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Gründerszene:Nur ein bisschen Blut

Das Start-up Wellabe besucht Firmen und untersucht die Gesundheit der Angestellten an deren Arbeitsplatz. Das soll nicht nur den Mitarbeitern helfen, sondern auch die Produktivität steigern. Wie läuft solch ein Test ab?

Von Tobias Bug

Gabriele Eibl bekommt einen Stich in den kleinen Finger, ein winziges Tröpfchen Blut fließt. Eine Ernährungswissenschaftlerin nimmt das Blut mit einem Teststreifen auf und steckt diesen in ein mitgebrachtes Blutzuckermessgerät. Das Gerät brummt dumpf. Dann stellt sich Eibl auf die Waage. Mit den Händen umklammert sie zwei Griffe, um ihre Herzfrequenz zu messen.

Eibl ist Personalreferentin der Baader Bank in Unterschleißheim. Dem Gesundheitscheck unterzog sie sich vor der Corona-Krise, organisiert vom Start-up Wellabe aus München. Das Unternehmen überprüft in mehr als 50 Firmen die Gesundheit der Angestellten, so auch beim Online-Händler Amazon oder dem Versicherungskonzern Allianz.

15,4 Tage war ein Erwerbstätiger durchschnittlich im vergangenen Jahr krankgeschrieben, steht im Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse (TK). Schaffen es Firmen - so betriebswirtschaftlich-kühl lässt sich das sagen -, diesen Wert zu unterbieten, können sie einen Wettbewerbsvorteil haben, weil die eigene Belegschaft seltener ausfällt als die der Konkurrenz.

Das ist das Argument, mit dem Wellabe Geld verdienen will. Bei dem Start-up rufen in Corona-Zeiten mehr interessierte Firmen an, im April nach eigenen Angaben doppelt so viele wie im Januar. "Das Thema Gesundheit hat Hochkonjunktur", sagt Michael Theodossiou. Der gelernte Versicherungskaufmann hat Wellabe 2016 mit dem Informatiker Sebastian Dünnebeil gegründet. Häufige Fehlzeiten hält Theodossiou grundsätzlich für vermeidbar. "Viele Arbeitnehmer gehen selten zum Arzt", sagt er. Deshalb komme es vor, dass potenziell chronische Krankheiten wie Rückenschmerzen, Diabetes oder Depressionen nicht rechtzeitig erkannt würden. "Mit unserem Angebot wollen wir die Gesundheit von Arbeitnehmern verbessern. Jeder sollte Zugang zu seinen wichtigsten Gesundheitsdaten haben."

Vor der Corona-Krise wurden die Angestellten der Wellabe-Kunden in ihren Firmenräumen untersucht. Während der Krise aber arbeiteten die meisten von zu Hause aus; die Tester des Start-ups waren in Kurzarbeit. Also versuchte das junge Unternehmen, mehr digital anzubieten: In den Online-Sprechstunden ist das Hauptgesprächsthema natürlich das Virus. Auch ein Covid-19-Antikörpertest gehört jetzt zum Angebot. Seit Ende Juni kommen die Tester wieder in die Büros der Kunden.

Einmal ausatmen, bitte: Jeder Check-up, hier in der Baader Bank in Unterschleißheim, dauert rund 20 Minuten.

(Foto: Robert Haas)

In normalen Zeiten sind für vier von zehn Krankmeldungen laut TK-Report Grippewellen und Erkältungen verantwortlich. Dagegen helfen nicht nur in Zeiten der Pandemie Hygienestandards im Unternehmen - Händewaschen etwa. Auch chronische Rückenleiden schmälern die Produktivität: Arbeitsunfähige Mitarbeiter kosteten die deutsche Wirtschaft 2018 knapp 145 Milliarden Euro an Bruttowertschöpfung, schätzt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Betriebsärzte gibt es in vielen Firmen schon lange. Sie prüfen die gesundheitliche Eignung von Angestellten, die Sicherheit am Arbeitsplatz, begleiten Wiedergenesene bei der Eingliederung. Bei Wellabe dagegen geht es vor allem um Prävention: Potenzielle Krankheiten sollen früh erkannt werden, damit die Kosten später nicht größer werden. Die Vorsorgeuntersuchungen für Angestellte in Firmen ähneln denen, die auch der Hausarzt machen würde. Der Ansatz des Start-ups spiegelt ein eher technisches Verständnis vom menschlichen Körper wider: Untersucht wird, was messbar und in einer App darstellbar ist.

Vor jedem Testtermin senden Personaler wie Gabriele Eibl von der Baader Bank eine Rundmail und laden zum "Check-up" ein. Die Teilnahme ist freiwillig. Eine Wellabe-Mitarbeiterin prüft die Beweglichkeit, die Körperzusammensetzung, den Stoffwechsel, das Herzkreislaufsystem und die Atmung. Um die Belastung für den Rücken zu untersuchen, müssen die Mitarbeiter zeigen, wie weit sie Kopf und Oberkörper von links nach rechts drehen oder wie weit sie Arme und Beine nach oben strecken können. Per Fragebogen und Elektrokardiogramm sollen Stressniveau und psychische Belastung ermittelt werden. Depressionen und andere psychische Erkrankungen waren 2019 der häufigste Grund für Fehltage, so der TK-Report.

Pressebild: Michael Theodossiou, Wellabe

Michael Theodossiou gründete Wellabe vor vier Jahren.

(Foto: oh)

Der komplette Check-up dauert etwa 20 Minuten. Am Ende wird per Videokonsultation ein Arzt zugeschaltet, der offene Fragen klärt und gegebenenfalls einen Besuch beim Facharzt empfiehlt. Die Untersuchung kostet jeweils rund 100 Euro, bezahlt vom Arbeitgeber.

Bei der Baader Bank seien nur wenige Mitarbeiter misstrauisch, sagt Personalerin Eibl. Der Bildschirm-Anruf am Ende komme aber weniger gut an: Viele Mitarbeiter wünschten sich, anschließend persönlich mit dem Arzt sprechen zu können. Das Testergebnis, ihre Gesundheitsdaten, können die Teilnehmer in einer App einsehen.

"Wellabe darf die Gesundheitsdaten sammeln, wenn jeder Arbeitnehmer aufgeklärt wird und zustimmt."

Diese Gesundheitsdaten sind hochsensibel und gesetzlich besonders geschützt. Der Arbeitgeber darf nur solche Gesundheitsinformationen erfragen, die in direktem Zusammenhang mit dem Job stehen. Beispielsweise darf er sich bei Angestellten erkundigen, die Hochhausfenster von außen putzen sollen, ob sie schwindelfrei sind. Individuelle Werte eines Mitarbeiters erfahren die Chefs nach dem Wellabe-Termin nicht. "Datenschutz war bei der Entwicklung von Wellabe und insbesondere der App ein wichtiges Thema", sagt Gründer Theodossiou. Die Medizinproduktzertifizierung und die Datenschutz-Grundverordnung stellten hohe Anforderungen. Der TÜV zertifiziere, dass das Start-up die Regeln einhalte.

"Wellabe darf die Gesundheitsdaten sammeln, wenn jeder Arbeitnehmer, der einen Check-up durchläuft, über die Verwendungszwecke aufgeklärt wird und der Auswertung schriftlich oder elektronisch zustimmt", erklärt Björn Gaul, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Köln. Wichtig sei zudem, dass die Teilnahme freiwillig ist. Solange die Zustimmung über die App erfolge, dürfe Wellabe die Daten anonym auswerten und ohne Namen für den Arbeitgeber aufbereiten. Daraus erstellt das Start-up einen Report für das Unternehmen, der Auskunft geben soll über die Gesundheit der Belegschaft. Dazu kommen mögliche Empfehlungen, was das Unternehmen ändern könnte, um den Mitarbeitern zu helfen. Leidet etwa ein Großteil der Kollegen unter Rückenschmerzen, wird dazu geraten, in höhenverstellbare Tische oder neue Bürostühle zu investieren.

Im Anschluss bekommen die Mitarbeiter in der App Hausaufgaben, etwa Bewegungsübungen und Ernährungstipps. Zum Beispiel rät die App etwas banal, die Treppe zu nutzen und nicht den Aufzug. Es gibt auch Gruppenaufgaben, bei denen Kollegen beispielsweise gemeinsam eine bestimmte Schrittzahl pro Tag erreichen, ausreichend trinken oder Lockerungsübungen machen sollen.

Firmen sollten mehr in die Gesundheit ihrer Mitarbeiter und in Prävention investieren, fordert Barbara Reiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Präventive Pädiatrie der Technischen Universität München. Das könne Fehlzeiten verringern und das Wohlbefinden steigern. Ein Präventionstest für Angestellte solle möglichst niedrige Hürden haben. Dazu komme im Büro ein möglicher Gruppeneffekt, der helfen könne: "Wenn die Kollegen gehen, gehe ich auch." Bei auffälligen Werten müsse ein Facharzt hinzugezogen werden.

Bei der Baader Bank sind die 120 angebotenen Testtermine jedes Mal ausgebucht, sagt Personalerin Eibl. Wer keinen Platz bekommt, muss ein Jahr warten - oder doch einfach selbst zum Hausarzt gehen.

© SZ vom 18.07.2020
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