300 Einstiegspreise. Oder dass ein Dritter sagt, da gibt es ganz viele Markenprodukte. Das Besondere bei uns ist das Zusammenspiel von allem, die echte Vielfalt."

Mittelständler müssen Teil des Systems sein, um neben den Konzernen bestehen zu können

Schambach lässt viele Hit-Märkte derzeit modernisieren und eröffnet neue. Dabei geht es weniger um technische Neuerungen, sondern fast immer um das Sortiment und die Präsentation. In den neuen Märkten finden sich Orangensaft-Pressen, Smoothie-Bars zum Selbstabfüllen, Sushi-Theken mit Bedienung und Schokoladen-Maschinen, mit denen sich der Kunde seine Tafel je nach Geschmack mit Nüssen und Körnern selber mischen kann.

Reicht das, um sich gegen die vier Konzerne behaupten zu können? "Wenn wir nicht gemeinsam mit Rewe vor allem bedeutende Markenartikel einkaufen würden", sagt Schambach, "würden wir nicht zu wettbewerbsfähigen Preisen kommen". Kleine müssen also Teil des Systems sein, um zu überleben.

© SZ vom 21.06.2017
Zur SZ-Startseite