Handel Kampf ums Regal

Nescafé ist eines von mehr als 160 Produkten von Nestlé, die auf einer schwarzen Liste von Edeka stehen.

(Foto: Jaap Arriens/ZUMA Press/imago)

Edeka fühlt sich von Nestlé benachteiligt und droht dem Weltkonzern, seine Produkte aus den Supermärkten zu verbannen.

Von Michael Kläsgen

Es sieht aus wie eine Machtdemonstration, in Wahrheit aber ist Edeka in der Defensive. Deutschlands größter Lebensmittelkonzern fordert angesichts wachsender Konkurrenz vom weltweit führenden Nahrungsmittelhersteller Nestlé niedrigere Einkaufspreise. Das geht aus einem Brief hervor, der an die etwa 4000 selbstständigen Edeka-Kaufleute verschickt worden ist. In dem fünfseitigen Schreiben werden 163 Nestlé-Produkte aufgeführt. Darunter finden sich Artikel wie Nescafé, Wagner-Pizza oder Mineralwasser von Vittel oder San Pellegrino, Marken wie Thomy und Maggi-Produkte. Sie könnten demnächst nach und nach aus den Regalen verschwinden - falls Edeka sie tatsächlich nicht mehr nachbestellt und Nestlé seine Einkaufskonditionen für Edeka nicht verbessert. Die Drohkulisse ist real. Werden also bei Edeka und fünf weiteren europäischen Supermarktbetreibern, die gemeinsam Nestlé attackieren, bald Lücken im Regal klaffen?

Die Einkaufsmacht von Edeka und seinen Mitstreitern, darunter Intermarché aus Frankreich und Coop Schweiz, ist nicht zu unterschätzen. Die im Händlerbündnis Agecore zusammengeschlossenen Konzerne kommen zusammen auf einen Bruttoumsatz von 140 Milliarden Euro. Edeka aus Hamburg gehört zu dem Größten im Bunde und ist der führende Konzern von insgesamt vier dominierenden Lebensmittelhändlern in Deutschland, die schätzungsweise fast 90 Prozent des Marktes beherrschen.

Doch der eigentliche Grund für Edekas Vorstoß ist, dass sich der Konzern gegenüber Konkurrenten wie Aldi oder Rewe im Nachteil wähnt. Aldi Nord und Süd kooperieren längst in immer mehr Bereichen von der Werbung über die Logistik bis hin zum Einkauf und womöglich auch bald im Onlinehandel. Weil Aldi mittlerweile auch Markenprodukte verkauft, wird das generell zu einem Problem für die Supermärkte - besonders aber für Edeka, da Rewe nach Ansicht der Hamburger ebenfalls Einkaufsvorteile genießt. Offiziell gibt der Konzern dazu keinen Kommentar ab.

Seine Erkenntnisse über die Einkaufskonditionen der Konkurrenz bezieht Edeka aus einer besonderen Quelle. Der Italiener Gianluigi Ferrari leitet seit Sommer 2015 das Händlerbündnis Agecore, war aber zuvor sieben Jahre lang Chef der Supermarkt-Allianz Coopernic, der Rewe angehört. Daher besitzt Ferrari offenbar beste Kenntnisse über die Einkaufskonditionen der Konkurrenz. Nach Informationen der Lebensmittelzeitung soll Ferrari je nach Warengruppe, Hersteller und Artikel seit seinem Amtsantritt angeblich Unterschiede in Größenordnungen von bis zu 0,4 Prozentpunkten aus den Datensätzen geangelt haben.

Der Schweizer Nestlé-Konzern erwirtschaftet mit Edeka zwar nur etwas mehr als einen Prozent seines Weltumsatzes. Weil der aber bei 90 Milliarden Schweizer Franken liegt, darf man sich von der Prozentzahl nicht täuschen lassen. Es geht um viel Geld. Bereits kleine Preisvorteile beim Einkauf können sich zu Millionenbeträgen summieren. Ob die aber beim Verbraucher ankommen, ist nicht ausgemacht.

Günstiger würde es wohl nur, wenn die Nestlé-Produkte tatsächlich aus den Regalen verbannt würden und Edeka diese durch Eigenmarken ersetzt oder günstiger bei konkurrierenden Lieferanten einkaufen kann. Dann würde das Preisniveau insgesamt sinken und auch der Verbraucher hätte etwas davon. Aber soweit ist es längst nicht. Es könnte auch sein, dass Edeka und Nestlé insgeheim einen Deal aushecken, ohne dass der Verbraucher etwas davon mitbekommt.

Erst im vergangenen Jahr stritt sich Edeka mit Mars und ließ einige Wochen lang das Tierfutter des US-Konzerns aus den Regalen verschwinden. 2015 verschwand zeitweise Pizza von Dr. Oetker und Joghurt von Müller aus dem Sortiment von Real. Und Lidl nahm Coca Cola für gut zwei Monate aus dem Angebot. Die großen Händler haben enorm viel Macht und stehen doch selber unter Druck, weil sie untereinander um das günstigste Angebot ringen. So geht der Druck von einem auf den anderen über und kann selbst für einen Weltkonzern wie Nestlé zum Problem werden. Der muss, falls er nachgeben sollte, damit rechnen, dass die nächste Forderung nicht lange auf sich warten lässt.