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Gründer:Ab in den Chefsessel

"Ich wollte raus aus der Opferrolle", sagt Muamer Babajić. Seine Firma Masterwerk beliefert vor allem die Autoindustrie.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

In Deutschland machen sich immer mehr Migranten in wissensintensiven Branchen selbständig - so wie Muamer Babajić.

Weil er mit seinem Lehrer nicht einer Meinung war, beschwerte sich Muamer Babajić beim Direktor. Der Lehrer hatte entschieden, dass Babajić montagnachmittags den Deutschförderkurs für Migranten besuchen sollte. Der aus Bosnien stammende Babajić, damals kurz vor dem Abitur, wollte aber Französisch lernen, der Unterricht fand zur selben Zeit statt. "Den Sonderkurs in Deutsch hatte ich nicht nötig, ich war im normalen Deutschunterricht besser als einige Muttersprachler", sagt er. Mit einem Migrationshintergrund werde man manchmal eben nicht als gleichberechtigt angesehen.

Muamer Babajić hat es trotzdem zum Unternehmer geschafft, heute sitzt er im Chefbüro seiner eigenen Firma. Der 36-Jährige streicht sich über die Glatze, lehnt sich auf dem dunklen Lederstuhl zurück. "Ich wollte raus aus der Opferrolle", sagt er, "und rein in den Fahrersitz." Seine 2009 in München gegründete Firma Masterwerk erwirtschaftet heute einen Umsatz von mehreren Millionen Euro.

Babajić ist kein Sonderfall. Die Anzahl von Gründern mit Migrationshintergrund in Deutschland ist von 2005 bis 2015 um 30 Prozent gestiegen. Zum Vergleich: Die Zahl der Gründer ohne Migrationshintergrund ist im selben Zeitraum um drei Prozent gesunken. Das sind die vorläufigen Ergebnisse einer Studie des Mannheimer Instituts für Mittelstandsforschung (IFM).

Mit seiner ersten Idee ist er gescheitert. Aufgeben aber wollte er nicht

Muamer Babajić kam 1990 als Zehnjähriger aus dem damaligen Jugoslawien nach München. Er besuchte erst die Haupt-, dann die Realschule, ehe er einen Ausbildungsplatz ergatterte. Über den zweiten Bildungsweg schaffte er 2003 das Abitur, studierte BWL an der Fachhochschule und jobbte nebenher, um sich 2009 seinen Traum von der Gründung zu erfüllen. In Bayern war gerade das Rauchen in Restaurants und Kneipen verboten worden, viele Gastwirte stellten deshalb im Winter Wärmestrahler auf ihre Terrassen. Babajić' Idee: Die Strahler könnte man auch als Werbefläche nutzen. Er sammelte Geld, knüpfte Kontakte zu möglichen Kunden - und scheiterte. 70 000 Euro setzte er in den Sand. "Ich habe mich übernommen, hätte mir einen erfahrenen Partner suchen sollen", sagt er heute. Doch für Babajić war das kein Grund aufzugeben. "So mancher hat mich Stehaufmännchen genannt", sagt er und lacht. Der damals 29-Jährige sprach mit Investoren über seinen neuen Plan: 2009, mitten in der Wirtschaftskrise, mussten viele Mittelständler Kosten sparen - sie suchten günstige Zulieferer. Die kannte Babajić. Bosnien-Herzegowina zählt zu den europäischen Ländern mit den geringsten Lohnkosten, der Mindestlohn beträgt umgerechnet 1,70 Euro pro Stunde. Der Münchner begann, in Deutschland Aufträge zu sammeln und sie bei bosnischen und später auch serbischen Werkzeug- und Maschinenbauern fertigen zu lassen. Heute gehören Firmen wie Zarges, Eberspächer und BMW zu seinen Kunden.

Babajić und sein Team stellen jedoch nicht nur den Kontakt zu den Werken auf dem Balkan her - gut ein Drittel der Werkzeug- und Maschinenteile entwickeln sie selbst. Seit 2013 helfen die Masterwerk-Leute zudem ihren Kunden, Roboter zu programmieren, dafür hat Babajić 13 neue Mitarbeiter eingestellt. Besonders die sogenannte Offline-Programmierung sei gefragt, erzählt er. Die Programmierer stellen dabei die Roboter auf ein neues Produkt um. "Wenn der A3 am Freitag ausläuft und am Montag der RS3 vom Band gehen soll, müsste man die Roboter eigentlich umständlich vor Ort umprogrammieren", erklärt Babajić. "Unsere Leute machen das offline, das richtige Programm muss nur noch eingespielt werden." So verlieren die Autobauer keine Zeit.

Wie Babajić machen sich Migranten immer häufiger in wissensintensiven Branchen selbständig, während die Gründungen im Handel und im Gastgewerbe zurückgehen. Die Zahl der technologischen Dienstleister mit Migrationshintergrund stieg zuletzt um ein Viertel. "Migrantische Unternehmer sind deutlich heterogener als viele annehmen", sagt Stefan Berwing, einer der Autoren der Mannheimer Studie. Der Grund für das Vorurteil? "Das Klingelschild des iranischen Rechtsanwalts wird halt nicht so gesehen wie Döner, Pizza und Gemüseladen."

Auch Ausländer - also Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft - sind unternehmerisch aktiv. Ein Blick auf die Anmeldungen bei den Gewerbeämtern zeigt, dass der Anteil der ausländischen Gründer an allen gewerblichen Gründungen steigt - von 13 Prozent im Jahr 2003 auf 44 Prozent im Jahr 2015. Von 100 Personen ohne deutschen Pass machen sich im Durchschnitt 1,3 Menschen selbständig, während diese Quote unter den Deutschen bei 0,2 liegt. Allerdings werden das Handwerk und die freien Berufe von den Gewerbeämtern nicht erfasst.

Die Betriebe stellen oft Zuwanderer ein - für die Integration sind sie wichtig

Den Unternehmergeist seiner Zuwanderer kann Deutschland gut gebrauchen. Im Gründungsranking der Weltbank liegt Deutschland auf Platz 114 von 190. Das Ranking misst, wie leicht es ist, ein Start-up zu gründen. Stefan Berwing verweist auf einen weiteren gesellschaftlichen Nutzen: "Migrantenunternehmer bilden wiederum verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund aus", sagt Berwing. "Sie übernehmen eine wichtige Integrationsfunktion."

Muamer Babajić bildet zwar noch nicht aus. Aber er hat zum Beispiel schon eine Friseurin zur Kauffrau umgeschult. "Spätestens nächstes Jahr will ich auch den ersten Azubi begrüßen", sagt er. Über die Hälfte seiner 24 Mitarbeiter habe einen Migrationshintergrund. Für sie will Babajić ein Vorbild sein. "Meine Herkunft war nicht selten ein Nachteil", sagt er. "Ich habe mit meiner Geschäftsidee gezeigt, dass sie auch ein Vorteil sein kann." Dafür lohne es sich zu kämpfen. So wie damals, in der Berufsoberschule. Nach einigem Hin und Her gab der Direktor nach. Babajić durfte Französisch lernen - und schaffte mit der zweiten Fremdsprache die allgemeine Hochschulreife.

© SZ vom 28.02.2017
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