Süddeutsche Zeitung

Handel:"Abfall einen Wert geben"

Die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland baut das Müllgeschäft aus. Ziel ist ein neues duales System.

Die Schwarz-Gruppe mit ihren beiden Tochterunternehmen Lidl und Kaufland will weitere Entsorgungsfirmen übernehmen und mit seinem neuen Unternehmen Prezero im Müllgeschäft kräftig zu wachsen. In den kommenden fünf Jahren plant der Konzern ein Wachstum von 50 Prozent, um dann auf einen Umsatz von 750 Millionen Euro zu kommen, kündigte Gerd Chrzanowski an, Vorstandsvorsitzender von Schwarz Zentrale Dienste. Im vergangenen Sommer hatte Schwarz den fünftgrößten Entsorger, Tönsmeier, gekauft.

Die Gruppe investiert zudem einen dreistelligen Millionenbetrag in zwei neue Sortieranlagen für Plastikmüll. Ziel ist es, ein Kreislaufsystem für mehrmals wiederverwertbares Plastikgranulat zu schaffen. Im Idealfall sollen beispielsweise nicht nur PET-Trinkflaschen, sondern auch Waschmittelflaschen und andere Kunststoffverpackungen zu einem Großteil aus bereits benutztem Plastik, sogenanntem Rezyklat, mehrfach wiederhergestellt werden können.

Chrzanowski plädiert für ein grundlegendes Umdenken in Bezug auf Plastik in Deutschland. "Wir müssen Abfall einen Wert geben", sagt er. Der Konzern sieht in einem Pfandsystem einen möglichen Weg, aus Plastik einen Wertstoff zu machen und ihn dem Kreislauf wieder zuzuführen. Am Ende soll sich, wie vom neuen Verpackungsgesetz der Bundesregierung und der EU vorgesehen, die Recyclingquote dadurch massiv erhöhen. Der Konzern wirbt für das Pfandsystem auch in der Politik.

Lidl und Kaufland arbeiten dem Vernehmen nach nicht nur eng mit den Herstellern ihrer Eigenmarken zusammen, sondern auch mit Konzernen wie Procter&Gamble, Unilever und Nestlé. Die Herstellung schwer recycelbarer Verpackungen wie etwa schwarzer Shampooflaschen sei dabei in der Diskussion und soll künftig vermieden werden. Auch die Verwendung unterschiedlicher Kunststoffe in einer Verpackung aufgrund mehrerer Schichten sowie Farbe, Form, Dicke und Größe der Behältnisse stehen auf dem Prüfstand. Mehrere Tausend Tonnen Kunststoff seien allein durch die Veränderung von Flaschendeckeln gespart worden, sagt Thomas Kyriakis, Bereichsvorstand von Schwarz Zentrale Dienste. Der Konzern will sich zudem aktiv am Sammeln von Plastikmüll in der Umwelt, in Flüssen, den Weltmeeren und an Stränden beteiligen. Dort sei die Schwarz-Gruppe ebenso auf der Suche nach Partnern wie in der Forschung. In dem Bereich gehe es um Grundlagen wie die Frage, ob es vielleicht ein Bakterium gibt, das Plastik frisst.

Kern der Strategie ist es, ein eigenes bundesweites duales System bis 2021 aufzubauen. Über das duale System mit dem gelben Sack und der gelben Tonne wird bislang unter anderem Plastikmüll in Deutschland entsorgt. Lidl und Kaufland sind mit die größten Plastikmüllproduzenten in Deutschland. Sie stehen für etwa zehn Prozent des Verpackungsmülls. Zuletzt musste die Schwarz-Gruppe für die Entsorgung Lizenzgebühren in Höhe von Schätzungsweise 85 Millionen Euro im Jahr zahlen. Das seit Jahresanfang geltende Verpackungsgesetz treibt die Kosten weiter nach oben, weil es eine höhere Recyclingquote vorsieht und neue Investitionen in Technik bedingt.

Das Vorpreschen des weltweit größten Discounters könnte die Entsorgerbranche durchschütteln

Um die hohen Kosten zu vermeiden, wird die Schwarz-Gruppe vom Lizenzzahler zum Lizenzgeber. Die Anträge dafür sind gestellt, sagte Dietmar Böhm, Geschäftsführer von Prezero Dual. Von voraussichtlich 2021 an will der größte Plastikproduzent Deutschlands dann keine Lizenzgebühren mehr für die Entsorgung zahlen, sondern selber Geld von Herstellern und anderen Händlern dafür nehmen, ihren Plastikmüll zu recyceln. Der Konzern wird das voraussichtlich europaweit tun können, da auch die EU dem Plastik den Kampf angesagt hat.

Die Schwarz-Gruppe hat das enorme Potenzial des Geschäfts mit Plastikmüll als einer der ersten Handelskonzerne erkannt. Allein in Deutschland hat der Müllmarkt ein Volumen von 32 Milliarden Euro. Das Vorpreschen des weltweit größten Discounters Lidl könnte die gesamte Entsorgungsbranche durcheinanderwirbeln. Vor allem weil knapp ein Drittel der 5700 Unternehmen in Deutschland kleine Mittelständler sind, die teils keinen Nachfolger finden oder Finanzierungsengpässe haben, sieht der Konzern Chancen für weitere Übernahmen. Die Schwarz-Gruppe macht knapp 97 Milliarden Euro Umsatz, betreibt 11 700 Filialen und beschäftigt weltweit etwa 400 000 Mitarbeiter.

Selten veranstaltete der Konzern bislang Pressekonferenzen. Anders beim Thema Müll. Den Ort dafür hatte die Schwarz-Gruppe mit Bedacht gewählt: die Arena vom Fußball-Bundesligisten TSG Hoffenheim. Seit Anfang des Jahres heißt sie Prezero-Arena und ist nach der neuen Entsorgungssparte des Konzerns benannt. Die Pressemappen waren aus Graspapier und herumgereicht wurden Mehrwegbecher in den Vereinsfarben. Der Konzern erhofft sich, Prezero über den Fußball möglich schnell bekannt zu machen. Die Taktik ist: voll auf Angriff.

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Quelle:
SZ vom 31.01.2019
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