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Großbritannien:Der Hund von Hounslow

Navinder Singh Sarao.

(Foto: Elizabeth Cook/AP)
  • Navinder Singh Sarao soll zu einem kurzen, heftigen Einbruch des Dow Jones im Mai 2010 beigetragen haben. Vor kurzem wurde er verhaftet.
  • Seine Anwälte verlangen nun eine Herabsetzung der Kaution, damit er nicht mehr in Haft bleiben muss. Die zuständige Richterin lehnt dies ab.

Nun brach er sein Schweigen. Nachdem die Richterin Navinder Singh Saraos Ansinnen abgelehnt hat, protestiert er vehement: "Ich habe nichts Falsches getan, ich war nur gut in meinem Job", sagt der Londoner Spekulant bei seiner Anhörung im Westminster Magistrates' Court. Wie könne es da legal sein, dass er im Gefängnis sei, fragt der 36-Jährige, der seit zwei Wochen in Haft sitzt. Die Polizei nahm den Briten fest, weil US-Behörden seine Auslieferung verlangen. Er soll über Jahre hinweg von zu Hause aus mit einer manipulierten Handelssoftware den Markt für Termingeschäfte auf amerikanische Aktien gedreht haben. Die Betrügereien sollen auch mitverantwortlich für den sogenannten Flash Crash sein: Am 6. Mai 2010 stürzten die Kurse von US-Aktien binnen weniger Minuten dramatisch ab.

Die Notierungen erholten sich in den folgenden Stunden zwar, dennoch war die Finanzwelt schockiert. Die illegalen Tricks sollen Sarao allein zwischen 2010 und 2014 etwa 40 Millionen Dollar eingebracht haben. Kurz nach der Festnahme bestimmte das Londoner Gericht eine Kaution von umgerechnet sieben Millionen Euro. Außerdem soll der mutmaßliche Betrüger eine elektronische Fußfessel tragen; er und seine Eltern müssen auch ihre Pässe abgeben. Zu den Vorwürfen hatte sich Sarao bis zu seinem emotionalen Ausbruch am Mittwoch nicht geäußert.

Und er sitzt immer noch in Haft, denn die Kaution wurde nicht überwiesen. Seine Anwälte erklärten am Mittwoch den Grund dafür: Ein US-Gericht habe Saraos Vermögen weltweit einfrieren lassen, er könne nirgendwo auf sein Geld zugreifen. Daher müsse das Londoner Gericht seine Kaution verringern, auf umgerechnet 70 000 Euro, verlangten die Juristen. Doch Richterin Elizabeth Roscoe lehnte ab - was zu Saraos Protesten führte. Seine Anwälte wollen die Entscheidung am High Court in London anfechten. Die Anhörungen zu seiner Auslieferung - Sarao will nicht ausgeliefert werden - finden im Sommer statt.

Kapuzenjacke statt Anzug

Vor Gericht erschien er in grauem Sweatshirt und grauer Jogginghose. Auch vor seiner Festnahme trat er nicht wie ein Millionär auf. Seine Ein-Mann-Firma, über welche die dubiosen Geschäfte liefen, war in der Doppelhaushälfte der Eltern im Londoner Vorort Hounslow registriert, in der Einflugschneise des Flughafens Heathrow. In Anlehnung an The Wolf of Wall Street - der Name eines Films über einen skrupellosen US-Börsenhändler - tauften britische Medien Sarao The Hound of Hounslow, den Hund aus dem Vorort. Nachbarn werden zitiert, dass Sarao den alten grünen Corsa seiner Eltern fahre; frühere Kollegen beschreiben ihn als einen brillanten Spekulanten, der aber statt im Anzug lieber in Kapuzenjacke vor dem Bildschirm saß und notorisch sparsam war. So soll er seine Mittagspause gerne erst am späten Nachmittag eingelegt haben, weil die Fertig-Sandwichs im Supermarkt dann billiger sind.

Sarao studierte in London und arbeitete danach bei einer Bank. Mit Mitte 20 fing er jedoch an, auf eigene Rechnung an der Börse zu spekulieren. Von 2003 bis 2008 fuhr er dafür raus nach Woking, einem Ort an Londons Stadtgrenze, wo ein Unternehmen Spekulanten einen Schreibtisch, Terminals und Trainingskurse zur Verfügung stellt. Bei dem Betrieb namens Futex heißt es, damals habe es keine Beanstandungen gegen Sarao gegeben. Danach eröffnete er seine eigene Handelsfirma im Haus der Eltern. Bereits 2009 fielen US-Kontrolleuren Merkwürdigkeiten bei Saraos Geschäften auf, aber sie stoppten ihn nicht.

Amerikanische Ermittler werfen dem Briten vor, Gewinne in Briefkastenfirmen auf den Karibikinseln Nevis und Anguilla sowie zu Banken in der Schweiz und Dubai verschoben zu haben. Ob das stimmt oder nicht: Abheben kann Sarao sein Geld nun offenbar nicht mehr. Dumm gelaufen für den Hound of Hounslow.

© SZ vom 07.05.2015/hgn
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