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Großbritannien:Doppelschock

Adlon Kongress 2020, Illustration: Stefan Dimitrov

Illustration: Stefan Dimitrov

Die britische Wirtschaft leidet nicht nur unter den Folgen der Corona-Pandemie. Zum Jahreswechsel bekommen die Unternehmen auch noch den Brexit voll zu spüren.

Von Alexander Mühlauer

Die Zahlen sind verheerend. In keinem europäischen Land sind bislang mehr Menschen am Coronavirus gestorben als in Großbritannien, ein trauriger Rekord. Der Vermerk "Covid-19" findet sich mittlerweile auf 60 000 Sterbeurkunden. Der britische Premierminister Boris Johnson beteuert zwar immer wieder, es sei noch zu früh, um internationale Vergleiche zu ziehen, schließlich wisse niemand, wann die Krise vorbei sei. Aber schon jetzt steht fest: Die Corona-Pandemie hat das Vereinigte Königreich mit am härtesten in Europa getroffen.

Auch ökonomisch ist die Lage ziemlich dramatisch. Bereits im Frühjahr war die britische Wirtschaftsleistung infolge des ersten Lockdowns um gut ein Fünftel eingebrochen - und damit stärker als in Italien oder Spanien. Im Sommer lief es zwar wieder besser, aber die Bank of England geht davon aus, dass das Vorkrisen-Niveau nicht vor dem Jahr 2022 erreicht werden dürfte. Noch im August waren die britischen Notenbanker von einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um 9,5 Prozent ausgegangen. Doch nun, da sich das Land seit Anfang November im zweiten Lockdown befindet, wurde die Prognose nach unten korrigiert: Im laufenden Jahr wird jetzt ein Minus von elf Prozent erwartet.

Um einen drohenden Anstieg der Arbeitslosigkeit abzufedern, entschied sich Johnson zu einem Schritt, über den sein Schatzkanzler Rishi Sunak noch vor wenigen Wochen den Kopf geschüttelt hatte: Der Premier verlängerte das britische Modell der Kurzarbeit bis Ende März 2021. Die Regierung bezahlt dabei den Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungsbeiträge und 80 Prozent der Monatsgehälter von Angestellten - bis zu einer Grenze von 2500 Pfund (umgerechnet etwa 2770 Euro). Die Arbeitslosenquote liegt derzeit bei 4,8 Prozent - und damit auf dem höchsten Stand seit vier Jahren. Dabei dürfte es nicht bleiben.

Nicht nur die Gastronomie, auch der Einzelhandel wurde weitgehend stillgelegt

Als Hauptgrund für die schlechte Corona-Bilanz der Regierung gilt die Tatsache, dass der erste Lockdown vergleichsweise lange dauerte. Während in Deutschland und anderen europäischen Staaten schon wieder in Gaststätten gespeist werden konnte, blieben britische Pubs und Restaurants geschlossen. Auch jetzt, im zweiten Lockdown, sind die Maßnahmen weitaus härter: Es dürfen lediglich Geschäfte geöffnet haben, die für das Leben als "essenziell" gelten, etwa Supermärkte und Apotheken. Anders als im Frühjahr bleiben allerdings Kindergärten, Schulen und Universitäten geöffnet. Ansonsten gilt bis Anfang Dezember: zu Hause bleiben.

Kein Wunder also, dass die in Großbritannien so wichtige Dienstleistungsbranche nun zum zweiten Mal in diesem Jahr fast völlig zum Erliegen kommt. Nicht nur die Gastronomie, auch der Einzelhandel und andere Serviceanbieter mussten erneut ihre Geschäfte weitgehend stilllegen. Teile der Londoner City gleichen einer Geisterstadt. Weil die meisten Angestellten im Finanzzentrum der Hauptstadt weiter von zu Hause aus arbeiten, bleiben viele Sandwich-Läden und Restaurants geschlossen. Wo sich Banker vor der Pandemie zum Lunch trafen, hängen heute Schilder: "Closed".

Eigentlich bringt die Corona-Pandemie schon genug schlechte Nachrichten für die britische Wirtschaft. Doch den Unternehmen im Königreich droht noch mehr Ungemach: Zum Jahreswechsel läuft die Brexit-Übergangsphase aus. Vom 1. Januar an ist Großbritannien nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes und der Zollunion. Die Wirtschaft steht vor einem Doppelschock aus Corona und Brexit.

Selbst wenn sich London und Brüssel auf ein Handelsabkommen einigen sollten, müssen sich viele Unternehmen auf höhere Kosten einstellen. Der für den Brexit zuständige Kabinettsbürominister Michael Gove hat im September ein "angemessenes Worst-Case-Szenario" entwerfen lassen. Diese Formulierung ist allerdings nichts anderes als eine elegante Umschreibung für das, was zum Jahreswechsel an der britischen Grenze droht: Chaos. Und zwar egal, ob es einen Handelsvertrag mit der EU gibt oder nicht.

Die Regierung warnt jedenfalls vor langen Lkw-Schlangen: Bis zu 7000 Lastwagen könnten in der Grafschaft Kent im Stau stehen, um auf die nötigen Kontrollen am Hafen in Dover oder am Kanaltunnel zu warten. Die Unternehmen müssten sich auf eine Verzögerung von zwei Tagen einstellen, um Waren von Großbritannien in die EU auszuführen. Minister Gove rechnet damit, dass bis zu 50 Prozent der Lastwagen, die am Ärmelkanal ankommen, keine korrekt ausgefüllten Papiere dabeihaben dürften. Das würde wiederum die Wartezeit an der Grenze deutlich verlängern.

Bislang passieren täglich bis zu 10 000 Trucks die Route von Dover nach Calais in Frankreich. Doch wenn Großbritannien den EU-Binnenmarkt und die Zollunion zum Jahreswechsel verlässt, könnte der Frachtverkehr von Januar bis Ende März um bis zu 80 Prozent einbrechen, warnt Gove.

Einerseits sind sich vor allem die Logistikunternehmen bewusst, dass es zu massiven Verzögerungen im Lieferverkehr kommen dürfte. Andererseits fühlen sich viele Unternehmen von der Regierung alleingelassen, weil anderthalb Monate vor dem Jahreswechsel noch immer völlig offen ist, ob es einen Handelsvertrag mit der EU geben wird. Gibt es zwischen London und Brüssel keine Einigung, gelten die Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Es würde also Zölle und Zollkontrollen geben.

Doch selbst im Fall eines Deals müssen sich die Unternehmen auf mehr Papierkram einstellen. Zu diesem Zweck ist die Regierung dabei, ein neues Portal im Internet aufzubauen, das den Lkw-Fahrern dabei helfen soll, die Formulare vor ihrer Ankunft in Kent auszufüllen. Wer das nicht ordnungsgemäß tut, riskiert eine Strafe von 300 Pfund (umgerechnet etwa 335 Euro). Nicht nur viele Firmen wird der Brexit Geld kosten. Auch die Regierung muss einiges investieren, um die Kontrollen gewährleisten zu können: Dem Vernehmen nach braucht es 50 000 neue Mitarbeiter an der Grenze. Die sind nötig, damit Johnson sein Brexit-Versprechen einlösen kann. Souveränität hat eben ihren Preis.

© SZ
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