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Finnland:Ein Grundeinkommen macht nicht produktiver, aber glücklicher

Basic income experiment protagonist Juha Jarvinen

Grundeinkommen statt Arbeitslosengeld: Juha Järvinen ist Vater von sechs Kindern. Er wurde für das Experiment ausgelost.

(Foto: MIKA PUTRO/EPA)
  • In Finnland gibt es erste Ergebnisse eines staatlichen Grundeinkommen-Experiments.
  • Das Geld machte die Teilnehmer nicht produktiver, aber sie fühlten sich besser.
  • Sie bekamen zwei Jahre lang 560 Euro im Monat, ohne Bedingungen.

2000 landesweit zufällig ausgewählte Arbeitslose, die über zwei Jahre hinweg statt Arbeitslosengeld steuerfrei und ohne jede Gegenleistung 560 Euro erhielten: Das finnische Experiment zum Grundeinkommen war weltweit einmalig. Ende 2018 war es ausgelaufen, in dieser Woche nun stellten Forscher in Helsinki erste Ergebnisse vor.

Die Teilnehmer des von der finnischen Sozialversicherungsanstalt Kela geleiteten Projekts fühlten sich demzufolge gesünder, konzentrierter und waren weniger gestresst als gewöhnliche Arbeitslose. Gleichzeitig gab es, zumindest im ersten Jahr des Projekts, kaum Unterschiede bei der Zahl der geleisteten Arbeitstage. Die nun vorgestellten Resultate haben nur vorläufigen Charakter, die Untersuchungsergebnisse für das zweite Jahr werden die Forscher erst 2020 veröffentlichen.

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Beschlossen hatte das Experiment im Jahr 2016 die rechte Regierung von Ministerpräsident Juha Sipilä, deren Mitglieder selbst allerdings ein gespaltenes Verhältnis zu der Idee haben. Der Behörde Kela zufolge erhoffte man sich von dem Projekt ursprünglich Impulse bei der notwendigen Neugestaltung des finnischen Wohlfahrtsstaates. Das Projekt sollte unter anderem zeigen, ob ein Grundeinkommen durch den Wegfall von Bürokratie und endlosen Behördengängen den Menschen mehr Freiraum und Anreiz bieten würde bei der Suche nach Arbeit oder der Gründung eigener Unternehmen. Die Teilnehmer im Alter zwischen 25 und 58 wurden landesweit nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, die Teilnahme war verpflichtend.

Das 2017 und 2018 laufende Projekt ging zwar weiter als andere vergleichbare Experimente zum Beispiel in Kanada, gleichzeitig stand es wegen eingebauter Geburtsfehler von Beginn an auch im eigenen Land in der Kritik. Die finnische Regierung war ihrer eigenen Expertengruppe 2016 nicht gefolgt, die für eine wirklich aussagekräftige Studie mehr Geld und mehr Zeit gefordert und einen weit vielfältigeren Kreis möglicher Teilnehmer empfohlen hatte: Die Forscher wollten ursprünglich nicht nur Arbeitslose, sie wollten auch Geringverdiener und Jüngere mit einbeziehen, sie wollten verschiedene Summen ausprobieren und das Grundeinkommen bei der Steuer einbeziehen, was am Ende ein realitätsnäheres Bild gegeben hätte. Die Regierung deckelte jedoch die Kosten bei 20 Millionen Euro und den Zeitraum auf zwei Jahre.

"Stärkeres Vertrauen in die Zukunft" gewonnen

Die am Freitag von Kela für das Jahr 2017 veröffentlichten Zahlen zeigen nun, dass von den Empfängern des Grundeinkommens nur unwesentlich mehr ein zusätzliches Einkommen erhielten als in der Vergleichsgruppe gewöhnlicher Arbeitsloser, nämlich 43,7 statt 42,8 Prozent. Durchschnittlich arbeiteten die Empfänger des Grundeinkommens einen halben Tag mehr (49,64 Tage statt 49,25 Tage), verdienten dafür jedoch 21 Euro weniger (im Durchschnitt 4230 statt 4251 Euro). Fauler seien die Leute jedenfalls durch das Grundeinkommen nicht geworden, stellten manche Unterstützer des Grundeinkommens nach der Bekanntgabe erleichtert fest.

Gleichzeitig verwiesen sie auf die Ergebnisse der Kela-Studie, wonach die Teilnehmer nicht nur über weniger Gesundheitsprobleme und Stresssymptome klagten, sondern auch angaben, ein "stärkeres Vertrauen in ihre Zukunft und ihre eigenen gesellschaftlichen Mitwirkungsmöglichkeiten" zu haben. Gleichzeitig wiesen sie ein größeres Vertrauen in ihre Fähigkeiten auf, eines Tages doch Arbeit zu bekommen oder sich selbst beschäftigen zu können.

Finnland hat einen gut ausgebauten Sozialstaat, gleichzeitig altert die Bevölkerung so schnell wie kaum irgendwo anders auf der Welt, weshalb sich Politiker und Forscher seit vielen Jahren Gedanken über neue Modelle für die Zukunft machen. Dass die Regierung Sipilä selbst nicht voll hinter dem von ihr angestoßenen Experiment eines Grundeinkommens-Experiments steht, war von Anfang an sichtbar. Sipiläs Koalitionspartner, die Sammlungspartei, deren Chef Petteri Orpo Finanzminister der Regierung ist, machte regelmäßig Stimmung gegen das Grundeinkommen.

Die Regierung hat eine Arbeitsmarktreform umgesetzt, die in vielem das genaue Gegenteil des Grundeinkommens ist, sie nennt es "Aktivierungsmodell": Es verpflichtet Arbeitslose dazu, wenigstens in Teilzeit einen bezahlten Job anzunehmen, alle drei Monate zu Interviews in den Behörden anzutreten und an Weiterbildungsmaßnahmen teilzunehmen. Ansonsten werden die Arbeitslosenbezüge um 4,65 Prozent gekürzt. Bei Umfragen in der Bevölkerung schneidet das Aktivierungsmodell allerdings schlecht ab, das Grundeinkommen findet weit größere Unterstützung.

Richtig begeistert sind bislang nur die Linken und die Grünen

Auch die Opposition ist gespalten. Die rechtspopulistischen Wahren Finnen begrüßten das Ende des Projekts mit den Worten: "Arbeit ist die beste Sozialversicherung." Aber auch die oppositionellen Sozialdemokraten können bislang mit der Idee nichts anfangen. Richtig begeistern für die Idee können sich bislang nur die Linken und die Grünen, die ebenfalls diese Woche ihre eigenen Pläne für ein Grundeinkommen vorstellten. Die finnischen Grünen beklagen das nun beendete Experiment als mangelhaft und fordern ein weit umfassenderes Projekt mit 10 000 Teilnehmern, die aus verschiedensten Lebenslagen stammen müssten. Erst dann dürfe man wirklich aussagekräftige Resultate erwarten. Schon in der nächsten Wahlperiode wollen die Grünen ein Grundeinkommen von 300 Euro einführen, das dann auf 600 Euro aufgestockt werden soll.

Wie es weitergeht mit möglichen Experimenten zum Grundeinkommen in Finnland, wird sich bald zeigen: Mitte April wird gewählt, in Umfragen legen Grüne und Sozialdemokraten zu, die jetzigen Regierungsparteien verlieren Wähler.

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