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Grüne Energie:Sonnenwende

Sommer in Dresden

Viele Hausbesitzer wollen noch vor Ende der Förderung Nutzen aus der Sonne ziehen.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Rekorde bei erneuerbaren Energien, mehr Solar auf den Dächern: Corona belebt den Ökostrom, zumindest teilweise.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Die Zwangspausen der ersten Corona-Welle waren für so manchen die Zeit, sich mal wieder um die eigenen vier Wände zu kümmern - und offenbar auch um deren Dach. Das zeigt sich nun auch in den Geschäften deutscher Solarfirmen: Allein der Bau von Eigenheim-Anlagen auf dem eigenen Haus verdoppelte sich im ersten Halbjahr gegenüber 2019. "Diese Entwicklung ist sicher auch durch Corona beeinflusst", sagt Carsten Körnig, Chef des Branchenverbands BSW Solar. "Viele Menschen waren daheim und haben überlegt, was man am Haus noch tun kann."

Zumal im Frühjahr noch ein abruptes Ende der Förderung drohte, sobald bundesweit Anlagen mit 52 Gigawatt Leistung am Netz sind. Ab dann, so sah es das Ökostromgesetz EEG vor, sollten keine weitere Anlagen mehr gefördert werden. "Wir sehen bei dem starken Zubau sicher auch Vorzieheffekte", sagt Körnig. Anfang Juli hatte auch der Bundesrat der Abschaffung dieses "Solardeckels" zugestimmt, seither ist er Geschichte.

Während viele andere Branche-n unter der Pandemie leiden, versprühen deshalb die Solarfirmen nun Optimismus: Der Index der Geschäftserwartungen sprang um 60 Punkte, der höchste Anstieg seit 15 Jahren. Dazu beigetragen hat auch, dass zuletzt zunehmend große Solarparks ans Netz gingen. Den Zuschlag hatten sich die Betreiber schon bei Sonder-Ausschreibungen vor gut zwei Jahren geholt, jetzt aber gehen die Anlagen in Bau. Auch für das zweite Halbjahr erwartet die Branche nun weitere Projekte. Einzig bei Solaranlagen des Gewerbes, etwa auf den Dächern von Industrieanlagen oder Supermärkten, waren im ersten Halbjahr weniger Solarmodule installiert worden - womöglich auch dies eine Folge der Pandemie.

Schon mehren sich die Stimmen, die der Solarenergie mehr Gewicht bei der Energiewende geben wollen - auch als Alternative zur darbenden und mancherorts umstrittenen Windkraft. Zwar zeichnet sich auch hier eine Erholung ab. "Aber da steigt der Zubau allenfalls vom niedrigsten auf ein niedriges Niveau", sagt Jürgen Quentin, der den Zubau für die Fachagentur Windenergie an Land verfolgt. So steht es auch in deren jüngster Analyse, die am Freitag erschien. Demnach gingen von Januar bis Juni bundesweit 186 Windräder in Betrieb, mit einer Gesamtleistung von 587 Megawatt. Damit sei das erste Halbjahr 2020 das "zweitschwächste innerhalb der letzten 15 Jahre", heißt es in der Auswertung.

Im ersten Halbjahr steuerten die Erneuerbaren mehr als die Hälfte des Stroms bei

Schwächer war nur das Vorjahr, als der Zubau regelrecht einbrach. Bei Behörden stapelten sich unerledigte Anträge, Klagen verzögerten Bauprojekte, Ausschreibungen für die Förderung neuer Windparks blieben regelmäßig unterzeichnet. Hier entspannt sich nun offenbar der Genehmigungsstau. So seien im ersten Halbjahr knapp 300 neue Windräder genehmigt worden - fast 60 Prozent mehr als im gleichen Halbjahr 2019. Und das in einer Zeit, in der auch viele Behörden Corona-bedingt nicht mit voller Leistung arbeiteten, in der die Beteiligung der Öffentlichkeit zusätzlich erschwert war. "Wenn es gut läuft, ergehen in diesem Jahr Genehmigungen für 2500 bis 3000 Megawatt Windkraft", sagt Fachagentur-Mann Quentin. Um bis 2030 den geplanten Ökostrom-Anteil von 65 Prozent zu erreichen, müssten es allerdings fast doppelt so viele sein. "Für den Klimaschutz reicht das derzeitige Niveau hinten und vorne nicht", sagt Quentin. Diese Lücke könne auch Solarkraft nicht stopfen, die schließlich nur tagsüber Strom liefere.

Daran dürfte auch der neue Rekord wenig ändern, den der Ökostrom im ersten Halbjahr eingefahren hatte. Erstmals steuerten die erneuerbaren Energien mehr als die Hälfte des Stroms bei - nach einem Anteil von 44 Prozent im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dahinter steht tatsächlich ein starker Zuwachse der Ökostrom-Mengen - aber eben auch ein Corona-Effekt. Der Stromabsatz war nach Zahlen des Stromverbands BDEW um 5,7 Prozent eingebrochen.

© SZ vom 01.08.2020

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