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Hackathon-König Ma:Serientäter

Peter Ma ist der König von Hacker-Wettbewerben. Mehr als hundert davon hat er gewonnen, von den Sachpreisen und Prämien kann er gut leben. Trotzdem ist für ihn etwas anderes viel wichtiger.

"Und nun kommen wir zur Preisverleihung des weltgrößten, virtuellen Hackathons." Der Moderator auf der Bühne trägt ein knöchellanges weißes Gewand, die Nationalkleidung der Vereinigten Arabischen Emirate. Neben den vielen großen Bildschirmen bemerkt man ihn kaum. "Der erste Platz geht an - Clean Water A.I.!" Peter Ma grinst. Er hat schon geahnt, dass sein Team gewinnt. Denn er gewinnt fast immer. Der Amerikaner chinesischen Ursprungs schüttelt schnell ein paar Hände und bahnt sich seinen Weg nach vorn, vorbei an Scheichs, Vertreter internationaler Organisationen und Unternehmenschefs.

Die Preisverleihung ist nur ein Programmpunkt des World Government Summit in Dubai. Die 800 Teilnehmer des Hackathons, also eines Programmierwettbewerbs, hatten zuvor einen Monat Zeit, um ein Programm zu entwickeln, mit dem eine Herausforderung der Zukunft gemeistert werden kann. Peter Ma hat mit seinem Team "Clean Water A.I." entwickelt: eine künstliche Intelligenz, mit der sich die Wasserqualität prüfen lässt. Für den ersten Preis haben sie 200 000 Dollar bekommen - die höchste Summe, die Ma je mit einem Team gewonnen hat.

Developers And Coders Attend The  TechCrunch Disrupt London 2015 Hackathon

Bei Hackathons sitzen die meist jungen Programmierer oft tagelang auf engstem Raum zusammen, um Prototypen von Apps zu entwickeln. Oft werden die Wettbewerbe von Firmen ausgerichtet.

(Foto: Luke MacGregor/Bloomberg)

In der Hackathon-Szene ist Ma einer der bekanntesten Programmierer und einer der selbstbewusstesten. Er schätzt seine Gewinnchance auf 80 bis 90 Prozent. Bei Hackathons versammeln sich die Teilnehmer meist auf engem Raum, um Apps und Software zu programmieren. Der Wettbewerb ist auf wenige Tage begrenzt und wird häufig von Unternehmen ausgerichtet. Peter Ma hat etliche Wochenenden damit verbracht, in kürzester Zeit etwas möglichst Innovatives zu entwickeln. Wie oft er genau gewonnen hat, weiß er nicht mehr: Hundert Mal mindestens, schätzt er - nicht immer den ersten Preis, aber es kamen schon "zwanzig ziemlich große Schecks" zusammen, viele elektronische Spielereien, einige Bitcoins.

Ma hat sich früh für Computer interessiert. Er kam 1984 in der chinesischen Stadt Harbin zur Welt und konnte schon mit fünf Jahren am Arbeitsplatz seines Vaters die ersten Videospiele spielen - lange bevor jeder Haushalt einen eigenen PC hatte. Als er elf war, zog er mit seiner Familie nach New York. Während der Schulzeit programmierte er Webseiten und studierte später Technische Informatik. Nach dem Bachelor zog Peter Ma nach Los Angeles, wo er für eine Software-Firma arbeitete. Dort lernte er auch für die ersten iPhones und Android-Geräte zu programmieren.

Manchmal nimmt Ma tagelang nur Flüssignahrung zu sich

2010 nahm der Amerikaner an seinem ersten Hackathon teil. Es wurde nach Lösungen gesucht, um die Menschen wieder aktiver zu machen. Peter Ma gewann mit einer App, mit der sich Sportbegeisterte mit anderen im näheren Umkreis vernetzen können, um spontan etwa gemeinsam Basketballspiel zu spielen. Der Preis war eine eigene Rede auf der renommierten Innovations-Konferenz TED. Ma sagt, die Konferenz habe sein Leben verändert: "Ich habe dort mit vielen inspirierenden Leuten sprechen können. Seitdem betrachte ich das Leben aus einer anderen Perspektive." Zuvor wollte er nur einen gut bezahlten Job im Unternehmen, jetzt versuche er, seine Fähigkeiten einzusetzen, um die Welt zu verbessern.

Peter Ma König des Hackathon

Erster: Der Programmierer Peter Ma mit der Siegertrophäe bei einem Hacker-Wettbewerb.

Und damit auch sein eigenes Leben. Der 33-Jährige profitiert von fast jedem Hackathon. Eine amerikanische Journalistin schrieb einmal, er würde seinen gesamten Lebensunterhalt nur durch Hackathons bestreiten. "Sie hat ein bisschen übertrieben." Ma grinst sichtlich stolz. "Alles in meinem Haus habe ich mit Hackathons finanziert." 3D-Drucker, Möbel, seinen Flachbildschirm.

"Aber einen Job habe ich schon noch." Er würde sich sonst zu Tode langweilen. Denn Peter Ma ist der Prototyp eines Hackers. "Manchmal ernähre ich mich tagelang nur von Soylent", sagt er, ohne das komisch zu finden. "Es ist einfach praktisch. Man kann die ganze Zeit arbeiten und muss nicht einkaufen und aufwendig etwas zubereiten." Soylent, eine aus Pulver angerührte Flüssignahrung, enthält alles, was der Körper so braucht. Der Erfinder war ein amerikanischer Softwareentwickler, die meisten Konsumenten sind es ebenfalls. "Ich freue mich aber immer wieder, wenn ich mal Zeit habe, etwas Richtiges zu essen", sagt Ma. Er sei ja auch ein Genießer und achte auf seine Work-Life-Balance. Wobei er das nicht immer im Griff hat. Vor fünf Jahren arbeitete er für mehrere Unternehmen gleichzeitig und hatte ziemlich viel Stress: Eine Idee funktionierte nicht und dann zerbrach auch noch die Beziehung mit der damaligen Freundin. Da packte Ma seine Sachen und verschwand in die Berge. "Ich war sechs Monate alleine backpacken. Ich wollte etwas Neues machen, verstehen, was das Leben wirklich ausmacht, Natur spüren." Ma reiste durch verschiedene Nationalparks, schlief im Zelt oder im Auto, ließ den Laptop unberührt - kehrte aber pünktlich zum nächsten Hackathon in die Zivilisation zurück. Ohne jede Vorbereitung programmierte er gleich zwei Apps: "Project Care" bietet mehr Transparenz für Spendenprogramme. Mit der App können sich die verschiedenen Paten eines Waisenkindes zu Videokonferenzen treffen, Dokumente austauschen und Überweisungen tätigen. "Dream Recorder" ermöglicht es, auf simpelste Weise die eigenen Träume zu dokumentieren, ehe man sie vergisst: Die App wird vor dem Einschlafen aktiviert und nimmt dann bei leichtem Schütteln Sprachnotizen auf.

Peter Ma gewann. Heute entwickelt er App- und Software-Prototypen für seine Kunden - macht also beruflich genau dasselbe wie bei den Programmierveranstaltungen. Von seinem Verdienst hat er sich einen Tesla und ein inzwischen schuldenfreies Haus in San Francisco gekauft. Die Arbeit ist flexibel, so muss er sein Hobby nicht aufgeben: "Ich suche mir die Kunden selbst aus. Wenn ich reisen will, reise ich. Wenn irgendwo ein Hackathon ist, nehme ich mir Zeit dafür." Jedes Wochenende ist irgendwo ein Hackathon. Einmal waren es drei an einem Tag, sagt Ma. "Ich hab an allen drei teilgenommen und überall gewonnen." Er grinst zufrieden. Die Preise interessieren ihn längst nicht mehr, Jobs bekäme er ohne Mühe. Für ihn ist wichtig, Erfahrungen zu sammeln, etwas Sinnvolles zu erschaffen, Erfolg zu haben. Und er genießt die Aufmerksamkeit, die er dafür bekommt.

© SZ vom 21.02.2018
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