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Gründungen:Der Erfolg des Scheiterns

In Deutschland grassiere eine große Angst vor dem Scheitern: "Es ist doch aber viel schlimmer, nie ein Risiko einzugehen, als etwas einfach zu versuchen und dabei vielleicht zu scheitern", sagt Jenny Boldt.

(Foto: Martin Klemmer/oh)

Jenny Boldt hat aus der Aufgabe ihres Start-ups Mealy viel gelernt. Entmutigt hat sie der vermeintliche Misserfolg nicht. Im Gegenteil.

Von Franziska Niess

Erfolgsgeschichten über Start-ups gibt es viele. Die von Jenny Boldt und ihrer Food-App Mealy dauerte drei Jahre. Im Sommer 2017 entschieden sich ihre beiden Mitgründer, das Unternehmen aufzugeben, um mehr Zeit für ihre Familien zu haben. "Ich konnte die Entscheidung verstehen, hätte aber gerne weitergemacht", sagt die 30-Jährige. Die Mealy App veröffentlichte Rezepte von Foodbloggern, die im Netz oft nur schwer zu finden sind. Geld verdienten die Gründer vor allem durch Kooperationen mit Supermarktketten wie Rewe, die den Nutzern die Zutaten ins Haus lieferten. Anfang 2016 bewarb Apple Mealy als eine der besten neuen Apps, was viele neue Nutzer einbrachte - jedoch nicht genug.

Weil ein wichtiger Investor abgesprungen war und sich die Verhandlungen mit anderen in die Länge zogen, entschieden sich Boldt und ihre Kollegen gegen weiteres externes Geld. Sie gründeten eine Web-Agentur, um damit ihr Start-up zu finanzieren. Heute fragt sich Boldt, ob das die richtige Entscheidung war. "Die Web-Agentur lief zwar gut, aber uns fehlte dadurch Zeit für die App." Die Motivation im Team, zu dem neben den Gründern drei Festangestellte und einige freie Mitarbeiter gehörten, geriet ins Wanken. "Vielleicht waren wir mit unserer Idee der Zeit voraus", sagt die Wirtschaftsingenieurin. Denn der Markt für Lebensmittel-Lieferdienste entstand gerade erst. "Wer weiß, die Corona-Krise hätte uns vielleicht den nötigen Kick verpassen können."

Doch mit der Was-wäre-wenn-Frage will sich Boldt eigentlich nicht beschäftigen. "Wir haben es versucht, und es hat eben nicht geklappt." Entmutigt hat sie der vermeintliche Misserfolg nicht. Im Gegenteil. Mit der passenden Idee könnte sie sich vorstellen, wieder ein Unternehmen zu gründen. "Man sollte im Leben nicht nur eine zweite Chance bekommen, sondern so viele, wie nötig sind", sagt sie und verweist auf die Biografien von Gründern wie Max Levchin, der erst im fünften Versuch mit dem Online-Bezahldienst Paypal durchstartete.

Ihre Familie und Freunde, die sie schon bei der Gründung unterstützt hatten, finden die Geschäftsaufgabe schade, weil sie die App selbst gerne nutzten und wissen, wie viel Nerven und Herzblut Boldt hineingesteckt hat. Doch negativ reagiert habe keiner. Das Gründer-Gen liegt ohnehin in der Familie. Ihre Eltern bauten während des Studiums selbst mehrere Unternehmen auf, von denen drei bis heute existieren. Sie weiß, dass nicht jeder Gründer so viel Unterstützung erfährt. In Deutschland grassiere eine große Angst vor dem Scheitern. "Es ist doch aber viel schlimmer, nie ein Risiko einzugehen, als etwas einfach zu versuchen und dabei vielleicht zu scheitern."

Über Erfolgsgeschichten zu schreiben und zu sprechen, sei immer leichter. Zu wenig stehen ihrer Ansicht nach Personen im Fokus, die auf den ersten Blick mit einem Vorhaben keinen Erfolg hatten. Dabei sei Erfolg eine Sache der Definition. Boldt war bei der Gründung 25 Jahre alt, baute Mealy von der Pike auf, hatte zwei Fernsehauftritte, verhandelte mit Investoren und Unternehmen. "Im Rückblick war es eine aufregende Zeit mit steiler Lernkurve." Ihre Erfahrung bringt sie seit Anfang 2018 beim Digitalverband Bitkom ein. Mittlerweile leitet sie den Bereich Start-ups.

Sie bereut weder Gründung noch Liquidierung ihrer Firma. Aber es schmerzt, dass mittlerweile eine Kopie der App als Website existiert. Die Inhalte entsprechen zum Teil denen der App. Und sie befürchtet, dass die Corona-Krise die Menschen eher vorsichtiger als mutiger macht und dabei viel kreatives Potenzial auf der Strecke bleibt. Dabei gelte nach wie vor: Viel ausprobieren, aus Fehlern lernen, Scheitern einkalkulieren - und trotzdem weitermachen.

© SZ vom 31.08.2020

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