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Falträder:Klappt doch

Brompton Bikes

Zusammengeklappt: Mit diesem Fahrrad darf man in London auch in die U-Bahn.

(Foto: Brompton/oh)

Vor der Corona-Krise hatte der britische Faltrad-Hersteller Brompton 450 Mitarbeiter. Jetzt sind es 600. Über einen Lichtblick im Brexit-Land.

Von Alexander Mühlauer, London

Will Butler-Adams kann sich noch gut an die Tage erinnern, an denen er merkte, dass sich etwas Grundsätzliches veränderte. Nachdem der britische Premier Boris Johnson vor einem Jahr den ersten Lockdown verhängt hatte, kamen plötzlich immer mehr Mitarbeiter zu ihm und fragten, ob sie sich nicht ein Fahrrad ausleihen dürften. Butler-Adams konnte es kaum fassen. Da predigte er seit Jahren die Vorzüge des Radfahrens, aber offenbar musste erst eine Pandemie ausbrechen, damit seine eigenen Leute endlich umsteigen. Und zwar auf das, was sie selbst herstellen: Fahrräder.

Die Angst, sich in der überfüllten Londoner U-Bahn mit dem Virus anzustecken, war für viele einfach zu groß. Und sie ist es immer noch. Die meisten von Butler-Adams' Angestellten fahren auch ein Jahr nach Ausbruch der Corona-Krise nicht mit der Tube nach Greenford. Dort, im Westen Londons, steht die Fabrik von Brompton Bicycle. Hier werden die Fahrräder produziert; allerdings keine gewöhnlichen, sondern solche, die sich mit ein paar Handgriffen zusammenklappen lassen.

Butler-Adams, 46 Jahre alt, Jeans, weites Shirt, leitet seit 2002 die Geschäfte des Faltrad-Herstellers Brompton. Er sitzt entspannt auf einem grauen Sessel in der Fabrik und ist guter Laune. Das mag zum einen an seinem Naturell liegen, denn er ist einer, der das Glas eher halb voll als halb leer sieht. Zum anderen kann er auf ein Jahr zurückblicken, das einen Paradigmenwechsel in der Firmengeschichte markiert. Butler-Adams hat es schließlich nicht nur geschafft, seine Mitarbeiter fürs Radfahren zu begeistern. Ihm ist es auch gelungen, deren Zahl deutlich zu steigern. Er sagt: "Vor der Pandemie hatten wir 450 Mitarbeiter. Jetzt sind es 600."

Brompton-Chef Butler-Adams: "Ich selbst war nie ein Brexit-Fan, aber ich akzeptiere die Entscheidung. Als Geschäftsmann muss ich damit klarkommen."

(Foto: Brompton/oh)

Wie es aussieht, steigen also nicht nur die Angestellten von Brompton verstärkt aufs Fahrrad. "Weltweit hat die Pandemie einen wahren Bike-Boom ausgelöst", sagt Butler-Adams. Auch wenn die ersten Monate der Corona-Krise voller Ungewissheit waren, sperrte er die Fabrik keinen einzigen Tag zu. Als die Pandemie über London hereinbrach, schickte er all jene Mitarbeiter nach Hause, die gesundheitliche Probleme hatten. Allen anderen sagte er, dass es neben dem Risiko, sich mit dem Virus anzustecken, noch ein anderes Risiko gebe: nämlich den eigenen Job zu verlieren. Da wusste er allerdings noch nicht, dass er vor allem eines tun würde: neue Jobs schaffen.

Die Lager sind gut gefüllt. Dem Brexit sei Dank

Dass es so gekommen ist, war wirklich nicht zu erwarten. Denn neben der Corona-Krise musste Butler-Adams noch eine andere Krise bewältigen: den Brexit. "Wir haben uns auf das Allerschlimmste vorbereitet", erzählt er. Niemand habe wissen können, ob die britische Regierung in der Lage sein würde, ein Freihandelsabkommen mit der EU zu schließen. Erst an Heiligabend konnte Premier Johnson einen Deal verkünden. Bis dahin hatte Butler-Adams längst gehandelt. Rund um die Fabrik hatte er Lagerhallen angemietet, um den Vorrat an Teilen aufzustocken, etwa von Zahnkränzen, Reifen oder Radnaben. Das kostete Butler-Adams Zehntausende Pfund.

Jetzt, drei Monate nach dem Ende der Brexit-Übergangsphase, ist er froh darüber, dass die Lager gut gefüllt sind. Das hat allerdings weniger mit dem EU-Austritt zu tun als mit Corona. "Weil die Menschen wie verrückt Fahrräder kaufen, ist der Weltmarkt für Teile ziemlich leergefegt", erzählt Butler-Adams. Wie gut also, dass er auf seine Lagerbestände zurückgreifen kann, die er aus Sorge vor einem No-Deal-Brexit aufgebaut hatte.

Brompton Bikes

Das Brompton gibt es auch mit Elektroantrieb.

(Foto: Brompton/oh)

Der EU-Austritt hat das Geschäft von Brompton bei Weitem nicht so stark beeinträchtigt, wie Butler-Adams befürchtet hatte. Was ihn am meisten nervt, ist die Bürokratie, die seit Jahresbeginn zu bewältigen ist. Allerlei Papierkram muss nun ausgefüllt werden, Zollerklärungen, Transportbescheinigungen. Unter dem Strich ist der Versand der Fahrräder in die EU nun teurer. Butler-Adams musste wegen der Brexit-Kosten die Preise für die Fahrräder um drei bis fünf Prozent anheben. Er sagt: "Ich selbst war nie ein Brexit-Fan, aber ich akzeptiere die Entscheidung. Als Geschäftsmann muss ich damit klarkommen."

Bislang gelingt das relativ gut. Das mag auch daran liegen, dass die Räder von Brompton nun einmal Produkte sind, die man sich leisten können muss. Ein Faltrad kostet gut 1800 Euro; mit Elektroantrieb noch mehr. In Deutschland schwärmt etwa der Einzelhändler Manufactum (Werbespruch: "Das Warenhaus der guten Dinge") vom "unübertroffenen Konzept" der Firma Brompton.

Als er 2002 die Fabrik sah, hat ihn das erstmal umgehauen

Die Geschichte der Londoner Firma begann im Jahr 1975. Damals fing der Tüftler Andrew Ritchie an, ein Faltrad zu entwickeln, weil ihm die damaligen Klappräder schlichtweg zu klobig waren. Von seinem Apartment konnte er auf Brompton Oratory schauen, eine katholische Kirche in London. Daher stammt der Name für die Fahrräder. Doch lange Zeit fand er keine Investoren. Mit der Serienproduktion konnte Ritchie erst 1988 beginnen. Es war damals eher eine kleine Manufaktur als eine moderne Fabrik.

Butler-Adams kam 2002 als Manager zu Brompton. Und was er dort sah, gefiel ihm nur bedingt. "Es hat mich erstmal umgehauen", erzählt er heute. Die Fertigungstechnik sei auf dem Stand der Nachkriegszeit gewesen, so etwas wie eine Strategie habe es nicht gegeben. Mit 24 Angestellten produzierte die Firma nur 6000 Fahrräder im Jahr. Nun, fast 20 Jahre später, sind es 75 000.

Was sich in dieser Zeit nicht verändert hat, ist die Grundidee von Brompton: Die Falträder aus London sollen ein nützlicher Wegbegleiter im Alltag sein. Zusammengeklappt sind sie klein genug, um sie mit einer Hand in der U-Bahn oder im Bus zu transportieren. Sie lassen sich auch schnell wieder auseinanderfalten, sogar der über 1,90 Meter große Brompton-Chef kann darauf recht komfortabel fahren.

Brompton Bikes

Immer mit dabei: ein Brompton im Café.

(Foto: Brompton/oh)

Vor allem bei Pendlern ist Brompton beliebt. Sie können von zu Hause zum Bahnhof radeln, das Bike zusammengeklappt im Zug mitnehmen und dann vom nächsten Bahnhof weiter zum Büro strampeln. Wer Angst hat, dass Diebe das teure Bike stehlen könnten, stellt es am besten zusammengefaltet unter den Schreibtisch. Vorausgesetzt, man kommt wegen der Pandemie irgendwann mal wieder ins Büro.

Manche Pendler machen beim Kauf eines Brompton eine einfache Rechnung auf. Je nach Stadt muss man ein Ticket kaufen, wenn man ein Fahrrad in der U-Bahn mitnimmt. Bei einem Faltrad ist das nicht nötig. Es nimmt schließlich kaum Platz weg.

Will Butler-Adams hat noch drei weitere Gründe für den Erfolg von Brompton ausgemacht. Da wäre erstens die Tatsache, dass immer mehr Menschen in die Städte ziehen. Diese Entwicklung werde trotz Corona weiter anhalten, glaubt der Geschäftsführer. Zweitens würden die Menschen immer stärker auf ihre Gesundheit achten. Hinzu komme drittens der Wunsch, sich wirklich nur Dinge zu kaufen, die nützlich sind, meint Butler-Adams. Er sagt: "Mal ganz ehrlich: Wir besitzen doch alle zu viel Zeug. Zu viel Zeug, das zu viel Platz braucht."

© SZ/kö
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