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Handel mit gefälschten Produkten:Biobetrug - eine italienische Affäre

Italien ist einer der weltweit größten Bioerzeuger - und muss sich mit einem neuen Skandal herumschlagen. Massenhaft handelten Betrüger mit gefälschten Ökoprodukten. Und offenkundig wusste die Politik längst Bescheid, ohne einzuschreiten.

Der Bioskandal in Italien weitet sich zu einer politischen Affäre aus. Das Landwirtschaftsministerium in Rom wusste offenbar schon länger über den schwunghaften Handel mit gefälschten Ökoprodukten Bescheid, ohne etwas dagegen zu unternehmen.

So habe das Ministerium erst am vergangenen Freitag Informationen zu dem in Verona aufgedeckten Betrug angefordert, beklagt Paolo Carnemolla, Chef des Ökoverbandes Federbio. "Das ist uns völlig unverständlich", sagt er. Das Ministerium habe mindestens seit Herbst 2010 von den schweren Unregelmäßigkeiten gewusst, als nämlich die Ökokontrollstelle Suolo e Salute ihre Zertifizierungen für das Biohandelsunternehmen Sunny Land aus Verona zurückgezogen hat.

Der Bioverband habe in Rom mehrmals um ein Gespräch gebeten, um den Fall und die Konsequenzen zu diskutieren - vergeblich. "Das Ministerium hat sich nicht gerührt", kritisiert Carnemolla. Dabei obliegt ihm die Überwachung. An der Spitze des Landwirtschaftsministeriums stand bis zum Sturz Berlusconis vor einem Monat der Sizilianer Francesco Saverio Romano, ein Mann gegen den die Staatsanwaltschaft Palermo wegen angeblicher Begünstigung der Mafia ermittelt.

Wirklich überrascht ist man in Italien, über den Bioskandal nicht. Es ist nicht der erste. Doch er trifft die Branche hart, den Italien ist weltweit einer der größten Bioerzeuger. Kontrollprobleme sind seit längerem bekannt. Sogar der Europäische Rechnungshof habe bei einer Inspektion der Branche in Italien den Mangel an Koordination im Zertifizierungssystem moniert, sagt Carnemolla.

Der in der vergangenen Woche bekannt gewordene Betrugsfall ist der größte, den es in der Biobranche bislang gab. Es geht um 700 000 Tonnen Ware im Wert von 220 Millionen Euro, die ein Betrügerring mit Hilfe gefälschter Zertifikate als Ökoware ausgab. Ein großer Teil davon wurde auch nach Deutschland geliefert. Die Ermittlungen seien noch nicht abgeschlossen, teilte ein Sprecher der italienischen Polizei mit. Man arbeite mit den Behörden in den Nachbarländern zusammen, um nach möglichen Mitwissern im Ausland zu fahnden.

Der deutsche Handel schweigt

Die Affäre zieht inzwischen auch in Deutschland weite Kreise. Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) forderte am Dienstag eine rasche Aufklärung des Falls durch die zuständigen Behörden in Italien. "Wenn sich die ersten Angaben bewahrheiten, handelt es sich wohl um Betrug im großen Stil". Sie sieht das Vertrauen der Konsumenten in Bioprodukte gefährdet. "Verbraucher müssen sich darauf verlassen können, das drin, was drauf steht - auch bei Biowaren", so Aigner. Der Markt für ökologische Produkten hat mittlerweile in Europa einen Jahresumsatz von mehr als 18 Milliarden Euro erreicht. Ein Drittel davon entfällt auf Deutschland.

In die Aufklärung sind nun auch die deutschen Aufsichtsbehörden eingeschaltet. Bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) geht man davon aus, dass Waren im dreistelligen Tonnage-Bereich nach Deutschland gelangt sind. Dabei soll es sich insbesondere um Futtermittel wie Soja und Raps gehandelt haben. Für Biobauern, die Schweine, Rinder und Hühner damit gefüttert haben, könnte dies empfindliche Einbußen bedeuten, weil sie Fleisch, Milchprodukte und Eier nicht mehr als Bioware verkaufen können. Eine Gesundheitsgefahr bestehe für Verbraucher aber nicht, heißt es bei der BLE weiter.

Im deutschen Handel hält man sich bedeckt. Edeka, Lidl und die Biosupermarktkette Alnatura teilten auf Anfrage mit, dass sie keine Waren der betroffenen Firmen aus Italien bezogen hätten. Andere Unternehmen wie Metro, Aldi Nord, Aldi Süd sowie Rewe äußerten sich bis Dienstagnachmittag nicht zu dem jüngsten Fall.