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Griechenland:Schuldenerlass - oder es knallt

  • Griechenland aus dem Euro auszuschließen, wäre ein fataler Fehler. Allein die Diskussion darüber führt zu Kapitalflucht und vertieft die Krise nur noch mehr.
  • Das Land kann seine Außenschuld nicht zurückzahlen, ohne ein Leid zu verursachen, das jenseits der Duldungsfähigkeit demokratischer Gesellschaften liegt.
  • Das Land braucht einen Schuldenerlass.

Gastbeitrag von Jeffrey Sachs

Die griechische Schuldenkrise lenkt nur ab

Mit dem Wahlsieg von Syriza ist das Problem der griechischen Staatsschulden plötzlich wieder in den Mittelpunkt der europäischen Politik gerückt. Die linke Partei Syriza verlangt eine Neuverhandlung dieser Schuld. Einige konservative Politiker im Rest Europas könnten sich jetzt zu der Position hinreißen lassen: "Umso besser. Wenn ihr den Schuldendienst nicht mögt, dann haut ab und verlasst den Euro." So verführerisch dies sein mag, die Haltung wäre ein grundlegender und sehr gefährlicher Fehler.

In Wirklichkeit lenkt die griechische Schuldenkrise nur ab. Griechenlands Wirtschaft macht ganze zwei Prozent der Euro-Zone aus. Das bedeutet nicht, dass man Griechenland herumschubsen oder gar aus der Euro-Zone werfen sollte. Es bedeutet im Gegenteil, dass die Krise gelöst werden sollte, und zwar im großen Ganzen zu den Bedingungen Griechenlands.

Das Problem einer Währungsunion liegt darin, dass Zweifel den Wirtschaftsraum, wenn nicht gar die gemeinsame Währung, zerstören können. Der Euro ist vom Zweifel bereits infiziert: Bleibt Griechenland? Wenn Griechenland geht, wird Portugal der Nächste sein? Und wenn die gehen, warum nicht Spanien, Italien und wer weiß noch alles? Solche schwärenden Zweifel führen zu Kapitalflucht und vertiefen die Krise. Griechenlands prekäre Lage hat schon lange zum Abfluss von Mitteln aus griechischen Banken geführt. Die daraus resultierende Illiquidität löste in Griechenland eine tiefe Wirtschaftskrise aus, die wiederum neue Zweifel am Überleben des Landes in der Euro-Zone nährt.

Zur Person

Professor Jeffrey Sachs, 60, ist Direktor des Earth Institute an der Columbia University (New York). Bekannt wurde er in den achtziger und neunziger Jahren als Berater bei marktwirtschaftlichen Reformen in Bolivien, im postkommunistischen Polen sowie in der Sowjetunion und später in Russland.

In den Jahren 2010 und 2011 war das antigriechische Finanzfieber fast tödlich; Hedgefonds und andere Geldmanager platzierten große Wetten gegen Griechenland und beschleunigten so die Abwärtsspirale. Nach dem, was in Berlin geflüstert wurde und was deutsche Hinterbänkler hinausposaunten, schien "Grexit" nur noch eine Frage der Zeit zu sein.

Dann setzte sich der gesunde Menschenverstand durch. Mario Draghi ersetzte Jean-Claude Trichet und die Europäische Zentralbank (EZB) verhielt sich plötzlich wie eine echte Zentralbank; sie übernahm ihre Rolle als Kreditgeber der letzten Instanz. Kanzlerin Angela Merkel realisierte, dass der Zusammenhalt der Euro-Zone viel wichtiger ist als die Unannehmlichkeit einer neuen Rettungsaktion. Plötzlich jedoch ist Griechenland zurück in den Schlagzeilen, und Konservative in Berlin, Helsinki, Amsterdam und anderswo reden wieder über "Grexit". Die neue Regierung verlangt einen kräftigen Schuldenerlass. Die Neuauflage der Krise ist dabei keineswegs überraschend. Die verschiedenen Hilfspakete bisher waren kaum mehr als Flicken, die Griechenland ein paar Monate weiterhalfen. Griechenlands Arbeitslosigkeit von 25 Prozent ist gleich geblieben.

Die Deutschen sollten es aus eigener Geschichte besser wissen

Jeder, der rechnet (manchmal scheint es, als ob wenige Politiker in Europa dies tun), der weiß, dass Griechenland seine Außenschuld von 170 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht zurückzahlen kann, jedenfalls nicht ohne ein Maß an Leid zu produzieren, das jenseits der Duldungsfähigkeit demokratischer Gesellschaften liegt. Syrizas Triumph ist keine Anomalie; er gibt Aufschluss über die politische und ökonomische Wahrheit, wie unangenehm diese auch sein mag für den Rest Europas.

John Maynard Keynes fragte nach dem Ersten Weltkrieg in "Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages": "Werden die unzufriedenen Völker Europas bereit sei, eine Generation lang ihr Leben so zu ordnen, dass ein spürbarer Teil ihres täglichen Einkommens für die Begleichung ausländischer Forderungen zur Verfügung steht, deren Ratio, ob nun zwischen Europa und Amerika oder zwischen Deutschland und dem Rest Europas, nicht zwingend ihrem Gefühl für Gerechtigkeit oder Pflicht entspringt?" Keynes beantwortet die Frage selbst: "Kurz gesagt, ich glaube nicht, dass irgendwelche dieser Tribute länger gezahlt werden als, im besten Falle, für ein paar Jahre. Sie widersprechen der menschlichen Natur und dem Zeitgeist." Natürlich hatte er recht, aber erst, nachdem die Katastrophe eingetreten war.

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