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Grüne Investments:Die Welt verbessern und Geld verdienen

Windpark

Fonds gibt es auch im Bereich erneuerbare Energien wie Windkraft.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Immer mehr Produkte versprechen, nachhaltig zu sein. Experten raten aber zur Vorsicht.

Von Marcel Grzanna

Viele Privatanleger wollen ihr Kapital so investieren, dass sie sich nicht nur eine Rendite sichern, sondern gleichzeitig Gutes tun für die Umwelt oder die Gesellschaft. Die Optionen sind vielfältig. Banken und Finanzberater bieten eine breite Palette an Fonds, die nachhaltiges Investment versprechen. Je mehr die Nachfrage jedoch steigt, desto mehr Produkte drängen auf den Markt, bei denen die Nachhaltigkeit nur anhand absoluter Mindestkriterien erfüllt wird.

Für den Kunden wird die Lage zunehmend verwirrend. "Grünes Geld, Green Money, Social Investment, Ethisches Investment, ethische Geldanlage, Sustainable Investments, Social Responsible Investment, Sustainable and Responsible Investment. All das findet sich wieder unter der Begrifflichkeit Nachhaltigkeit", heißt es beim Forum Nachhaltiger Geldanlage (FNG). Dabei werden die klassischen Geldanlagekriterien wie Rentabilität, Liquidität und Sicherheit um ökologische, soziale und auch ethische Aspekte erweitert. Im Fachjargon heißen sie ESG-Faktoren (Environmental, Social und Governance).

"Für Anleger ist die Nachhaltigkeit ein sehr komplexes Konstrukt. Und nur wenn man bei der Bank nachfragt, bekommt man dann auch entsprechende Angebote. Die liegen meistens nicht oben auf", sagt Henry Schäfer, ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Finanzwirtschaft an der Uni Stuttgart, der mit seinem Beratungsunternehmen EccoWorks unter anderem nachhaltige Anlagestrategien entwickelt und begleitet. Das Problem ist, dass zu viele Berater selbst nicht ausreichend informiert sind, um den Nachhaltigkeitsansatz der Produkte umfassend zu erklären.

Was ist sozial, fair oder ethisch korrekt? Jede Bank kann dies anders auslegen

Der Begriff "nachhaltig" ist nicht verbindlich festgelegt. Das gleiche gilt ebenso wenig für Begriffe "sozial", "fair" oder "ethisch". "Jede Bank kann diesen Ansatz also anders auslegen - und entsprechend investieren", heißt es bei der Verbraucherzentrale Bremen, die 14 Finanzinstitute in Deutschland zählt, die ihrem Geschäftsmodell eigens festgelegte ethische und ökologische Kriterien zugrunde legen.

In der Regel sorgen Ausschlusskriterien dafür, bestimmte Unternehmen und Branchen auszusortieren. Dies können etwa Unternehmen sein, die Produkte herstellen, die der Gesundheit schaden, wie beispielsweise Tabak, oder Firmen, die Umweltstandards oder Arbeitsnormen nicht erfüllen. Gleiches gilt für Staatsanleihen. Länder, die Menschenrechte missachten, die beispielsweise von der Charta der Vereinten Nationen (UN) formuliert werden, kommen dann nicht ins Portfolio.

Der Teufel steckt im Detail. Die UN selbst hat 17 Nachhaltigkeitsziele benannt, die wiederum 169 Unterziele vereinen. "Manche Unternehmen picken sich einfach eines dieser Ziele heraus und holen sich von Ratingagenturen, die sie selbst beauftragen, das entsprechende Etikett. Anbieter dieser Finanzprodukte haben einen Bauchladen voll mit Emittenten, die auf dem untersten Level der Nachhaltigkeit rangieren", sagt Schäfer. Rechtlich spricht nichts dagegen. "Ob das Finanzprodukt während oder am Ende der Anlagedauer tatsächlich Umwelt oder Sozialbeziehungen verbessert, wird meistens aber gar nicht gemessen."

Die EU bastelt seit zwei Jahren an einem Klassifizierungssystem, der Taxonomie. Kreditinstitute und Vermögensverwalter sollen offen darlegen, wie sie Nachhaltigkeit in ihre Produkte integrieren. Inspiriert wurde das Programm durch das Weltklimaschutzabkommen. Bis 2050 will die EU klimaneutral wirtschaften. Die Finanzwirtschaft soll mit ihren Instrumenten das Geld in die nachhaltigen Projekte leiten. Bisher nimmt die EU Verbraucher und Industrie weniger in die unmittelbare Pflicht. Kritik an der Taxonomie wird auch laut, weil sie vor allem auf Klimaziele abzielt, während andere Aspekte wie Wasserschutz oder soziale Standards weniger Berücksichtigung finden. "Die gezielte Finanzierung von nachhaltigen Unternehmen, Projekten und Industrien kann nun die Weichen stellen, um die Klimaziele doch noch zu erreichen und um langfristig ein stabiles und nachhaltiges Wirtschaftssystem zu gestalten", sagt Nadine Strauß, die an der University of Oxford zu nachhaltiger Finanzierung forscht.

Als grün bezeichnet werden, Fonds, die diverse Titel beispielsweise nach Themen wie Wasser oder Erneuerbare Energie zusammenführen. Gerade wohlhabende Kunden investieren gerne auch im Rahmen des Impact Investing in einzelne Projekte, wo sie eine bestimmte Zwecksetzung im sozialen und ökologischen Bereich gefördert sehen wollen. Oder sie nutzen im Green-Finance-Bereich Finanzierungsinstrumente, die umweltbelastende Rückwirkungen der Industrieproduktion verfolgen, den Übergang in eine kohlenstoffarme Wirtschaft ermöglichen sollen oder die Reduktion des Wasserverbrauchs.

Anleger müssen aufmerksam sein. Grüne Produkte können risikoreich sein. Zudem nutzen Firmen diese auch, um sich einen grünen Anstrich zu verpassen. Anleger sollten sich gut über die Kosten, Risiken und Anlagekriterien informieren. "Auch das FNG betreibt Lobbyarbeit und ist interessiert daran, dass die Produkte verkauft werden", sagt Henry Schäfer von EccoWorks. Das muss nicht schlecht sein, aber es sollte dem Kunden zumindest bewusst sein. Hilfreich sind die Ergebnisse von Untersuchungen durch Verbraucherschützer. Schäfer gibt jedoch zu bedenken, dass Anleger heute schon mangels ausreichendem Wissen bei herkömmlichen Anlagen schnell den Überblick verlieren: "Jetzt auch noch herauszufinden, wie sie mit ihrem Euro die Welt retten können, dürfte viele Privatanleger schlichtweg überfordern und müsste Anlageschützer auf den Plan rufen."

© SZ vom 18.06.2020
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