Hambacher Forst RWE hat einen großen Fehler gemacht

Im Streit um den Hambacher Forst steckte RWE im Dilemma. In der Hoffnung auf Millionengewinne nahm der Konzern den Imageschaden in Kauf.

Kommentar von Benedikt Müller

Der "Hambi" bleibt, vorerst. So lässt sich das Urteil des Oberverwaltungsgerichts (OVG) Münster zusammenfassen. Demnach darf der Energiekonzern RWE den Hambacher Forst bei Köln nicht roden, bis die Gerichte über den nötigen Artenschutz entschieden haben.

Bis dahin wird der Braunkohletagebau vorläufig zum Erliegen kommen, RWE entgehen Hunderte Millionen Euro Gewinn. Ist der Konzern nun der Dumme, da er bis zuletzt die Rodung forderte? Und sind die Baumbesetzer die Guten, weil sie den Wald gerettet haben? Beide Schlussfolgerungen wären zu kurz gedacht.

Denn auf der einen Seite steckte RWE in den vergangenen Monaten in einem Dilemma. Klar hätte der Konzern - als theoretische Alternative - freiwillig auf die Rodung des Hambacher Forstes verzichten können. Damit hätte RWE wohl einen Imagegewinn erzielt. Und der Konzern hätte seine bevorstehende Hinwendung zur grüneren Energiewelt glaubhaft untermauert. Denn ja, RWE wird schon bald den Großteil des Geldes mit Ökostrom verdienen und zum drittgrößten Grünstromanbieter Europas aufsteigen. Nur haben davon bislang viel weniger Menschen Notiz genommen als von jenem Tagebau in Hambach, der einen alten Wald bedroht.

Dividendeneinnahmen bisher wichtiger als der Erhalt alter Wälder

Doch wäre ein solcher Achtungserfolg RWE teuer zu stehen gekommen. Nicht nur, weil der Konzern selbst gut 4000 Arbeitsplätze in Tagebau und Kraftwerken gefährdet hätte. Sondern weil RWE als Aktiengesellschaft vielen privaten Anlegern, Profiinvestoren und mehreren Stadtwerken in Nordrhein-Westfalen gehört. Den meisten von ihnen waren Dividendeneinnahmen bisher wichtiger als der Erhalt alter Wälder. Diesen Aktionären hätte RWE freiwillig den dreistelligen Millionenschaden zufügen müssen, den nun das OVG-Urteil mit sich bringt, da RWE in den Kraftwerken Neurath und Niederaußem einstweilen weniger Strom herstellen kann.

Zwischen dem drohenden Imageschaden einerseits und den finanziellen Einbußen andererseits entschied sich der Konzern also, auf gültige Genehmigungen seines Tagebaus zu verweisen - und den Erhalt des Hambacher Waldes frühzeitig als "Illusion" abzutun.

Dabei haben RWE und die nordrhein-westfälische Landesregierung jedoch einen großen Fehler gemacht: Sie versuchten zu früh, Tatsachen zu schaffen. Schon Wochen vor dem anstehenden OVG-Urteil räumte die Polizei den von Aktivisten besetzten Wald, vorgeblich aus Brandschutzgründen. Dabei verunglückte ein junger Mann tödlich. Wenige Tage vor dem Richterspruch ließ RWE noch einen großen Graben um den Forst ziehen. Hätten Konzern und Politik die Entscheidung des Gerichts abgewartet, hätte sich die Staatskasse einen der teuersten Polizeieinsätze in der Geschichte Nordrhein-Westfalens sparen können.

Klage des BUND erhält den Wald nun für ein bis zwei Jahre

Auf der anderen Seite lässt sich auch über die Rolle der Baumbesetzer streiten. Ohne sie wäre der Hambacher Forst zwar kaum derart in das Blickfeld einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Dass der Wald nun für ein bis zwei Jahre erhalten bleibt, ist aber nicht den Besetzern zu verdanken, sondern einer Klage des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland. Jener BUND kritisiert nun, dass Aktivisten gleich wieder in den Forst gezogen sind, um Bäume zu besetzen. Dabei sollte sich der Wald doch erst einmal erholen, warnen Umweltschützer.

Genauso wenig werden die Baumbesetzer darüber entscheiden, ob der Hambacher Forst auch dauerhaft erhalten bleibt. Ob es sich für RWE lohnen wird, den Tagebau Hambach nach dem Rodungsstopp wieder aufzunehmen, hängt vielmehr davon ab, wie schnell und in welcher Reihenfolge die Bundesregierung aus der Braunkohleverstromung aussteigen will. Deshalb ist die sogenannte Kohlekommission so wichtig, die noch in diesem Jahr einen Ausstiegsplan vorschlagen soll.

Dass RWE in den beiden Kraftwerken künftig weniger Kohle aus Hambach wird verfeuern können, ist eine gute Nachricht für den Klimaschutz - und noch verkraftbar für die sichere Stromversorgung in Deutschland. Doch reicht es für die Stromwende bei Weitem nicht, den Hambacher Forst zu retten und weitere Ökostromkraftwerke zu bauen.

Viel dringender sind nun die Netze nötig, um den vielen Windstrom aus dem Norden in den Süden zu bringen, und Speicherlösungen für überschüssigen Ökostrom. Und für eine erfolgreiche Energiewende braucht es darüber hinaus mehr gedämmte Häuser, mehr sparsame Heizungen und weniger Verbrennungsmotoren auf der Straße. Diese große gesellschaftliche Aufgabe lässt sich nicht am Schicksal eines alten Waldes festmachen. So schön dessen Erhalt auch ist.

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