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Corona-Krise:Großbritannien droht ein epochaler Absturz

Shoppen in Manchester: Aus Angst, ihren Job zu verlieren, haben viele Britinnen und Briten ihre Ausgaben auf ein Minimum reduziert. Die Regierung will nun dabei helfen, den Konsum wieder anzukurbeln.

(Foto: Oli Scarff/AFP)

Das Land hat erst spät auf die Pandemie reagiert, nun tut sich die Wirtschaft umso schwerer, wieder in Gang zu kommen. Im schlimmsten Fall steht den Briten die schwerste Rezession seit mehr als 300 Jahren bevor.

Von Alexander Mühlauer, London

Normalerweise zahlt man für einen Big Mac in London gut drei Pfund. Doch im August kostet der Burger nur die Hälfte. Dieses Sonderangebot hat sich nicht etwa McDonald's ausgedacht, sondern die britische Regierung. "Eat out to help out" heißt das Programm, mit dem Schatzkanzler Rishi Sunak den Konsum im Vereinigten Königreich ankurbeln will. Wer von Montag bis Mittwoch bei einer der teilnehmenden Fast-Food-Ketten, Gaststätten oder Bäckereien etwas zum Essen kauft, erhält einen Rabatt von 50 Prozent - allerdings nur bis zu einem Betrag von zehn Pfund. Den Preisnachlass bekommen die Firmen vom Finanzministerium zurückerstattet. Mehr als 80 000 Unternehmen machen mit; die Regierung hat für die Aktion 500 Millionen Pfund (umgerechnet etwa 553 Millionen Euro) bereitgestellt.

Wenn es darum geht, die ökonomischen Auswirkungen der Corona-Krise abzufedern, kann man der britischen Regierung vieles vorwerfen, nur eines nicht: mangelnden Einfallsreichtum. Es ist vor allem Finanzminister Rishi Sunak, der seit Ausbruch der Pandemie mit den wirtschaftspolitischen Überzeugungen liberaler Tories bricht und versucht, die Wirtschaft mit staatlichen Eingriffen zu stützen. Die Multi-Milliarden-Pakete sind auch dringend nötig, denn Großbritannien steht vor einem epochalen Wirtschaftsabsturz. Die Bank of England rechnet mit der tiefsten Rezession seit mehr als 300 Jahren. Schon jetzt sind die Daten alarmierend: Dem Statistikamt ONS zufolge ist die britische Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 20,4 Prozent eingebrochen - und damit stärker als in Italien oder Spanien.

Als Hauptgrund für die verheerende Zahl gilt unter Wirtschaftsforschern die anfangs unentschlossene Reaktion der Regierung auf die Pandemie. Während andere europäische Staaten bereits einen Lockdown verhängt hatten, setzte Großbritannien zunächst auf das Konzept der Herdenimmunität. Demnach sollten sich möglichst viele junge und gesunde Menschen mit dem Virus infizieren, um so eine Art Immunitätsschutz für die Alten und Vorerkrankten zu bilden. Erst als die Zahl der Covid-19-Fälle in Großbritannien immer dramatischer anstieg, untersagte die Regierung am 16. März Großveranstaltungen. Eine Woche später folgte dann der landesweite Lockdown. In keinem europäischen Land sind bisher mehr Menschen an Covid-19 gestorben als im Vereinigten Königreich. Nach Angaben der Regierung liegt die Zahl der Toten nun bei mehr als 41 000.

Kein Wunder, dass die Verantwortlichen in Downing Street während des Shutdowns immer vorsichtiger geworden sind. Während in Deutschland und anderen europäischen Staaten schon wieder in Gaststätten gespeist werden konnte, blieben britische Pubs und Restaurants geschlossen. Erst seit Anfang Juli haben sie wieder geöffnet. Die in Großbritannien so wichtige Dienstleistungsbranche kam fast völlig zum Erliegen. Nicht nur die Gastronomie, auch der Einzelhandel und andere Service-Anbieter mussten ihre Geschäfte gut drei Monate lang weitgehend stilllegen. Doch selbst jetzt gleichen Teile der Londoner City noch immer einer Geisterstadt. Weil die meisten Angestellten im Finanzzentrum der britischen Hauptstadt weiter von zu Hause aus arbeiten, bleiben viele Sandwich-Läden und Restaurants geschlossen. Wo sich Banker vor der Pandemie zum Lunch trafen, hängen heute Schilder an den Türen: "Closed".

Aus Angst, den Job zu verlieren, haben viele Briten ihren Konsum auf ein Minimum reduziert. Wie stark die Krise auf den Arbeitsmarkt durchschlägt, wird sich spätestens im Herbst zeigen. Bis Ende Oktober läuft noch das britische Modell der Kurzarbeit. Die Regierung bezahlt dabei den Arbeitgeberanteil der Sozialversicherungsbeiträge und 80 Prozent der Monatsgehälter von Angestellten - bis zu einer Grenze von 2500 Pfund (umgerechnet etwa 2750 Euro).

Mehr als neun Millionen Jobs werden damit zurzeit gesichert. Nun wird diese Unterstützung schrittweise zurückgefahren. Seit diesem Monat müssen die Unternehmen wieder selbst für die Sozialversicherungsbeiträge ihrer Angestellten aufkommen. Im September und Oktober kommen je zehn Prozent des Gehalts hinzu. Im November zieht sich der Staat dann komplett zurück. Die Bank of England rechnet mit einer Verdoppelung der Arbeitslosenquote von derzeit 3,9 Prozent auf 7,5 Prozent bis zum Jahresende. Angesichts dieser Prognose hat die Regierung sich dazu entschlossen, ein bereits ausgelaufenes Unterstützungsprogramm für Selbständige von dieser Woche an wieder aufzulegen. Nach der politischen Sommerpause dürften die Forderungen lauter werden, auch das britische Kurzarbeiter-Modell zu verlängern.

Zum Jahreswechsel droht ein doppelter Schock: Corona und ein harter Brexit

Dem Statistikamt OMS zufolge haben bereits 730 000 Menschen von März bis Ende Juli ihren Job verloren. Vor allem die Luftfahrtindustrie hat die Corona-Krise schwer getroffen. British Airways hat einen Abbau von 12 000 Stellen beschlossen. Bei Easyjet sollen 4500 Arbeitsplätze gestrichen werden, beim Konkurrenten Virgin Atlantic sind es mehr als 3000. Auch in der britischen Autoindustrie fallen viele Jobs weg: Jaguar Land Rover, Bentley und Aston Martin haben allesamt entsprechende Pläne angekündigt. Ähnliche Vorhaben gibt es in der Ölbranche sowie bei Finanzdienstleistern und Großbanken.

Was bleibt, ist die Hoffnung, dass die Konjunktur im dritten Quartal wieder an Fahrt aufnimmt, wenn auch verhalten. Regierung und Notenbank stehen zwar bereit, weiter stützend einzugreifen, aber schon jetzt steht fest, dass Großbritannien in diesem Jahr einen Rekord beim Haushaltsdefizit verzeichnen wird: Das Budgetamt OBR rechnet mit mehr als 320 Milliarden Pfund (umgerechnet etwa 354 Milliarden Euro). Dies entspricht rund 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Wie stark die britische Wirtschaftsleistung tatsächlich einbricht, hängt nicht nur davon ab, wie das Land die Corona-Krise bewältigt. Zum Jahreswechsel droht zudem ein harter Brexit. Sollten sich die Unterhändler in London und Brüssel auf keinen Freihandelsvertrag einigen können, gelten zwischen Großbritannien und der EU von 2021 an die Regeln der Welthandelsorganisation WTO - und damit hohe Zölle. Am Montag gingen die Gespräche zwischen Brüssel und London in die nächste Runde. Aus Verhandlungskreisen hieß es allerdings, dass in dieser Woche kein Durchbruch zu erwarten sei.

© SZ vom 18.08.2020

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