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Griechenland:"Viele Griechen kommen wieder zurück"

Der Chef der Eurobank sieht das frühere Krisenland zurück auf Wachstumskurs. Ausgerechnet jetzt allerdings erreicht die Flüchtlingskrise einen neuen Höhepunkt.

Als Vorstandsvorsitzender der Eurobank verhandelt Fokion Karavias beinahe täglich mit ausländischen Investoren. Dabei hat er gute Nachrichten zu verkünden. Der einstige Sorgenstaat der Euro-Zone hat wirtschaftlich gerade einen guten Lauf: Die Anleger reißen sich um griechische Wertpapiere, die Athener Börse boomt, und auch das Wachstum ist nach harten Jahren zurück. Jetzt aber droht eine neue Flüchtlingskrise.

SZ: Herr Karavias, die griechische Regierung rechnet für 2020 mit einem Wachstum von 2,8 Prozent. Lässt Griechenland jetzt die Wirtschaftskrise endgültig hinter sich?

Fokion Karavias: Persönlich rechne ich mit 2,5 Prozent Wachstum - aber auch das ist noch einmal deutlich mehr als die guten zwei Prozent, um die Griechenland bereits 2019 gewachsen ist. Die wirtschaftliche Entwicklung hat sich völlig normalisiert. Zwar ist die Schuldenlast immer noch sehr hoch, 185 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (BIP). Aber das schreckt die Anleger nicht, die sich um Staatspapiere reißen. Griechenland geht es wieder richtig gut.

Darf sich die neue konservative Regierung unter Premier Kyriakos Mitsotakis den Verdienst für die wirtschaftliche Erholung gutschreiben?

Ja, weitgehend. Wichtig war zunächst, dass es in den vergangenen Jahren, auch unter der linken Regierung von Premier Tsipras, einen breiten politischen Konsens gegeben hat, dass Griechenland sich reformieren muss - und sich reformiert hat. Die neue Regierung baut darauf auf. Sie verbessert gerade die Standortbedingungen: ein besseres Steuerrecht, weniger Bürokratie - was beim Anwerben von Investitionen helfen wird. Es ist ein Mix, der zum Erfolg führt.

Die Ermou-Straße in Athen, eine beliebte Einkaufsmeile.

(Foto: Thanassis Stavrakis/AP)

War der harte Sparkurs wirklich richtig? Er hat den Menschen viel abverlangt. Die soziale Not ist groß.

Es sind Fehler gemacht worden, klar. So hat man die Auswirkungen des Sparkurses unterschätzt. Aber wäre die griechische Regierung den Forderungen des Internationale Währungsfonds und der Euro-Länder nicht nachgekommen, wäre Griechenland aus dem Euro ausgeschlossen worden, und das wäre eine nationale Katastrophe gewesen. Dann ginge es den Menschen heute noch viel schlechter.

Sorgt es Sie da, dass Friedrich Merz neuer CDU-Vorsitzender und vielleicht Kanzler werden könnte? Er hat jetzt noch einmal betont, dass es besser gewesen wäre, die Griechen in der Krise zeitweise aus dem Euro auszuschließen.

Das sind politische Meinungsäußerungen, die ich respektieren muss. Auch in Griechenland gab es Stimmen, die den "Grexit" gefordert haben.

Das kam namentlich vom früheren Finanzminister Yanis Varoufakis. Der ist ja in Deutschland der bekannteste Grieche seit Alexis Sorbas. Ärgert Sie das?

Auch das muss sich akzeptieren. Die große Mehrheit der griechischen Bürger hat das anders gesehen, und das war gut so.

Die Arbeitslosigkeit ist mit 17 Prozent immer noch sehr hoch.

Ja, aber sie lag in der Spitze bei 27 Prozent, da haben wir schon viel erreicht. Und genauso wichtig wie der Rückgang, ist, dass die Menschen wieder Hoffnung haben. In der Krise hatten wir einen gewaltigen "Brain Drain", mehr als eine halbe Million junge Menschen sind in andere europäische Länder oder in die USA gegangen. Jetzt kommen viele zurück.

Fokion Karavias, 55, wurde in Athen geboren, und dort arbeitet er auch. Die Eurobank ist die drittgrößte Bank Griechenlands. Sie ist an vielen Transaktionen beteiligt.

(Foto: oh)

Wie sehr belastet die türkische Flüchtlingspolitik Griechenland? Die Lage der Flüchtlinge ist jetzt schon katastrophal.

Trotz mancher Mängel der Anpassungsprogramme hat die EU einen entscheidenden Anteil daran, dass Griechenland seine Krise überwinden konnte. Dafür sind wir sehr dankbar. Aber ausgerechnet jetzt, da Griechenland wieder nachhaltiges Wachstum erzielt, erreicht die Flüchtlingskrise wegen der türkischen Erpressung gegenüber Europa einen Höhepunkt. Griechenland hat die Lage im Griff, aber europäische Solidarität ist sehr wichtig, damit die Situation nicht außer Kontrolle gerät. Letztlich ist das Flüchtlingsthema ein europäisches Problem, das weit über die Belange des einzelnen Mitgliedsstaates hinausreicht. Wenn es nicht gelingt, eine europäische Antwort auf die Herausforderung zu finden, kann man alle Pläne einer tieferen europäischen Kooperation vergessen.

Sie führen die drittgrößte Bank in Griechenland. Wie stabil ist das Finanzsystem? Noch immer schlummern in Ihren Bilanzen viele Risiken.

Wenn es eine Branche gibt, die wirklich reformiert worden ist, dann ist es das Finanzsystem. Vor der Krise gab es vielleicht 20 wichtige Banken in Griechenland. Heute kontrollieren vier große Häuser mit etwa gleichen Anteilen 90 Prozent des Marktes. Wir sind durch drei Rettungsrunden gegangen, unsere Risikokontrolle funktioniert. Ja, wir sind sicher.

Wenn alles so gut läuft: Warum gibt es so wenig ausländische Investoren?

Das ändert sich gerade. Ich rede mit vielen Investoren und weiß, dass sie vor allem auf drei Faktoren achten: Wie schnell bekommt man Genehmigungen? Wie sicher ist das Rechtssystem? Wie hoch sind die Steuern? Und in allen Bereichen kommen wir voran. Die Regierung hat Steuersenkungen versprochen, und sie will die rechtlichen Prozesse vereinfachen. Glauben Sie mir: Die Investoren werden kommen.

Wohin zum Beispiel?

Nehmen Sie den alten Athener Flughafen Hellinikon . . .

. . . ein Multi-Milliarden-Euro-Projekt an der Küste. Es sollen dort Unternehmen, Einkaufszentren und Luxusimmobilien nach dem Vorbild von Monte Carlo entstehen. Aber davon ist auch schon seit Jahren die Rede.

Aber jetzt geht es wirklich voran. Wir werden hier 2020 große Aktivitäten sehen.

Ist Privatisierung der Schlüssel für Wachstum und Wohlstand? Seit 2011, seit der großen Krise, ist viel versprochen und wenig gehalten worden.

Aber die neue Regierung liefert! Sie hat eine Reihe von Projekten in der Pipeline. Am wichtigsten ist der Athener Internationale Flughafen, da will der Staat 30 Prozent verkaufen. Der Verkauf der staatlichen Gasgesellschaft Depa ist unter Segeln. Eine Reihe von Häfen und Autobahnen wird privatisiert. Im Energiemarkt, den wir bis 2028 dekarbonisieren wollen, werden wir massive Investments sehen. Das ist auch für Deutschland interessant.

Warum investieren immer noch so wenig deutsche Unternehmen in Griechenland?

Na ja. Die Telekom hat sich in das griechische Netz eingekauft. Fraport hat Regionalflughäfen gekauft. Lidl ist sehr erfolgreich. TUI investiert in Hotels und Freizeitprojekte. Es bewegt sich also etwas.

Die Chinesen aber sind viel weiter. Sie investieren groß in Infrastruktur, am bekanntesten ist der Kauf des Hafens von Piräus, Griechenlands Zugang zu den Weltmeeren. Geht Ihnen das nicht zu weit?

Nein, überhaupt nicht. China hat bei uns investiert, als sich das niemand sonst getraut hat. Andere Länder sind gerne eingeladen, nun zu folgen.

Den Chinesen auf der Spur

Viele Veranstaltungen fallen derzeit der Vorsorge vor dem Coronavirus zum Opfer, diese bislang nicht: Das deutsch-griechische Wirtschaftsforum am kommenden Montag in Berlin will nach den Krisenjahren die Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern wieder vertiefen helfen. Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis reist mit dem halben Kabinett an, er wird ebenso wie Kanzlerin Angela Merkel eine Rede halten. Traditionell unterhalten beide Länder intensive Wirtschaftsbeziehungen. Deutschland ist das zweitwichtigste Zielland für griechische Exporte. Umgekehrt kommen die meisten Griechenland-Urlauber aus Deutschland. Athen hofft auf mehr Investitionen und lockt mit wirtschaftsfreundlichen Reformen im Steuer- und Verwaltungsbereich, die Banken versprechen großzügige Finanzierungen. Als besonders interessant gelten Energiebranche und Telekommunikation, aber auch Verkehr und Logistik. Flughäfen, Häfen und Eisenbahnen sind beliebte Zielobjekte. Über zehn Jahre seien Investitionen im Gesamtwert von 100 Milliarden Euro möglich. Bisher aber haben sich vor allem chinesische Investoren engagiert. mbe

© SZ vom 05.03.2020

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