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Gründerszene:In der Warteschleife

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Oft ist es Start-ups nicht möglich, sich blitzartig zu verändern. Vielen, die noch in der Anfangsphase sind, geht derzeit das Geld aus.

(Foto: imago/Westend61)

Für viele Start-ups und ihre Beschäftigten wird die Corona-Krise zum Härtetest. Es kommt nicht nur auf Flexibilität an.

Von Helmut Martin-Jung, Berlin

Die Idee war nicht schlecht und sie hatte ja auch gut funktioniert: tagesfrischer Fisch für Restaurants, online bestellt und binnen Stunden geliefert. Doch dann kam Corona, und das Londoner Start-up Pesky Fish stand vor der Wahl: adapt or die - sich anpassen oder sterben. Binnen Tagen stellte das Team seine Dienstleistung um. Statt Firmenkunden belieferte es Endkunden. Mit riesigem Erfolg. Das Start-up macht nun bessere Geschäfte als je zuvor und wird auch nach der Virus-Krise bei diesem Geschäftsmodell bleiben. Ein Kraftakt war es allerdings schon, von jetzt auf gleich nicht mehr wie bisher eher wenige Geschäftskunden und stattdessen viele Endkunden zu beliefern.

"Da hab' ich enormen Respekt, wenn man innerhalb weniger Tage eine Vorwärtsstrategie entwickelt", sagt Oliver Holle, Managing Partner bei dem österreichischen Risikokapitalgeber Speedinvest. Auch der Mobilitätsdienstleister Tier, der unter anderem Elektro-Tretroller in vielen Städten Europas anbietet, habe in der Krise ein solches Denken bewiesen: "Der Service ist weitergelaufen", während viele Konkurrenten ihre Dienste eingestellt hätten. Nun sei Tier "klarer Marktführer" in dieser Region.

Doch viele Start-ups haben nicht die Möglichkeit, sich blitzartig zu verändern. Vielen, die noch in der Anfangsphase sind, geht schlicht das Geld aus. Gerade erst klagten dem Digital-Verband Bitkom bei einer aktuellen Umfrage nahezu die Hälfte aller befragten Start-ups, sie fürchteten die Pleite.

Wie aber deckt sich das mit den Zahlen, die doch von Rekordinvestitionen zeugen? Seit Ende 2019 floss so viel Geld in europäische Start-ups wie noch nie zuvor - und das trotz Corona. Nicht nur wenden sich US-Venture Capitalists (VC) und ihre Konkurrenten aus Asien verstärkt dem europäischen Markt zu, es ist auch eine europäische Szene entstanden: "VCs mit zwei Milliarden Dollar Kaptal gab es in Europa bisher nicht", sagt Speedinvest-Mann Holle, "lange Zeit ist nichts passiert, aber dann geht es auf einmal sehr schnell."

Eine junge Firma zu verkaufen, ist derzeit sehr schwierig

Allerdings floss das Geld überwiegend an Unternehmen, denen man zutraut, dass sie sich auch gut entwickeln. Seriengründer, die schon Erfolge vorweisen können, bekommen viel leichter Geld als Erstgründer, "die tun sich zurzeit schwer", sagt Holle, "die Top-Start-ups hatten kein Problem, sich zu finanzieren." Besonders leiden natürlich die Branchen Reise und Gastgewerbe, wo monatelang gar nichts ging und wo es immer noch Beschränkungen wie etwa Reisewarnungen gibt. Andere wiederum profitierten sogar von der Krise, so zum Beispiel Start-ups aus den Bereichen elektronische Bildung und Unterhaltung. Aber was die Krise wirklich mit den Start-ups macht, werde man erst in zwei bis drei Jahren sehen, sagt Holle.

Was derzeit definitiv nicht klappt: Exits. Ein Start-up zu verkaufen, ist momentan sehr schwierig, dieser Bereich sei "am klarsten betroffen", sagt VC-Mann Holle, "einige Prozesse sind on hold." Mit dem unschönen Nebeneffekt, dass die Unternehmen weiter finanziert werden müssen.

Geld ist meist nicht das Problem großer Konzerne. Sie sind eher zu unbeweglich, zu sehr gefangen in ihren Strukturen und Hierarchien. Doch wie überwindet man das und wird agiler? Nicht mit "Innovationstheater", sagt der erfahrene Firmengründer Felix Stäritz, der auch Mitglied des "Board of Digital Leaders" des Weltwirtschaftsforums ist. Es gehe nicht mehr darum, irgendwelche Labs in Berlin einzurichten, denn es stünden ja auch gewaltige Herausforderungen an, etwa die Klimakrise und das Gesundheitssystem.

Die großen Energieversorger, die Bauunternehmen - sie seien jetzt gefragt, Geld zur Verfügung zu stellen für innovative Unternehmen, die sich dieser Probleme annehmen, "wir haben eben nicht mehr 20 Schüsse", sagt Stäritz. Wenn er mit Menschen aller Kulturkreise und aller Altersgruppen darüber spreche, erhalte er einhellig immer nur eine Antwort: "Jetzt oder nie." Das bisherige System der Risikokapitalgeber habe ausgedient - nun brauche es ein neues Modell. Geld sollten erfahrene Gründer bekommen, die schon gezeigt haben, dass sie etwas auf die Beine stellen können.

Zurzeit herrsche eine Aufbruchsstimmung wie nach dem Krieg, glaubt Stäritz, die Digitalisierung werde durch die Corona-Krise einen gewaltigen Schub erhalten, aber man müsse nun etwas Neues entwickeln, Daten nutzen, "damit unsere Kinder nicht 80 Prozent ihres Geldes für die Covid-Kredite und den Erhalt des Gesundheitssystems ausgeben müssen." Gelegenheiten gebe es genug: Man könnte Autos teilen, Heizungen besser steuern. "Worauf warten wir? Es ist Zeit."

Viele Gründer wollen nicht bloß das große Geschäft machen, sondern auch etwas beitragen zu den großen Problemen der Menschheit. Doch wer sich aus lauter Liebe zu seinem Projekt und mit einem Übermaß aus Enthusiasmus vollkommen hineinstürzt in seine Gründung, ist in Gefahr, sich zu überarbeiten. Es drohen Reaktionen wie Burnout oder Infarkt. Jörg Rheinboldt hat das als Gründer selbst erlebt und weiß: "So ein Leben, das kann nicht langfristig funktionieren."

Gründer müssen auch mal runterkommen und sich entspannen

Heute leitet er den Frühphaseninvestor APX, mentale Gesundheit gehört dort mittlerweile zum Pflichtprogramm für die Start-ups, die an dem Programm teilnehmen. Inzwischen gilt es ja als Binsenweisheit, dass vor allem das Team ein Start-up erfolgreich macht. "Wir achten bei der Auswahl sehr auf Menschen", sagt Rheinboldt, die Standardfrage laute: "Warum ihr?" Im Gespräch mit vielen Gründern habe man die Idee zu Coachings entwickelt, die den Gründern bewusst machen sollen, dass sie auch mal runterkommen und sich entspannen müssen, dass sie für sich eine gesunde Mischung aus Arbeit und Privatleben finden.

Er selbst trat bei APX nur unter der Bedingung an, dass er sich intensiv um seine Zwillinge kümmern könne - und hatte Glück: Die Firma stellte ihn ein und testete so, ob es funktioniere, wenn ein Geschäftsführer sich die Kinderarbeit mit seiner Partnerin teilt. Dass man etwas tun muss, um die psychische Widerstandskraft zu stärken, sei mittlerweile allen klar, sagt Rheinboldt. Den meisten helfe es schon, wenn sich im gemeinsamen Gespräch der Eindruck einstellt: "Das Gefühl kenn' ich."

Ob es dann Yoga ist, das einen entspannt, Radfahren, Meditation oder etwas anderes, muss jeder selbst für sich herausfinden.

© SZ vom 25.06.2020

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