Halbleiter:Deutsche Industrie auf Entzug

Halbleiter: Mitarbeiter in einem Infineon-Werk in Regensburg: Halbleiter sind plötzlich sehr gefragt.

Mitarbeiter in einem Infineon-Werk in Regensburg: Halbleiter sind plötzlich sehr gefragt.

(Foto: Matthias Schrader/AP)

Still stehende Bänder in Autofabriken, Nachschubprobleme in der IT: Der Chipmangel macht der Industrie zu schaffen. Aber ein Unternehmen profitiert, wenn es jetzt wieder hoch geht.

Von Caspar Busse, Thomas Fromm und Helmut Martin-Jung, München

Dass ausgerechnet ein Unternehmen, das früher einmal Halbleiter hergestellt und verkauft hat, heute überlegen muss, wo es seinen Nachschub an Chips herkriegen soll, ist die eigentliche Ironie der Geschichte. Siemens hatte sich 2000 von seinem Halbleitergeschäft getrennt und es an die Börse gebracht, der Verlustbringer passte nicht mehr zum Rest. Außerdem war dieses Chip-Geschäft mit seinen ständigen Aufs und Abs, seinen Höhenflügen und Abstürzen zu viel für die Nerven der Siemensianer.

Das Halbleiter-Unternehmen, unter dem Namen Infineon bekannt, ist heute im Dax notiert und ziemlich erfolgreich. Und Siemens hat, wie viele Unternehmen etwa aus der Autoindustrie, gerade ein Problem: Chips sind knapp, auch für die Produktion von Maschinen und digitalen Anwendungen. "Wir sehen, dass gerade im Halbleiterbereich einige Engpässe auftreten", sagte der neue Siemens-Chef Roland Busch am Mittwoch. "Einige Engpässe", das klingt fast schon harmlos, wenn weltweit wie in den vergangenen Wochen Autohersteller ihre Bänder anhalten müssen und sich verzweifelt fragen, was das alles zu bedeuten hat. Ohne jene kleinen Bauteile, die die Elektronik eines Autos zusammenhalten und steuern, im Cockpit, in der Motorsteuerung, überall, ohne diese nützt einem die schönste Karosserie nichts. Da funktioniert nicht einmal der Zündschlüssel.

Reinhard Ploss, 65, ist schon ziemlich lange im Geschäft, vor 35 Jahren fing er bei Siemens im Bereich Halbleiter an. Seit neun Jahren ist er Vorstandschef von Infineon, dem größten Halbleiterkonzern in Europa - er kennt sich also aus mit diesem ständigen Auf und Ab der Chipbranche. Dieser plötzliche, weltweite Nachfrageboom nach Halbleitern überrascht selbst ihn. "Das ist schon sehr ungewöhnlich", sagte Ploss am Donnerstag. In sehr vielen Bereichen sei derzeit der Bedarf größer als das Angebot. So etwas kann natürlich nicht gut gehen. Die Lieferzeiten würden derzeit bei bis zu sechs Monaten liegen, eine Ewigkeit in dieser Industrie. Eine schnelle Erholung sei nicht zu erwarten. Wenn Waren knapp sind und die Nachfrage hoch, dann ist das für den Kunden, in diesem Fall die Industrie, schlecht. Für Hersteller wie Infineon ist das eigentlich ganz gut.

Reinhard Ploss Vorstandsvorsitzender Infineon Technologies AG Muenchen 18 03 2014 München Deutsch

Reinhard Ploss, der Vorstandsvorsitzende von Infineon, ist schon 35 Jahre im Geschäft.

(Foto: Ute Grabowsky /imago/photothek)

Es passiert immer wieder mal, dass Chiphersteller den Markt mit ihren kleinen Teilen überschwemmen, viel zu viele auf dem Markt sind und dann die Preise und kurz darauf auch die Aktienkurse der Hersteller in den Keller purzeln. Aber andersherum? Blockierte Bänder bei Volkswagen? Engpässe bei Siemens?

Knapp sind Halbleiter derzeit überall, in der IT- und Mobilfunkindustrie oder in der Energiebranche. Vieles sei in der Corona-Krise sehr gefragt, sagt Ploss. Handwerkerbedarf, Laptops und Mobilfunkausrüstungen, Spielekonsolen und Fitnessgeräte, Medizintechnikprodukte - alles Dinge, die ohne Halbleiter gar nicht funktionieren würden. Dringend ist die Nachfrage in der Autoindustrie. Die weltweite Produktion erholt sich, neuere Autos und vor allem E-Fahrzeuge brauchen noch mehr Silizium-Bausteine als alte Wagen.

Auslieferung der ersten Volkswagen-Elektroautos ID.3

Elektroautos, hier der ID.3 von Volkswagen, brauchen deutlich mehr Halbleiter als herkömmliche Fahrzeuge.

(Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa)

Wenn es alle Autohersteller gleichzeitig trifft, dann ist die Frage: Was steckt dahinter, haben etwa alle kollektiv geschlafen? Der Mangel an Chips trifft ja nicht bloß einen Hersteller. Autohersteller, so könnte man annehmen, planen nicht in den Tag hinein, die Produktion ist durchstrukturiert von A bis Z. Die Zulieferer, also auch die Chiphersteller, erhalten sechs Monate vorher Ansagen, welche Mengen sie liefern müssen. Diese Pläne werden dann wöchentlich aktualisiert, erklärt ein VW-Manager, der für Beschaffung zuständig ist. Eigentlich also hätten die Lieferanten Bescheid wissen müssen, zumal sie auch noch dazu aufgefordert waren, mögliche Versorgungsengpässe rechtzeitig zu melden - auch bei Vorprodukten. Damit wird die Sache erst richtig kompliziert.

Chiphersteller bekommen sogenannte Wafer geliefert, das sind Scheiben aus hochreinem Silizium, auf die die Schaltkreise in einem komplexen Verfahren aufgebracht werden. Ein solcher Wafer-Hersteller ist das Unternehmen Global Wafers aus Taiwan, weltweit die Nummer drei und ein Unternehmen im Übernahmefieber: Die Firma ist gerade dabei, den Münchner Konkurrenten Siltronic zu übernehmen.

Global-Wafers-Chefin Doris Hsu macht das Corona-Chaos der vergangenen Monate für die Krise verantwortlich - viele hätten nach dem ersten Lockdown im Frühjahr nicht mit einer schnellen wirtschaftlichen Erholung gerechnet. Die Konjunktur sei aber in vielen Ländern V-förmig verlaufen: Scharf runter, schnell wieder hoch. "In der Zwischenzeit hatte sich die Autoindustrie schon auf eine längere Krise eingestellt und bei ihren Zulieferern weniger Halbleiter bestellt", sagte Hsu der SZ. "Gleichzeitig saßen viele Menschen im Homeoffice, der Absatz von Computern und Smartphones boomte weitaus mehr als erwartet." Die Folge: Ein Teil der Halbleiterproduktion wurde in Richtung der Boom-Branchen umgeleitet. Oder gar nicht erst aufgenommen.

Tatsächlich ließ die Pandemie die Nachfrage nach Laptops, Monitoren und Druckern kräftig ansteigen. Auch iPads verkauften sich so gut wie seit Jahren nicht mehr, das iPhone 12 war der Renner im Weihnachtsgeschäft. Apple, sagt Infineon-Chef Ploss, brauche heute mehr Halbleiter als die gesamte Autoindustrie.

Corona verändert das Leben der Menschen, und die Chipfertiger stellen sich darauf ein. Aus Produktionsstraßen für Auto-Halbleiter wurden Anlagen für die Konsumelektronik-Branche. Eine Entscheidung mit Folgen: Sie jetzt wieder umzurüsten, dauert. Und auch dann purzeln die Chips nicht einfach so aus der Fabrik. Bis sie ausgeliefert werden können, dauert es nochmal Wochen. Wenn man den Autoherstellern oder anderen Branchen, die ebenfalls unter dem Mangel an Chips leiden, etwas vorwerfen kann, dann das: Sie haben sich zu sehr auf ihre Hauptzulieferer verlassen - also jene Zulieferer, die den direkten Kontakt zu ihnen haben.

Zumindest bei VW will man das in Zukunft ändern und auch mit den nachgeordneten Herstellern reden. Die Hoffnung: Kürzere Wege, direkter Draht, mehr Sicherheit. Die fehlenden Chips hätten einen Wert von einem Dollar das Stück - dumm, wenn wegen Ein-Dollar-Teilen die Produktion eines Autos ausfällt, das mehrere Zehntausend Dollar einbringt.

Prozess gegen ehemaligen Infineon-Chef beginnt

Als Infineon 2000 an die Börse ging, fuhr der damalige Chef Ulrich Schumacher im Renn-Porsche vor.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Infineon jedenfalls profitiert vom plötzlichen Nachfrage-Boom. Die Prognose für das laufende Geschäftsjahr wurde angehoben. "Es wäre noch mehr Geschäft möglich gewesen", sagte Ploss. Zudem wird die Eröffnung der neuen Fabrik im österreichischen Villach um ein Quartal vorgezogen. Infineon produziert zudem in Regensburg, Dresden und weltweit. Um mit dem neuen Boom mitzukommen, will Ploss mehr und schneller investieren. "Viele unserer Kunden unterschätzen die Komplexität der Lieferketten", sagt er. Möglich, dass sie es nach den Ereignissen dieser Wochen nicht mehr tun.

Doris Hsu von Global Wafers ist übrigens optimistisch. Sie glaubt, dass bald Schluss ist mit der Mangelwirtschaft. Sie sagt: "Die Chip-Knappheit wird im Laufe des zweiten Quartals überwunden sein."

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