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Grüne Woche:Häppchen und Handkuss

Vier Stunden, 26 Stände: Beim Rundgang über die Landwirtschaftsmesse in Berlin hat Ministerin Ilse Aigner keine Zeit für kritische Fragen - Käse und Schnaps warten.

Am Anfang ist alles Käse. Doch lieber Käse als Kartoffeln. Zwei Körbe voller Erdknollen hatten Greenpeace-Aktivisten der Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner am Tag zuvor vor die Füße geschüttet. Bei einem kleinen Rundgang auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin demonstrierten sie so gegen den Anbau gentechnisch veränderter Kartoffeln. Heute, Freitagmorgen, hat sich Aigner ein zweites Mal angesagt, für den großen Eröffnungsrundgang. Gemeinsam mit Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit und Gerd Sonnleitner, dem Präsidenten des Deutschen Bauerverbandes wird sie die traditionelle Tour drehen und damit die Messe für die Öffentlichkeit freigeben. Vier Stunden haben sie sich Zeit genommen. 26 Stände werden sie jetzt besuchen und dabei Trinkfestigkeit beweisen müssen.

Grüne Woche, Berlin, Aigner, dpa

Bier und Bergbauernmilch für die prominenten Besucher: Bauernpräsident Gerd Sonnleitner (v. li.), Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner und der bayerische Landwirtschaftsminister Helmut Brunner.

(Foto: Foto: dpa)

Der Rundgang über die 75. Messe für landwirtschaftliche Erzeugnisse beginnt an einem Käsestand. Für Fotografen und Kameraleute posieren die Ministerin im Dirndl und ihre beiden Begleiter beim sogenannten Käsewaschen. Die "Priener Blaskappelle" aus Prien am Chiemsee spielt derweil den "Ruetz-Marsch", Aigner und Anhang steuern den Stand der Niederlande an. Dort bereitet das Anschneiden eines Gouda zunächst Probleme. Der Umgang mit dem traditionellen Käsemesser erweist sich als schwierig. Doch dann reicht Frau Antje Käsehäppchen. Die CSU-Ministerin beißt rein und strahlt über das ganze Gesicht.

Weiter an den serbischen Stand. Um zehn Minuten nach acht Uhr gibt es jetzt hier den ersten Alkohol, einen Sauerkirschschnaps. "Herr Wowereit, schauen wir mal, wer die bessere Kondition hat", hatte Aigner Berlins Bürgermeister vor dem Rundgang herausgefordert. Jetzt nippen sie nur an ihren Gläsern. Vom serbischen Landwirtschaftsminister gibt es einen Kochlöffel als Geschenk und einen Handkuss zur Verabschiedung. Weiter geht's. In die Länderhalle Deutschland.

"Es gibt so viel zu sehen"

Aigner tätschelt die Pferde eines Gespanns aus Thüringen, probiert Rinderfilet und Entenbrust als niedersächsische Tapas-Häppchen, stößt mit Bremer Stadtmusikantensekt auf "eine gute Grüne Woche" an. "Es gibt so viel zu sehen", erklärt Wowereit, "man muss eigentlich öfter herkommen." An Bayerns Stand warten auf Aigner und ihre Begleiter Alphornbläser, die fränkische Weinkönigin und die bayerische Bierkönigin.

Die Herren greifen zum Weizenbier. Aigner freut sich über eine Promillepause und nimmt einen Schluck Milch. Dazu reicht die bayerische Milchkönigin Käse. "Das kommt alles aus Bayern", sagt Beate Deisenhofer. "Die Ministerin kennt alles und es schmeckt alles." Ob es die Hoheiten stört, wenn die Gäste den Alkohol nur Millimeterweise in ihre Kehlen tröpfeln? "Ich verstehe das", sagt Weinkönigin Anna Saum, "die müssen ja noch mehr trinken." Stimmt. Es folgt ein Hopfenlikör. Alkoholgehalt: 56 Prozent.

Jetzt ist das Vergnügen an der Reihe

Die Rituale wiederholen sich im Verlauf des Vormittags noch häufig. Die Gäste werden an den Ständen herzlich willkommen geheißen, es gibt Handschläge, Umarmungen, Küsschen. Häppchen werden gereicht, mal Käse, mal Wurst, mal Schinken. Dazu ein Umtrunk: Wein, Bier, Obstler, Likör, Aquavit. "Das ist ja warm", ist Aigner überrascht über den lettischen Black Balsam. Der sei stark und gesund, sagt Landwirtschaftsminister Janis Duklavs. "Aber Erwachsene trinken das nicht?", fragt Wowereit und bekommt prompt ein kaltes Gläschen in die Hand gedrückt.

Sieben Minuten sieht das Protokoll für die meisten Stände vor, wenig Zeit für intensive Gespräche. So werden Neujahrswünsche und andere Höflichkeiten überbracht. Dann gibt es Blumen und Präsentkörbe. Wichtige Themen, kritische Fragen? Die, so heißt es aus dem Mitarbeitertross der Ministerin, seien doch bereits am Donnerstag auf einer ausführlichen Pressekonferenz besprochen worden. Jetzt ist eben der vergnügliche Teil an der Reihe.

Kritik nur am Rande - von Sonnleitner und Greenpeace

Manchmal treten die Menschen aber doch mit ihren Anliegen an die Ministerin heran. Am Stand von Österreich geht es um grenznahen Handelsaustausch. Der Präsident des Bioland-Verbandes überreicht Aigner den Weltagrarbericht. Aigner lobt die "große Vielfalt" der deutschen Landwirtschaft. Außerdem müsse ein stärkeres Bewusstsein für gesunde Ernährung gefördert werden. Am Rande des Rundgangs äußert sich Bauernverbandspräsident Sonnleitner auch zum Preiskampf der Discounter. Dieser sei eine "Provokation". Der Einzelhandel versündige sich am Allgemeinwohl.

Dann geht es weiter unbeschwert zu. In der Ausstellungshalle der Ukraine singen Frauen in Trachten slawische Volksweisen. Die Osteuropäer schenken Brot, servieren Wein, Cognac und Wodka. Ob sie denn schon betrunken sei, wollen Journalisten von Aigner wissen. "Nein", entgegnet sie, "noch nicht." Wowereit referiert derweil: "Die Schnäpse wiederholen sich, aber es gibt Geschmacksnuancen."

Zwischendrin versuchen Greenpeace-Aktivisten, mal wieder zu stören. Doch ihr Auftreten ist nicht mehr als eine Fußnote. Bevor sie ihre Transparente gegen Genkartoffeln entrollen können, werden sie von Sicherheitsleuten weggeführt, vier Mal geschieht dies an diesem Morgen. Auch das gehört irgendwie zum Ritual des Eröffnungsrundgangs, in den Jahren zuvor gab es ähnliche Aktionen. Aigner und die anderen ignorieren die Mini-Zwischenfälle, sofern sie diese überhaupt bemerken. Wowereit verrät stattdessen lieber, dass er "natürlich ohne Frühstück" hierher gekommen sei. Und gegen Ende des Rundgangs hat er den folgenden Tipp parat: "Bier für die Nieren, Cognac für den Magen, Sekt für den Geist - man kann hier gesund leben."

Grüne Woche in Berlin

Das große Fressen