Gründer Bei aller Freundschaft

Die Freunde Steve Wozniak (li.) und Steve Jobs gründeten 1976 mit der Computerfirma Apple eines der erfolgreichsten Unternehmen der Welt.

(Foto: Apple/dpa)

Zu viele Emotionen, zu wenig Kritik: Experten raten ab, mit Studienkollegen und engen Vertrauten zu gründen. Manchmal kann diese Verbundenheit auch Vorteile bringen - wenn Berufliches und Privates getrennt wird.

Von Christoph Gurk

An eine Wand im Konferenzraum von Innosabi hat jemand "#StartUpLife" geschrieben. Klingt nach Klischee - und tatsächlich ist das Büro der Firma im Münchner Stadtteil Lehel genau das, was man sich unter schöner neuer Arbeitswelt vorstellt. Fast eine ganze Altbau-Etage füllt es, in jedem Zimmer junge Menschen, an den Wänden hängt Kunst, und es gibt Espressi aus einer chromglänzenden Siebträger-Maschine anstatt Automaten-Kaffee aus dem Plastikbecher. Wer will, kann sich Bälle oder anderes Sportgerät ausleihen, gleich um die Ecke ist der Englische Garten, und auch nach Feierabend sitzen Mitarbeiter im Büro und trinken gemeinsam Bier, erzählt Catharina van Delden.

Zusammen mit drei Freunden hat sie 2010 das Unternehmen für digitales Innovationsmanagement gegründet, mittlerweile arbeiten knapp 140 Angestellte in der Firma. Die Stimmung und das Grundgefühl seien aber gleich geblieben, sagen die Gründer: Man arbeite nicht nur zusammen, man sei auch befreundet. "Wenn es die Firma nicht mehr geben würde", sagt Jan Fischer, einer von Deldens Gründerkollegen, "wären die meisten unserer Mitarbeiter trotzdem weiter befreundet".

Nicht nur Kollegen also, sondern Freunde, so wie es Delden, Fischer und die beiden anderen Gründer eben auch schon vor Innosabi waren: Sie gingen Schlittenfahren oder auf Partys, und als sie dann Innosabi gründeten, kamen zur guten Freundschaft eben auch noch gute Geschäfte. Ein Glücksgriff, allerdings auch eine glückliche Ausnahme, glaubt man den meisten Experten.

Oliver Bücken berät an der UnternehmerTUM, dem Gründerzentrum der Technischen Universität München, junge Gründer - und warnt immer wieder davor, ein Unternehmen mit Freunden zu starten. "Freundschaften sind häufig emotional aufgeladen. Beim Gründen hat man aber ohnehin schon viele harte Themen, da kann man sich weitere Emotionen gerne sparen." Und dass es zu emotionalen Momenten kommt, wenn man gemeinsam gründet, ist fast unumgänglich. "Die meisten Gründungen scheitern in den ersten drei Jahren", sagt Bücken. "Und dann gibt es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass auch die Freundschaft leidet oder sogar zerbricht."

Wer gemeinsam mit seinen Kumpels oder der besten Freundin eine Firma aufmacht, setzt also nicht nur sein Geld aufs Spiel, sondern auch die Freundschaft. Wieso aber gründen dennoch immer wieder Freunde zusammen?

"Wir können uns nicht ständig kontrollieren, darum ist Vertrauen auch so wichtig für uns."

Wann und wie sie sich kennengelernt haben, können Catharina van Delden und Jan Fischer nicht mehr sagen. Gemeinsame Freunde vielleicht oder gemeinsame Kurse an der TU München. Delden hat dort BWL studiert, bei Osram war sie im Marketing, sie war am Beginn einer möglicherweise steilen Karriere, dann las sie einen Zeitungsartikel über einen Bierbrauer in Australien, der seine Kunden und Freunde darüber abstimmen ließ, wie sein Selbstgebrautes schmecken sollte. Es folgte: ein riesiger Hype um das Bier. Delden war fasziniert: Ein Produkt, das nicht allein von Technikern entwickelt wurde, sondern von den Konsumenten. Sie erzählte ihren Freunden davon, gemeinsam diskutierten sie, ob man nicht eine Software machen müsste, damit Firmen gemeinsam mit anderen ihr Produkt verbessern können. Irgendwann stand dann fest, dass das selbst eine Geschäftsidee war - und van Delden und ihre Freunde gründeten Innosabi.

"Gründen mit Freunden scheint naheliegend, weil sie ohnehin da sind", sagt Oliver Bücken. Das Problem dabei sei, dass viele Freundeskreise sich aus Gemeinsamkeiten bilden, Freunde haben oft nicht nur die gleichen Interessen, sondern auch ähnliche Ausbildungen, Fähigkeiten - und Schwächen. "Beim Gründen sollte man die kompensieren", sagt Bücken, "man sollte sich Mitgründer suchen, die anders sind, als man selbst, und die einen ergänzen."

Insofern haben die Gründer von Innosabi alles richtig gemacht: Denn obwohl sie erst Freunde und dann Kollegen waren, sind sie unterschiedlich und haben verschiedene Kompetenzen. Alle vier Gründer von Innosabi haben zwar an der TU München studiert, dort aber unterschiedliche Fächer belegt. Bei Innosabi hat jeder nun seinen Bereich - und dank der Freundschaft gleichzeitig genug Vertrauen in die anderen, dass diese ihre Aufgaben erfüllen. "Wir können uns nicht ständig kontrollieren, darum ist Vertrauen auch so wichtig für uns", sagt Fischer.

Wichtig sei auch, dass jeder von ihnen gleichberechtigt ist: Keiner der Gründer verdient mehr als der andere, niemand bekommt einen größeren Bonus, es gibt keine Zusatzleistungen und keine Firmenwagen. "Das einzige Objekt, um das wir uns streiten könnten, wäre eine Corporate Luftmatratze", sagt Delden. Mit der sind sie damals nach der Gründung von Innosabi durch Deutschland gefahren, tagsüber versuchten sie Kunden zu gewinnen, nachts rollten sie ihre Luftmatratze bei Freunden und Verwandten in der ganzen Republik aus, denn der schicke Mietwagen beeindruckte zwar die Kunden, fraß aber auch das gesamte Budget auf. "Am Anfang haben uns alle Coaches und Mentoren geraten, die Geschäftsanteile ungleich zu verteilen", erinnert sich Delden. Einer sollte der Boss sein und im Zweifelsfall entscheiden können. Aber die vier Freunde wollten das nicht. "So sind wir nicht, wir wollen alles im Konsens entscheiden." Natürlich gebe es Streit, aber man vertrage sich eben auch schnell wieder - und genau dabei helfe ihre Freundschaft.

Wenn ein externer Investor auftaucht, kann das zum Problem werden

So sehen das auch Marco Knobloch und Sebastian Leicht. "Wenn man sich entscheidet, eine Firma zu gründen, dann muss die Chemie stimmen", sagt Knobloch. "Nach einer harten Diskussion muss man auch sagen können: Ok, lass uns jetzt ein Bier trinken gehen." Genau mit diesem Bier hat bei Knobloch und Leicht alles angefangen: Knobloch ist Ingenieur, Leicht arbeitet bei einer Bank, ihre Freundinnen waren befreundet, so lernten sie sich kennen. "Wir lagen auf der gleichen Wellenlänge, interessierten uns für Autos, Technik und Musik, aber auch für Wirtschaft", sagt Knobloch. 2014 fuhren sie gemeinsam auf ein Musikfestival, es war ein besonders heißes Wochenende, die Sonne brannte und auf dem Campinggelände des Festivals versagte ihre Kühlbox. So entstand aus warmem Bier die Idee zu "Easy2Cool": Kühlboxen, effizient und nachhaltig, mit einer Kühlmatte aus Altpapier, welche die Gründer in der Garage von Leichts Großvater entwickelten.

Drei Jahre ist das her, heute haben die beiden nicht nur Festival-Fans als Kunden, sondern vor allem Firmen aus dem Lebensmittel-Versandhandel. Sie haben zehn Angestellte und sind in eine 1500 Quadratmeter große Produktionshalle gezogen. "Unsere Freundschaft hat definitiv beim Geschäft geholfen", sagt Knobloch. "Ich wusste, ich kann Sebastian blind vertrauen." Das galt sogar dann, als jene Frage ins Spiel kam, bei der sprichwörtlich die Freundschaft aufhört: Geld. "Man kann sich das vorstellen wie in einer Beziehung", sagt Knobloch. "Wenn man da sein Geld auf ein gemeinsames Konto legt, stellt man sich auch die Frage: Wer gibt was wofür aus?" Knobloch und Leicht stritten immer wieder über Finanzielles, vertrugen sich aber auch wieder, weil sie sich vertrauten. Gleichzeitig erkannten sie: Vertrauen ist gut, Offenheit noch besser. "Gleich am Beginn der Firmengründung haben wir darüber gesprochen, wer von uns was kann - und vor allem auch nicht kann. Das war sehr wichtig."

Doch selbst, wenn befreundete Gründer alles richtig machen und erfolgreich ihr Unternehmen aufbauen, gibt es einen Knackpunkt: "Sobald ein externer Investor ins Spiel kommt, wird er in der Regel wichtige Spielregeln bestimmen", sagt Oliver Bücken. "Spätestens da bringt die Freundschaft keinen Vorteil mehr." Und im schlimmsten Fall sogar Nachteile, weil womöglich ein Gründer gehen muss.

Die Innosabi-Gründer denken im Moment nicht an einen externen Investor, haben aber eine andere Gefahr erkannt: das Geschäft. "Wir haben heute mehr Dinge, über die wir uns unterhalten können", sagt Jan Fischer. "Nur die Zeit dafür fehlt uns manchmal ein bisschen." Denn heute sehen sich die vier Freunde zwar fast jeden Tag im Büro, bei Meetings oder Dienstreisen, nur eben kaum noch abseits der Arbeit. Immerhin: Sie wollen nun alle paar Monate gemeinsam essen gehen, als Freunde, nicht als Geschäftspartner.