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Kommentar:Die grünen Kinder Erhards

Marc Beise / 16:9

Illustration: Bernd Schifferdecker

Die Grünen und die Unternehmen: Da beginnt gerade eine Freundschaft.

Von Marc Beise

Was waren das noch für Zeiten, als "Realo" bei den Grünen noch das Etikett für eine Minderheit war, für Normalos aus der Mitte der Gesellschaft, die sich irgendwie zu den Sonnenblumenkindern verirrt hatten und die dort gerade mal so geduldet wurden, bestenfalls. Ältere erinnern sich noch an den aufmüpfigen Gründungsparteitag im Januar 1980 in Karlsruhe, dem bald das erste Grundsatzprogramm der Grünen folgte mit der Kampfansage ans herrschende System: "Der Mensch droht inmitten einer späten Industrie- und Konsumgesellschaft geistig und seelisch zu ver­kümmern", hieß es dort, weshalb "ein völliger Umbruch unseres kurzfri­stig orientierten wirtschaftlichen Zweck­denkens notwendig" sei.

Januar 1980, da war eine gewisse Annalena Baerbock noch gar nicht geboren, die heute eine der beiden Bundesvorsitzenden der Grünen ist und bereits als nächste Vizekanzlerin gehandelt wird. Die jedenfalls keinen Hehl draus macht, dass sie nach der Bundestagswahl am 26. September regieren will - und zwar ausdrücklich mit der Industrie, nicht gegen sie.

Symptomatisch war gerade ein Treffen auf Einladung der Süddeutschen Zeitung zwischen Baerbock und dem Lufthansa-Vorstandsvorsitzenden Carsten Spohr. Der Lufthansa-Chef, das wäre früher der personifizierte Gottseibeiuns gewesen, die Grüne umgekehrt Feindbild Nummer eins. Stattdessen: "Wir haben uns schon mehrfach getroffen", berichtete Spohr unumwunden, und: "Die Forderungen der Lufthansa an die Politik könnte man fast eins zu eins ins Programm der Grünen übernehmen. So nah sind wir uns bei unseren umweltpolitischen Vorstellungen."

Auch Baerbock gab sich nicht mal die Mühe, Distanz aufzubauen. Vor fünf Jahren, ja, da habe es noch eine große Lücke zwischen ihr und der Wirtschaft gegeben, aber seitdem habe sich in der Wirtschaft viel geändert - "weil endlich angekommen ist, dass die Zukunft klimaneutral sein wird". Die Bewältigung der Klimakrise, aber auch die Rettung des Industriestandorts Deutschland verlangten nach einem engen Austausch.

Die Unternehmer und die Grünen: eine neue Liaison, aber eine fragile

Man könnte es sich jetzt einfach machen und ätzen: Die Grünen wollen an die Macht, klar, und also suchen sie den Schulterschluss mit jenen, die über Geld und Jobs gebieten: Unternehmer, Manager, Führungskräfte. Und wenn diese die Avancen erwidern, dann ist das die übliche Wendehalsigkeit, die man aus den Chefetagen kennt. Aber das wäre viel zu einfach gedacht.

Es fällt ja auf, dass viele Unternehmer aus Überzeugung auf Nachhaltigkeit setzen und den Grünen dabei die größte Kompetenz bescheinigen. "Sie stellen die richtigen Fragen", heißt es dann, und das hängt damit zusammen, dass der Markenkern der Grünen, die Umwelt- und Klimapolitik, 40 Jahre nach den wilden Anfängen der Partei wirklich und ernsthaft in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Selbst profitorientierte Manager trennen nicht mehr zwischen Privatmeinung und dienstlichen Notwendigkeiten, sie stellen Prozesse um, auch wenn es Geld kostet, sie suchen nachhaltige Geschäftsmodelle.

Und umgekehrt erkennt die Mehrheit der Grünen die Notwendigkeit gewinnorientierten Handelns an, die Wirtschaftspolitiker der Partei bewegen sich in Industrie und Mittelstand wie unter ihresgleichen. Organisieren Gesprächskreise mit Unternehmern, tauschen sich regelmäßig mit Konzernchefs aus.

Von der CDU, immerhin die Kanzlerpartei, ist da kaum noch die Rede. Was Angela Merkel hat vergessen lassen, nämlich dass die CDU mal die Partei Ludwig Erhards war, und was Friedrich Merz nicht zu reaktivieren vermochte, weil bei ihm alles immer retro klingt, das könnte den Grünen gelingen: zeitgemäß das Erbe Ludwig Erhards anzutreten, des Initiators der sozialen Marktwirtschaft.

Im neuen Grünen-Wahlprogramm stehen Sätze wie: "Märkte können ein mächtiges Instrument für ökonomische Effizienz, Innovation und technologischen Fortschritt sein. Ihre Dynamik und Schaffenskraft sind von großer Bedeutung, um die großen Herausforderungen der ökologischen Krisen zu bewältigen." Das kann man dann die ökosoziale Marktwirtschaft nennen und hat das vermutlich vielversprechende Geschäftsmodell auf einem übel geschundenen Planeten.

Noch ist die neue Liaison freilich fragil. Erhards Erfolgsrezept war das Motto: "Im Zweifel für die Freiheit". Die Grünen aber waren vom Start weg eine überzeugte Gebots- und Verbotspartei. Wenn sie dem in Zukunft widerstehen können, wenn sie der Wirtschaft den Raum geben, sich zu entfalten und damit kreativer und innovativer zu sein, als es der Staat, die Politiker, die Regulatoren je sein können, dann erst wird das Ganze eine richtig gute Allianz.

© SZ
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