bedeckt München

Gutes Leben:Die Suche nach dem Glück

Ist Verzicht gut und Verschwenden böse? Eine Ausstellung im Schweizer Pfäffikon spürt der Sehnsucht nach Einfachheit und der Lust am Überfluss nach. Sie kommt zu überraschenden Einsichten.

Von Charlotte Theile, Pfäffikon

Es ist nicht das, was die Besucher an diesem Sonntag hören wollen: "Wo immer ich meinen Laptop aufklappe, ist mein Zuhause." Es geht um Dinge, die man braucht und jene, die überflüssig sind. Und um das Kunststück, sie voneinander zu unterscheiden. "Kunstdiskurs für Minimalisten" steht auf dem Flyer.

Der junge Mann auf dem Podium trägt ein weißes Hemd und hat gerade den Satz mit dem Laptop gesagt. Das Publikum ist im Durchschnitt 60 Jahre alt, intellektuelle, kulturinteressierte Ehepaare. Sie sind entsetzt.

Alles, was er an Kunst, Literatur und Bildung brauche, befinde sich auf dem kleinen Gerät, führt der Zürcher Ökonom Alan Frei aus, ganz praktisch, denn so werde ihm jede Kaffeehaus-Kette mit W-Lan zum Daheim. Von seinem Zuhause unterscheidet die Kette vermutlich wenig: dem Vernehmen nach gibt es dort nur weiße Wände und einen Schrank, in dem sechs weiße Hemden hängen. "Für jeden Wochentag eines."

Immer mehr Menschen entdecken, dass man teilen, ausleihen, vermieten kann

Alan Frei ist nicht radikal. Ein gebildeter Großstädter, smart und weltgewandt. Er folgt einem der großen Trends unserer Zeit: Immer mehr Menschen entdecken, dass sie die Dinge, die sie brauchen, nicht besitzen müssen. Dass man sie teilen, ausleihen, untervermieten kann. Dass Auto, Wohnung und vollgestellter Hobby-Keller sie eher belasten als erfreuen.

In der Ausstellung "Mehr von Weniger", die noch bis Mitte September im Vögele Kulturzentrum in Pfäffikon am Schweizer Zürichsee zu sehen ist, geht es um die großen Fragen: Leben wir in einer Zeit, die sich zurückbesinnt auf das Einfache? Kann der Mensch überhaupt leben ohne sich gehen zu lassen, sich etwas zu gönnen, sich zu verausgaben? Verkauft sich Luxus nicht immer besser? Ist Verzicht gut und Verschwenden böse?

Jeder kennt Momente überschäumender Freude, die im ganz Einfachen begründet sind. Und Momente des Überflusses, in denen es plötzlich nur ein Gefühl gibt, klar, rein und fokussiert.

Askese. Ekstase. Geht das irgendwie zusammen?

Alan Frei, der Mann, der seine Habe auf das Allernötigste reduziert hat und etwas mehr als 200 Gegenstände besitzt, steht vor einem kleinen, aber extrem gut ausgestatteten Zelt. Dutzende Produkte aus der Outdoor-Survival-Abteilung umgeben den einsamen Wanderer: Camping-Kocher, Radio, Besteck, edler Rotwein im gut transportierbaren Plastikbehältnis. Die Botschaft ist klar: Raus in die Natur, einfach mal machen, Bäume, Berge, frische Luft. Aber ohne Steinchen in den Schuhen. Perfekt vor Regen und Wind geschützt genießt der moderne Outdoor-Abenteurer seinen Lieblingsrotwein und isst Züricher Geschnetzeltes. Von Verzicht ist das Hightech-Wandern weit entfernt. Und während Alan Frei um das Zelt herumläuft, stellt sich nur eine Frage: Wo liegt eigentlich der ganze Kram, wenn der Abenteurer nicht wandern ist - also an etwa 360 Tagen im Jahr?

Zu den Merkwürdigkeiten des modernen Lebens gehört auch das Fitnessstudio. Ein durchschnittlicher Großstadtmensch wäre wohl ohne weiteres in der Lage, den Bewegungsablauf einer Beinpresse oder eines Crosstrainers zu imitieren - nur wird man diese hundertfach trainierten Bewegungen im wirklichen Leben niemals brauchen. Ein "zivilisatorischer Irrweg", wie der Ungar Antal Lakner findet. Seine Antwort: Ertüchtigungsmaschinen, die reale Handwerkstätigkeiten einüben. Das Streichen einer Wand, eine ganz normale Holzsäge. Alan Frei ist begeistert.

Verzicht ist etwas Seltsames, unnatürlich, denkt man sich plötzlich in der Ausstellung

Die Ausstellung zeigt dringend benötigte Gegenstände, die selbst gemacht und funktional sind: die vollkommene Abbildung ihres Zwecks. Etwa eine verrostete Gabel, in eine runde Schuhsohle gesteckt. Dahinter verbirgt sich die Geschichte einer Familie aus Stolptsi in Russland, die unverhofft zu einer Badewanne kam, allerdings ohne Stöpsel. Badewannen-Zubehör gab es in der Gegend nicht. Eine Wanne ohne Stöpsel? Wertlos. Das rostige Unikat aus Gabel und Porokrepp wurde zum unverzichtbaren Begleiter.

In einer Gesellschaft wie der schweizerischen, in der jeder Mensch etwa 10 000 Gegenstände besitzt und alles online lieferbar ist, erscheint der Mangel, der aus den selbst gemachten Objekten spricht, weit weg. Und doch kennt jeder das Gefühl, es fehle einem jetzt an etwas.

Die Ausstellung will dazu anregen, den eigenen Besitz und Konsum bewusst anzuschauen. "Worauf könnte ich verzichten?" fragt eine Installation - und legt Zettel und Stift dazu. Eine gute Frage. "Fleisch, Auto, Rauchen" sind die naheliegenden Antworten. Genauso nachvollziehbar: Heroin. Egoismus. Spaßbremsen. Größenwahn. Vernunft. Worthülsen. Und, na klar, Verzicht.

Verzicht ist etwas Seltsames, unnatürlich, denkt man sich plötzlich in einer Ecke der Ausstellung. Ein riesiges "Warum?" scheint über der Ausstellung zu schweben, die einem die längst vergesse Punk-Bewegung "Straight Edge" in Erinnerung ruft. "Don't drink, don't smoke, don't fuck" steht dort, weißes Graffiti auf schwarzer Wand. Irgendwas muss geil sein am Verzicht, wenn sogar Punks auf Alkohol, Sex und Rauchen verzichten wollen.

Eine ebenfalls seltsame, entrückte Schönheit geht von den Bildern von David Magnusson aus. Auf den ersten Blick denkt man, man habe es mit Hochzeitsfotos zu tun. Das Gegenteil ist der Fall. Die jungen Frauen auf den Bildern, 12 bis 17 Jahre alt, haben gerade vor Zeugen gelobt, bis zur Ehe keusch zu bleiben. Sie tun dies in Begleitung ihrer Väter. (Die offensichtlich befugt sind, über die Tugend der Töchter zu wachen.) Die Vater-Tochter-Paare, oft in inniger Umarmung, kommen aus den USA, wo es seit den 1990er Jahren eine starke Enthaltsamkeitsbewegung gibt. Die fast erotische Spannung einiger Bilder zeigt eindrücklich, was Verzicht mit dem Gehirn anstellen kann: Sobald man sich geschworen hat, von nun an keine tierischen Fette mehr zu essen, denkt man nur noch an Butter und Sahne.

Der Zürcher Ökonom Alan Frei flaniert derweil mit einigen Senioren durch die Ausstellung. Auch wenn sie ihm wohl immer noch nicht verziehen haben, dass er weder Bücher noch Kunst besitzt - in ihren Plädoyers für den gesunden Menschenverstand sind sie ihm oft erstaunlich nahe. Wieso Leute mit dem Auto ins Fitnessstudio fahren und dann da auf dem Laufband stehen? "Lauf doch einfach heim!" wollen sie ihnen zurufen, aber eben, so einfach ist das nicht.

Nicht nur das Laufen, auch das Autofahren hat sich verselbständigt. Das selbstfahrende Auto, in der Lage im Sommer eigenständig nach Italien zu fahren, Urlaubsbilder zu knipsen und nach Hause zu seinem Besitzer aufs Sofa zu schicken, könnte die Zukunft dieser Losgelöstheit sein. Eine Videoinstallation, lustig, absurd. Und angenehm, weil einem die Realität plötzlich recht bodenständig erscheint.

Ein anderes Video zeigt Baby Schimmerlos in der 1980er-Jahre Serie "Kir Royal" im Kampf um seine journalistische Ehre: "Ich scheiß dich zu mit meinem Geld." Ein Versprechen, das auch heute noch gruselige Verlockung ist.

Schließlich verbindet die Experimente vom Verzichten, Ausmisten, freiwillig Beschränken und sagenhaften, freien, unsinnigen Luxus vor allem eines: Die Frage, wie man glücklich wird, wenn man eigentlich schon alles hat.

© SZ vom 20.06.2015
Zur SZ-Startseite