Großbritannien Wer in Zukunft vom Brexit profitiert

Das Pfund ist dramatisch gefallen. Die heimische Tourismusindustrie in Großbritannien (hier das malerische St. Ives in Cornwall) profitiert vom Brexit.

(Foto: Getty Images)
  • Insgesamt schadet das Brexit-Votum der britischen Wirtschaft, aber es gibt auch ein paar Branchen, die davon profitieren.
  • Der Tourismusbranche, Anwaltskanzleien und Beratungsgesellschaften beispielsweise nützt die Entscheidung zumindest kurzfristig.
  • Unternehmen, die einen Großteil ihrer Produkte exportieren, profitieren ebenfalls.
Von Björn Finke, London

Die Unternehmen Randgold Resources, Pan African Resources oder Fresnillo sind nicht die bekanntesten Namen an der Londoner Börse. Doch wer Aktien dieser Firmen im Depot hat, kann sich freuen. Nach dem Sieg des Brexit-Lagers im Referendum stürzten weltweit die Börsenindizes ab. Aber einige Titel gewannen, auch in London. Die Notierungen der drei Konzerne mit den exotischen Namen stiegen um zweistellige Prozentbeträge. Denn die Unternehmen verdienen ihr Geld damit, Edelmetalle wie Gold zu fördern. Und der Goldpreis legt in diesen turbulenten Zeiten kräftig zu, weil Investoren das Edelmetall als sicheren Hafen ansehen.

Insgesamt schadet die Entscheidung für den Brexit der britischen Wirtschaft, da sind sich die meisten Ökonomen einig. Es wird Jahre dauern, bis klar ist, welchen Bedingungen der Handel über den Ärmelkanal in Zukunft unterliegt, und wegen dieser Ungewissheit werden Unternehmen Investitionen und Neueinstellungen aufschieben. Treten die Briten dann in einigen Jahren wirklich aus, könnten Geschäfte mit dem Festland schwieriger werden - dabei ist die EU der wichtigste Exportmarkt britischer Firmen.

Allerdings gibt es auch Branchen im Vereinigten Königreich, denen das Ergebnis der Volksabstimmung nützt. Zumindest kurzfristig. Ein Überblick über Gewinner und Verlierer.

Tourismusbranche

Der Wert des Pfunds ist dramatisch gefallen, auf Werte, die zuletzt vor 30 Jahren erreicht wurden. Für Touristen vom Festland oder aus den USA macht das Hotels und Restaurantbesuche in Großbritannien billiger - und Reisen auf die Insel damit attraktiver. Zugleich wird der Sommerurlaub an der Costa Brava teurer für Briten, weil sie mehr Pfund für die nötigen Euros aufwenden müssen. Mancher Brite könnte deswegen seine Ferien in der Heimat verbringen, etwa an den traumhaften Sandstränden von Wales. Das würde der britischen Tourismusbranche nützen. Nick Varney, Chef des Branchenverbands British Hospitality Association, glaubt, dass das Pfund länger so schwach bleibt: "Meiner Ansicht nach wird diese Situation andauern, und das Pfund wird sich bei einem wettbewerbsfähigeren Kurs einpendeln." Für Fluggesellschaften hingegen ist der Brexit ein Desaster.

Export-Industrie

Nicht nur die Aktien exotischer Minenbetreiber waren nach dem Referendum an der Börse gefragt. Die Papiere des britischen Triebwerksherstellers Rolls-Royce und der Pharmakonzerne Astra-Zeneca, Glaxo-Smith-Kline und Shire profitierten gleichfalls. Diese Unternehmen verkaufen einen Großteil ihrer Produkte außerhalb des Königreichs. Der Verfall des Pfunds macht ihre Waren für Kunden billiger. Der Londoner Mittelständler Brompton Bicycles exportiert 80 Prozent seiner ebenso teuren wie hippen Klappfahrräder. "Ein schwaches Pfund hilft uns enorm", sagte Firmenchef Will Butler-Adams.

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In den vergangenen Jahren klagten Vertreter der Industrie regelmäßig darüber, dass das teure Pfund ihre Geschäfte erschwere. Dieses Problem haben die Exporteure jetzt nicht mehr. Dafür haben sie bald andere. Je nachdem, was die Verhandlungen mit Brüssel ergeben, könnten die Unternehmen nach dem Austritt den ungehinderten Zugang zum gemeinsamen Binnenmarkt verlieren. Der EU-Binnenmarkt erlaubt es Firmen, Produkte in jedem Mitgliedsland zu verkaufen, ohne sie extra überall zulassen zu müssen. Das ist auch wichtig für Brompton: Der Hersteller beantragte kürzlich die EU-Zulassung für ein neues Elektro-Klapprad. Das sei "ziemlich kompliziert" gewesen, sagte Firmenchef Butler-Adams: "Aber damit haben wir nun auf einen Schlag Zugang zu den Märkten aller Mitgliedsstaaten."

Zu den größten Exporteuren gehört die Autoindustrie. Nissan fertigt in seiner Fabrik in Sunderland jedes Jahr mehr Autos, als in ganz Italien vom Band laufen. Die meisten gehen ins Ausland. Die Traditionsmarken Mini und Rolls-Royce gehören BMW, Bentley gehört VW. Die Branche ist stark auf Zulieferer aus anderen Staaten angewiesen. Da schreckt die Vorstellung, dass der Handel über den Ärmelkanal komplizierter werden könnte. Und der Absturz des Pfunds bedeutet, dass bei den Mutterkonzernen im Ausland weniger vom Gewinn britischer Töchter ankommt.

Finanzbranche

Die Aktien von Banken gehörten zu den größten Verlierern. Nach den Turbulenzen an den Finanzmärkten werden die Zentralbanken die Zinsen wohl noch länger niedrig lassen; die Bank of England könnte sie sogar senken. Das belastet die Gewinne der Geldinstitute. Außerdem könnte der Brexit die Geschäfte von Banken, Versicherern und Fondshäusern komplizierter machen. London ist das Finanzzentrum Europas. Die Konzerne kümmern sich von hier aus um Kunden auf dem ganzen Kontinent. Dabei hilft die EU: Wer in einem EU-Staat eine Lizenz hat, kann in allen anderen Mitgliedsländern Büros eröffnen und Geschäfte treiben, ohne dafür bei den nationalen Aufsehern weitere Genehmigungen einholen zu müssen. Ein Austritt könnte das Ende dieser bequemen Regelung bedeuten. Banken müssten dann Abteilungen aus London in Euro-Staaten verlagern.

Zu den Profiteuren am Finanzplatz London zählen dagegen Anwaltskanzleien und Beratungsgesellschaften. Für sie gibt es nun sehr viel zu tun.

Einzelhändler

Die Turbulenzen nach dem Referendum könnten die Bürger verunsichern. Wer Angst um seinen Job hat, verschiebt größere Anschaffungen. Das schadet den Supermarkt-Konzernen. Aus dem gleichen Grund müssen sich Makler und die Bauindustrie auf weniger Nachfrage einstellen. Sollten die Konjunktur und damit die Steuereinnahmen der Regierung leiden, könnte der Schatzkanzler auch die Steuern erhöhen. Dann hätten die Verbraucher weniger Geld zum Ausgeben in der Tasche. Das schwache Pfund macht zudem Importe von Lebensmitteln teurer.

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