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Hamsterkäufe:Heute gehortet, morgen verschimmelt

Coronavirus · Supermarkt in Leipzig

Die Regale im Laden sind leer. Viele Kunden haben mehr gekauft, als sie vielleicht aufbrauchen können.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Wer große Reserven an Lebensmitteln angelegt hat, muss sie richtig lagern. Experten erklären, worauf es ankommt.

Die Angst der Deutschen ist offenbar groß: Was, wenn im Verlauf der Corona-Krise wichtige Lebensmittel knapp werden? Für diesen Fall haben viele lieber schon mal vorgesorgt. Dieser Hamsterreflex führte mitunter zu bizarren Szenen in den Supermärkten, Kunden gerieten in Streit über ein Paket Butter oder Toilettenpapier, Sicherheitskräfte mussten für Ordnung sorgen. Die Regale, in denen sonst Mehl, Backmischungen oder Hefe liegen, sind immer noch wie leergefegt - und das nicht nur im Handel.

So wird auch Mühlenbetreibern frisch gemahlenes Mehl derzeit fast aus den Händen gerissen. Mancherorts schleppen Kunden zehn Kilo und mehr nach Hause, oder sie bestellen gleich im Internet. Weil der Ansturm kaum mehr zu bewältigen ist, haben Firmen wie die Ulmer Schapfenmühle ihren Online-Shop geschlossen. "Die 'Flut' der Bestellungen zwingt auch uns leider nun dazu, unseren Shop bis auf Weiteres zu deaktivieren", heißt es auch bei der Mailänder Mühle im bayrischen Möttingen. Mehl gibt es dort nur noch vor Ort. Damit offenbart sich das nächste Problem: Viele Haushalte dürften inzwischen Lebensmittel für mehrere Wochen oder gar Jahre angesammelt haben - und die sind nicht unbegrenzt haltbar. "Es ist zu befürchten, dass in einem Jahr viele der jetzt gehamsterten Lebensmittel im Müll landen", sagt Armin Valet, Lebensmittelexperte bei der Verbraucherzentrale Hamburg. "Da wird dann rigoros weggeworfen, je nach Angstpotenzial", befürchtet er. Alle Bemühungen, die Lebensmittelverschwendung einzudämmen, wären damit obsolet. Immerhin werden schon in normalen Zeiten ein Drittel der Wocheneinkäufe weggeworfen, wie die Statistik zeigt. Elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen so in Deutschland pro Jahr im Müll.

Wer zu viel gekauft hat, kann die Vorräte auch teilen oder den Tafeln spenden

Was also tun, damit die Ware nicht vorzeitig verdirbt oder ungenießbar wird? Eine wichtige Orientierungshilfe gibt das Mindesthaltbarkeitsdatum. Dieses Datum bedeutet, dass ein Lebensmittel bis zu diesem Tag auf jeden Fall in Ordnung ist. Das bedeutet aber auch: "Konserven sind sterilisiert und lange über die Mindesthaltbarkeit hinaus verzehrbar", sagt der Verbraucherschützer. Valet rät dazu, die Lebensmittel zu Hause systematisch nach Haltbarkeit zu ordnen und zu verbrauchen. Wichtig sei es, die Vorräte kühl, trocken und dunkel zu lagern. Denn Sonnenlicht kann Verderbnis in Gang setzen, Speiseöl etwa wird dann schneller ranzig.

Wer jetzt große Mengen Mehl hortet, muss nach seinen Worten besonders auf die Lagerung achten. Zudem müsse Vollkornmehl schneller verbraucht werden als Weißmehl. "Bei Vollkornmehl wird das ganze Korn mit Keimling ausgemahlen, es hat eine höheren Fettanteil und kann schneller ranzig werden", erklärt er. Ein anderes Problem seien Feuchtigkeit und Ungeziefer wie Motten, Milben, Mehlwürmer. Letztere könnten in der gekauften Packung schon drin sein und sich dann zu Hause verbreiten. "Deshalb ist es sinnvoll, Mehl nicht nur in der Papiertüte zu lagern, sondern in festverschlossenen Behältern an einem kühlen und trockenen Ort", erklärt Valet. Mehl sei dann oft weit über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus genießbar.

Zu den leicht verderblichen Waren gehört dagegen Hefe, die sich zur Not laut Valet aber auch einfrieren lässt. Frisch hält sie dagegen nicht länger als ein bis zwei Wochen.

Wer unsicher ist, ob Vorräte noch genießbar sind, dem helfe der Drei-Sinne-Check, erklärt Kerstin Weber, Lebensmittelexpertin der Umweltorganisation WWF. "Sehen, Riechen und Schmecken geben Aufschluss darüber, ob der Joghurt zum Beispiel noch gegessen werden kann", ergänzt sie. Das gelte auch, wenn das Mindesthaltbarkeitsdatum bereits erreicht sei. Ihr Tipp, damit es gar nicht so weit kommt: "Ein Kochplan für die Woche sorgt für Struktur und hilft dabei, gezielt nachzukaufen." Die meisten unnötigen Lebensmittelabfälle ließen sich so schon vor dem Einkauf vermeiden.

Eine Lösung haben die Experten auch für jene parat, die nun einen Teil ihrer großen Vorräte wieder loswerden wollen, ohne sie vernichten zu müssen. "Was Verbraucher nicht brauchen, können sie etwa über die Foodsharing-Plattform teilen, auch die Tafeln sind ein guter Ansprechpartner", sagt Verbraucherschützer Valet. Vor allem die Tafeln seien für Nachschub dankbar. Zuletzt gab der Handel weniger ab, weil in den Läden mehr Lebensmittel verkauft werden als üblich.

© SZ vom 03.04.2020

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