Grüne Gentechnik:Konzerne kämpfen um den Acker

Sonne hinter Getreidefeld

Gentechnisch-veränderte Pflanzen werden in Europa kaum angebaut. Mit den neuen Gentechnikverfahren könnte sich das ändern.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Neue Gentechnik-Verfahren versprechen ein lukratives Geschäft: Die Zahl der Patente wächst. Dabei lehnen die meisten Menschen Essen aus Labor-Pflanzen nach wie vor ab.

Von Silvia Liebrich

Tomaten, die nicht matschig werden, Mais, der resistent ist gegen Schädlinge oder Pestizide. Grüne Gentechnik macht es möglich. Kaum ein Thema ist in der Ernährung so umstritten. Zwar ist es im Kampf um die ungeliebte Technologie in den vergangenen Jahren etwas leiser zugegangen, ganz verstummt sind die Kritiker aber nie. Mit den Methoden der sogenannten neuen Gentechnik wie CRISPR/Cas flammt dieser Streit nun wieder auf. Dabei geht es auch um ein Milliardengeschäft, vor allem für mächtige Saatgutkonzerne, die längst dabei sind, sich strategisch zu positionieren.

Welche Folgen das für die Ernährung der Zukunft und die Preise von Lebensmitteln haben wird, lässt sich derzeit schwer abschätzen. Was sich aber bereits abzeichnet: In der EU wächst die Anzahl von Patenten auf Pflanzen, die auf Anwendungen der neuen Gentechnik beruhen. Das zeigt eine neue Untersuchung der gentechnik-kritischen Organisation Testbiotech. Deutlich wurde demnach auch, dass die meisten Patente vor allem von den marktführenden Konzernen angemeldet wurden. Kleine und mittelgroße Saatgutzüchter spielten kaum eine Rolle, wie Christoph Then, Geschäftsführer von Testbiotech, erklärt. Dieser Befund stehe im Widerspruch zu der häufig geäußerten Annahme, dass die neue Technologie auch für kleinere Anbieter die Chancen im Markt erhöhe. Doch genau das wäre nach Ansicht der Befürworter wichtig, um der stagnierenden Vielfalt in der Pflanzenzucht etwas entgegenzusetzen.

Tatsächlich dürfte die Marktkonzentration im Saatgutbereich der Untersuchung zufolge weiter zunehmen, schon jetzt liegen 60 Prozent des Marktes bei den vier großen Konzernen Bayer/Monsanto, Corteva, BASF und Syngenta/Chem-China. Marktführer im Bereich der neuen Gentechnik ist die Corteva-Gruppe, die aus dem Zusammenschluss der Konzerne Dow AgroSciences und DuPont/Pioneer entstanden ist.

Seit 1999 bis Ende 2020 wurden den Angaben zufolge rund 4000 europäische Patente auf zumeist gentechnisch veränderte Pflanzen erteilt, darunter zuletzt mehr als 100 Patente, die auf Methoden der neuen Gentechnik basieren. Die Zahl der Neuanträge wächst insgesamt. An der Spitze mit 70 Anträgen bis Ende 2020 steht nach Angaben von Testbiotech Corteva, gefolgt von Bayer (etwa 50) und KWS (etwa 30).

Die Experten von Testbiotech kommen auch zu dem Schluss, dass die Saatgutfirmen zunehmend versuchen, herkömmlich gezüchtete Nahrungsmittelpflanzen patentieren zu lassen. "Firmen formulieren ihre Ansprüche gezielt so, dass auch konventionell gezüchtete Pflanzen in die Reichweite der Patente fallen", stellt Then fest, der die Praxis in der Patentvergabe seit Jahren beobachtet.

Zwar dürfen konventionell gezüchtete Pflanzen in der EU eigentlich nicht patentiert werden, tatsächlich aber wird dieses Verbot seit Jahren umgangen, Beispiele dafür sind neue Sorten von Tomaten, Gurken oder Melonen. Laut Europäischem Patentamt (EPA) existieren etwa 80 Patente auf konventionell gezüchtete Pflanzen oder daraus hergestellte Produkte, Patentgegner sprechen dagegen von mindestens 200 Patenten.

Ein Risiko: Züchter könnten ungewollt Patente verletzen

Ein Problem ist, dass mit der Zahl von Patenten die Gefahr für andere Züchter wächst, ungewollt Patente zu verletzen. "Die Rechtsunsicherheiten können so groß werden, dass die Züchter ihre Arbeit an bestimmten Sorten vorsorglich einstellen, auch wenn es vielleicht nie zu einer Patentverletzung gekommen wäre", meint Then. Selbst die EU-Kommission stellte kürzlich in einem Bericht fest, dass die neuen Gentechnik-Verfahren eine Markteintrittsbarriere für kleine und mittelgroße Unternehmen darstellen könnten.

Damit scheinen sich viele Vorbehalte zu bestätigen, die bereits den alten Gentechnik-Verfahren anhaften. Kritiker befürchten, dass mit den neuen Methoden die Grenzen zwischen konventioneller Zucht und Methoden wie der sogenannten Genschere gezielt verwischt werden könnten. Damit ist der nächste große Streit um die Gentechnik auch auf politischer Ebene absehbar. Längst nicht alle Politiker teilen die Ansicht von Bundesumweltministerin Svenja Schulze: "Gentechnik bleibt Gentechnik".

Ob es dabei bleibt, scheint fraglich. Zwar urteilte der Europäische Gerichtshofs 2018, dass auch die neuen Gentechnikmethoden dem strengen europäischen Gentechnikrecht, unterliegen. Doch auf EU-Ebene wird der künftige Umgang mit der grünen Gentechnik derzeit neu bewertet. Auch weil Forscher und Industrie auf das Urteil empört reagierten. Sie halten die neuen Techniken für präziser und risikoärmer. Sie seien unverzichtbar, um die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung zu sichern und um der Klimakrise etwas entgegenzusetzen, argumentieren sie. Gentechnik-Kritiker befürchten dagegen ein Aufweichen der strikten Regeln, die bislang auch eine umfassende Risikobewertung vorsehen.

Die neuen Techniken machen eine Neubewertung unumgänglich. Die alte Gentechnik beruht - vereinfacht ausgedrückt - darauf, Gene mit einer Art Kanone in Zellen zu schießen. Was am Ende dabei rauskam, war mehr oder weniger Zufall. Die neuen Verfahren erlauben es, Gene präzise in das Erbgut von Pflanzen einzubauen. Damit können oft Ergebnisse erzielt werden, die theoretisch auch mit konventioneller Zucht möglich wären, nur dass es möglicherweise schneller geht.

Doch wie werden sich die Verbraucher verhalten? In Deutschland lehnen nach wie vor gut 90 Prozent der Menschen Gentechnik auf dem Teller ab. Im Lebensmittelhandel löst die Debatte um die neue Gentechnik schon jetzt Unruhe aus. Händler aus verschiedenen europäischen Ländern forderten vor Kurzem eine klare Regulierung und Kennzeichnung der neuen Gentechnik. Zu den Unterzeichnern aus Deutschland gehören unter anderem Aldi Süd, Aldi Nord, Lidl, Alnatura und Dennree. Auch ein kritisches Bündnis aus Umwelt- und Verbraucherschützern, skeptischen Wissenschaftlern, Kirchen, Entwicklungsorganisationen, Bauernverbänden und Lebensmittelhändlern bringt sich wieder in Stellung. Der neue Streit um die grüne Gentechnik, er hat gerade erst begonnen.

© SZ
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