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Grönland:Die Schafe sind zurück

In Grönland hoffen viele, von der Erderwärmung zu profitieren.

Alle reden von den Verlierern der Klimaerwärmung. Aber verlieren wirklich alle? Viele Grönländer zumindest sehen das anders. Für sie ist das Schmelzen der Gletscher mehr Segen als Fluch. Aktuell sind nur 20 Prozent von Grönland eisfrei. Die 57 000 Einwohner der zweitgrößten Insel der Welt leben an den Rändern ihres Landes, vorwiegend im Südwesten. Von der Klimaerwärmung erhoffen sich die Grönländer Reichtum und ein besseres Leben.

Jens B. Frederiksen war mal für die demokratische Partei grönländischer Minister für Bauwesen und Vize-Premier. Heute bringt er in seinem Boot Touristen in das weitverzweigte Fjordsystem, das sich hinter der Hauptstadt Nuuk erstreckt. Bis zur Gletscherabbruchkante dauert es Stunden, und jedes Jahr ein wenig länger. Denn das Eis zieht sich in enormem Tempo zurück. Aber der Rückzug des Eises, so sieht es zumindest Frederiksen, legt nach und nach Grönlands Schatzkammer frei: Unter dem Eis im Gestein lagern Bodenschätze, deren Förderung derzeit noch aus klimatischen, logistischen und technischen Gründen nahezu unmöglich ist. Gold, Silber, Diamanten, Saphire, Eisenerz, Molybdän, Uran und Seltene Erden locken Prospektoren aus aller Welt ins Land. Frederiksen ist Vizepräsident der kanadischen Saphirmine True North Gems in Aappaluttoq.

Freilich, bislang waren noch alle Minenprojekte von Rückschlägen begleitet. Sinkende Rohstoffpreise und auch die Rezession in den Schwellenländern führten immer wieder zu Minenschließungen. Aber eine andere Branche erfreut sich im Wortsinne eines erfreulichen Wachstums: die Landwirtschaft. In Südgrönland steigt die Zahl der bäuerlichen Betriebe. Dort haben schon die Wikinger gesiedelt und das Land irrtümlicherweise "Grünland" genannt. Es war wohl die kleine Eiszeit, die zum Verschwinden der Wikinger auf Grönland geführt hat. Archäologen vermuten, dass das Vieh nach und nach in den langen harten Wintern verhungerte. Doch im Ort Qassiarsuk, dort, wo eine riesige Statue an Leif Eriksson und an Grönlands erste Wikingersiedlung erinnert, grasen wieder Schafe.

Aus der Luft sind mehr und mehr rechteckige grüne Flächen im kargen arktischen Boden auszumachen. Die Grönländer, deren Nahrungsgrundlagen von jeher Fisch und Fleisch waren, sie werden zu Kartoffelbauern. Schon spricht man ein wenig euphorisch von Grönlands Bananenküste. In den Läden wird heimischer Eisbergsalat als der "einzig wahre Eisbergsalat" beworben. Unter Folie wachsen sogar Erdbeeren. 45 Vollerwerbshöfe gibt es schon, die Bauern halten an die 38 000 Schafe, auch die Rinderzucht hat begonnen.

Ein Interessenkonflikt droht nun ausgerechnet zwischen Bauern und Rohstoffindustrie: In der Nähe des Ortes Narsak soll Kvarnefjeld, die größte Mine für Seltene Erden weltweit entstehen, betrieben von der australisch-chinesischen GME. Doch Seltene Erden kommen stets im Verbund mit Uranerz vor. Sofus Frederiksen, einer der Pioniere der grönländischen Landwirtschaft, fürchtet eine Kontaminierung der Böden und des Wassers durch Uranstaub: "Ich muss mein Land verkaufen, wenn die Mine kommt", sagt er. Die Meinungen sind geteilt. Die einen hoffen auf Arbeitsplätze in der Mine, die anderen fürchten verseuchtes Trinkwasser.