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Grohe:Datenfluss

Germany - ISH 2015 in Frankfurt

Sie müssen das Geld bringen für den digitalen Wandel der Firma: Wasserhähne von Grohe, zu sehen auf einer Messe in Frankfurt.

(Foto: Corbis News/Getty Images)

Armaturen aus dem 3-D-Drucker, ein Hahn mit Sprachsteuerung, Rohrbruch-Alarm auf dem Handy. Das Motto lautet: Bloß keine neue Idee unversucht lassen. Wie die Traditionsfirma Grohe versucht, mit Daten aus Wasser Geld zu verdienen.

Auf den ersten Blick mag man kaum glauben, dass da wirklich Wasser herauslaufen kann: Zwei hauchdünne Metallstelen vereinigen sich über dem Waschbecken zu einer Armatur, aus der ein kleiner Wasserfall nach unten strahlt. Die Firma Grohe hat diesen Wasserhahn namens "Atrio Icon" nicht etwa aus Messing gegossen, wie es seit Ewigkeiten üblich ist. Vielmehr hat ein 3-D-Drucker einige Tausend dünnster Schichten aus Metallpulver zusammengefügt - und innen eine ganz schmale Rinne für das Wasser gelassen. Der Begriff Ingenieurskunst scheint hier ausnahmsweise angemessen.

Die hat freilich ihren Preis. "Noch sind 3-D-gedruckte Armaturen extrem exklusiv", sagt Grohe-Chef Michael Rauterkus. Etwa 12 000 Euro kostet der geschichtete Hahn. Schließlich brauchen die beiden 3-D-Drucker, die Grohe im Einsatz hat, einen ganzen Tag für so eine Armatur. "Bis zur Massenfertigung wird es wohl noch lange dauern." Dafür brauche es eine nächste Generation Metalldrucker, die schneller und günstiger herstellen kann.

Der 3-D-Druck ist ein Beispiel, wie Grohe mögliche Geschäfte der Zukunft ausprobiert. "Ein Unternehmen wie Grohe muss experimentieren", sagt Rauterkus. Der 52-Jährige steht seit 2015 an der Vorstandsspitze. "Wer solange wartet, bis Neuheiten marktreif entwickelt wurden, ist in aller Regel zu spät dran."

Seine Firma erwirtschaftet den Großteil ihres Jahresumsatzes von etwa 1,5 Milliarden Euro mit Armaturen und Waschbecken, Wannen und Toiletten. Ein kleinerer Teil entfällt auf Küchenspülen. Zwar taugt das Interieur von Bad und Küche durchaus als Statussymbol. Doch tauscht ein Haushalt derlei Geräte im Schnitt nur alle 15 Jahre aus. Umso schwerer fällt es Herstellern wie Grohe, Duravit oder Geberit grundsätzlich, starkes Wachstum einzufahren.

Was da hilft, sind neue Geschäfte im Ausland - und Innovationen. Grohe experimentiert gar mit Armaturen, die auf Sprache reagieren können, sagt Rauterkus. Sie verstehen Befehle wie: 300 Milliliter, warm. "Für bestimmte Zielgruppen kann das Sinn ergeben." Der Vorstandschef verweist etwa auf Menschen mit Behinderungen. Und er denkt an Waschtische an Flughäfen, die man so eines Tages ohne Berührung steuern könnte. "Ich bin aber skeptisch, ob sich Sprachassistenten in Armaturen in der Breite durchsetzen werden", schränkt Rauterkus ein. "Man sollte nicht digitalisieren nur um des Digitalisierens willen."

Die Armatur aus dem 3-D-Drucker kostet 12.000 Euro

Auch die 3-D-gedruckte Armatur bleibt einstweilen ein Schmankerl für edle Restaurants, Luxushotels oder vermögende Privatleute. Fest steht aber: "Der 3-D-Drucker kann Armaturen in Formen bringen, die in herkömmlicher Fertigung unmöglich sind", so Rauterkus. Nie war es etwa so einfach, einen Wasserhahn in Form eines Firmenlogos herzustellen.

Bei Grohe arbeiten gut 6000 Menschen, davon etwa 2400 in Deutschland. Das einstige Familienunternehmen mit Sitz in Düsseldorf erlangte um die Jahrtausendwende traurige Bekanntheit, da es zweimal hintereinander an Finanzinvestoren verkauft wurde. Als die Umsätze damals stagnierten und Grohe Hunderte Stellen strich, debattierte gar die Bundespolitik über Beteiligungskonzerne als "Heuschrecken".

Seit 2014 gehört Grohe nun zum japanischen Baustoffkonzern Lixil, der nach eigenem Bekunden langfristig beteiligt bleiben will. Noch immer gießt Grohe Armaturen im Stammwerk in Hemer im Sauerland; Farben und Beschichtungen trägt die Firma in einer Fabrik in Portugal auf, Massenprodukte fertigt sie in Thailand. Und viele Grohe-Duschbrausen stammen bis heute aus einem Werk im badischen Lahr.

Dort stellt das Unternehmen auch eine Eigenentwicklung her, welche die heimische Wasserleitung mit dem Internet verbindet: Sensoren von Grohe messen Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Badezimmer sowie den Druck in der Wasserleitung. Demnächst sollen sie auch ausgetretenes Wasser auf dem Boden erspüren können. Wenn ein Gerät namens "Sense Guard" an der Wasserleitung dann einen Rohrbruch oder kleine Leckagen erkennt, schaltet er die Zufuhr automatisch ab und sendet einen Alarm aufs Handy des Hausbesitzers.

"Mittlerweile haben wir unseren 'Sense Guard' tausendfach verbaut", sagt Rauterkus. "Damit können wir anfangen, Daten aus Wasser zu monetarisieren." Auf das Schutzgerät macht Grohe vor allem Versicherungen aufmerksam. Denn sie müssen immer wieder für Wasserschäden zahlen, die eigentlich vermeidbar sind. "Statistisch gesehen bricht alle 30 Sekunden irgendwo in Deutschland eine Wasserleitung", so Rauterkus.

In Skandinavien machten erste Versicherer derlei Schutzgeräte zur Bedingung für bestimmte Versicherungsverträge. In den nordischen Staaten stehen besonders viele Holzhäuser, denen ein Rohrbruch einen Totalschaden zufügen kann. Hierzulande kooperiert Grohe bereits mit HDI und der Provinzial-Versicherung. Wer den "Sense Guard" mit einer App verbindet, kann auch auf dem Handy nachschauen, wie viel Wasser er so braucht und wie viel Geld das kostet. Derlei Analysen könnten langfristig Standard werden, prognostiziert Rauterkus.

Und außerhalb des Bades? Da wächst Grohe vor allem mit der "Blue Home", einer Küchenarmatur, aus der auf Wunsch Sprudelwasser strömt. Möglich macht das eine Kühleinheit samt CO₂-Flasche im Küchenschrank, die das Leitungswasser zudem filtert und mit Kohlensäure versetzt. "Unsere 'Blue Home'-Armaturen wachsen jedes Jahr um etwa 30 Prozent", sagt Rauterkus. Hahn und Unterbau kosten gut 1000 Euro; dafür müssen Kunden keine Wasserkisten schleppen oder Plastikflaschen kaufen. Konkurrenz macht Grohe damit auch Sprudelautomaten für daheim, etwa jenen des Marktführers Sodastream. "Besonders starkes Wachstum verzeichnen wir in Büros und Geschäftsräumen", sagt Rauterkus. Und man experimentiere auch mit zusätzlichen Geschmacksrichtungen aus dem Sprudelhahn. Bloß nichts unversucht lassen, lautet die Devise.