Gründer in Europa Paris eröffnet weltgrößten Start-up-Campus

Der Milliardär Xavier Niel hat einen alten Bahnhof in Paris zur Brutstätte für 1000 junge Unternehmen umgebaut. Zur Eröffnung kommt Frankreichs Präsident Macron. Denn das Projekt ist ganz in dessen Sinne.

Von Leo Klimm, Paris

Ein filigranes Deckengewölbe aus nur sieben Zentimeter dickem Spannbeton - das machte die Halle Freyssinet zur technischen Pionierleistung, zum Inbegriff von Modernität. Damals, in den 1920ern, als die riesige Halle im Osten von Paris erbaut wurde. Aber das ist lang her. In den vergangenen Jahren verfiel der frühere Güterbahnhof - bis Xavier Niel ihn vor dem Abriss gerettet hat. Niel ging es wohl nicht nur darum, das Denkmal der modernen Architektur zu erhalten. Vor allem sah der Tech-Milliardär in dem alten Bahnhof einen idealen Ort, sich selbst ein Denkmal zu setzen.

Für 250 Millionen Euro ließ Niel die Halle in den vergangenen Jahren zum weltweit größten Start-up-Campus umbauen. Etwa 1000 junge Unternehmen sollen neuen Pioniergeist in die Halle bringen. Die heißt jetzt Station F, in Anlehnung an ihren Erbauer Eugène Freyssinet. An diesem Donnerstag wird Frankreichs neuer Präsident Emmanuel Macron Station F mit großem Pomp eröffnen.

Niel sagt, er wolle einen Leuchtturm schaffen, "einen weithin sichtbaren Ort, der Paris ein starkes Image verleiht". Die Ansammlung von 1000 Start-ups an ein und derselben Stelle soll eine Vitrine sein für den dynamischen, oft unterschätzten Gründer-Standort Paris. Die französische Hauptstadt soll zeigen, dass sie auch in der Digitalwirtschaft was zu bieten hat.

Das ist ganz im Sinne von Niels altem Bekannten Macron, der sich selbst gern als Symbol eines innovations- und unternehmensfreundlichen Frankreich inszeniert. Macron ermutigt junge Unternehmer, sie sollten "sich bereichern, ohne zu fürchten, deswegen als gierig oder egoistisch zu gelten". Station F soll jetzt ähnlich findigen Leuten wie Niel, der es einst als Parvenü aus der Vorstadt mit Billig-Telefonangeboten zum Multimilliardär gebracht hat, den Weg zum Erfolg erleichtern.

Im neuen Campus Station F kostet ein Schreibtisch vergleichsweise günstige 195 Euro Miete. Gründer leiden unter den hohen Büromieten in Paris.

(Foto: Eric Piermont/AFP)

Wobei Niel mit dem Campus durchaus eigennützige Ziele verfolgt. Der Unterschied zwischen Gönner und Pate der Pariser Start-ups ist nicht so groß: Im Westen der Stadt betreibt Niel seit Jahren eine Informatik-Akademie, für die er weder Schulabschluss noch Gebühren verlangt; dort kann er Talente früh an sich binden. Nun eröffnet Niel im Osten den Campus, der ihm und Partnerkonzernen wie Facebook und Microsoft einen guten Überblick über die bisher unübersichtliche Start-up-Szene der Metropole ermöglicht. Nicht umsonst zieht auch Niels eigener Wagniskapital-Fonds, der sich jährlich an etwa hundert Firmen beteiligt, mit in den aufwendig renovierten Bahnhangar.

Die 310 Meter lange Halle zählt jetzt vier Etagen und ist in drei Zonen unterteilt. In der ersten Zone sind die Start-ups zu Hause, meist in Großraumbüros. An 200 junge Tech-Firmen vermietet Niel die Arbeitsplätze direkt. Er verlangt dafür ausgesprochen günstige 195 Euro je Schreibtisch. Die übrigen Start-ups werden je nach Interessenschwerpunkt in sogenannte Inkubatoren aufgenommen, die etwa vom Pariser Rüstungs- und Sicherheitsunternehmen Thales oder von IT-Konzernen gesponsert werden. Ausgerechnet der umstrittene Facebook-Konzern richtet sich mit einem Coaching-Programm an Firmen, die "Transparenz und Kontrolle der Nutzer über ihre Daten" verbessern wollen.

Die beiden weiteren Zonen, neufranzösisch "Share" und "Chill" genannt, umfassen einen Konferenzraum für fast 400 Personen, ein Atelier mit 3-D-Druckern sowie eine Edel-Kantine, die von Ende 2017 an im 24-Stunden-Betrieb geöffnet sein soll. Und um der Campus-Idee voll zu entsprechen, bietet Niel den Jungunternehmern ein paar Minuten Seine-aufwärts auch das, was man früher ein Wohnheim nannte: In drei Türmen lässt Station F Wohnstudios für insgesamt 600 Mieter herrichten. "Unser Ehrgeiz ist, das Unternehmerleben so weit wie möglich zu erleichtern, damit die Gründer keine Zeit mit der Absicherung von Ressourcen vergeuden", sagt Roxane Varza, die Station F in Niels Auftrag leitet.

In Frankreich sind besonders viele schnell wachsende Start-ups zu Hause, zeigt eine Länderstudie

Der Mangel an Ressourcen - vor allem an Investorengeldern un an bezahlbarem Büroraum - ist die größte Herausforderung für junge Tech-Unternehmen in Paris. Zwar ist Frankreich in der Branche dafür bekannt, dass es viele gute Informatiker ausbildet. Im Vergleich mit anderen europäischen Gründern, nicht zuletzt jenen im weit günstigeren Berlin, bekommen viele Startupper aber schon Geldsorgen, ehe sie ihre Firma richtig starten können.

Doch die finanziellen und räumlichen Probleme lösen sich allmählich - zumindest für einen Teil der Entrepreneure. Während das Geld der Wagniskapital-Fonds weltweit zuletzt weniger locker saß, erfährt die Szene an der Seine eine entgegengesetzte Entwicklung: Die Investitionen in französische Start-ups nahmen, unterstützt durch die Förderbank Bpi France, im vergangenen Jahr deutlich zu. Fast jeden Monat gelingt es einer Pariser IT-Firma, bei internationalen Investoren dreistellige Millionenbeträge einzuwerben. Im Ranking "Fast 500" der am schnellsten wachsenden europäischen Start-ups, das die Beratungsfirma Deloitte erstellt, liegt Frankreich mit 94 Unternehmen vorn, während Deutschland nur mit 23 Firmen vertreten ist. "French Tech" ist en vogue. Und Xavier Niel schafft mit Station F nun Platz für jene Start-ups, die noch in der Anfangsphase sind. Sie sollen nicht an den teuren Mieten der französischen Hauptstadt scheitern. "Das ist vielleicht eine etwas weniger dumme Verwendung meines Geldes, als es meinen Kindern zu geben", witzelt Niel.

Er hat an alles gedacht bei Station F. Sogar eine Post wird es geben, bei der die Digital-Entrepreneure echte Briefe und Päckchen aus Pappe und Papier aufgegeben können. Nur ein Wunsch der Station-F-Macher bleibt unerfüllt: Eine Straße, die zu der früheren Bahnhalle führt, darf nicht nach dem verstorbenen IT-Guru Steve Jobs benannt werden. Wegen der Steueroptimierung, die der von Jobs gegründete Apple-Konzern betreibt. Das haben die Linken im Parlament des Stadtbezirks entschieden. Milliardär Niel dagegen ist willkommen.