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Griechenland:Ärger auf dem Markt

Und aus Solidarität tun sie es nicht. Die Antwort gibt Savvas Mavromatis, ein Produzent von Reinigungsmitteln in einem Nachbarort von Katerini. Er hat in seinem Tresor Schecks oder Wechsel seiner Abnehmer im Volumen von etwa 300 000 Euro liegen. "Wertloses Papier", schimpft er. Vielleicht zahlen die Banken dafür in vielen Monaten einmal Geld, vielleicht auch nie. Gerade erst ist wieder ein großer Scheck geplatzt.

Von O topos mou bekommt er hingegen das, was gerade jetzt wichtig ist: Bargeld. Damit kann er seine Schulden, seinen Betrieb und seine Leute bezahlen. Mavromatis stellt sogar ein, weil es so gut läuft.

Glück

Entstanden ist da keine Genossenschaft, auch kein Bauernmarkt. Die Erzeugnisse werden an bestimmten Samstagen auf einem großen Platz am Stadtrand von Katerini angeliefert.

Ortstermin Anfang Februar: Da stehen vier Lastwagen mit 96 Tonnen Zwiebeln und Orangen. Mehr als 80 Helfer sind dabei, die keinen Cent für ihre Arbeit bekommen. 2000 Kunden, die zuvor im Internet Waren bestellt haben, bezahlen bar, fahren mit ihren Autos direkt an die Laster heran. Die Fahrer müssen nicht einmal aussteigen; die Helfer laden die Produkte direkt in den Kofferraum. Morgens um acht sagt Tsolakidis: "Um halb eins ist alles weg." Tatsächlich: Um halb eins ist alles weg. Die Verteilung verläuft schnell und reibungslos, mit schier unheimlicher Präzision. Insgesamt profitierten vielleicht 3000 Familien von der Aktion, immerhin ein Viertel der Stadt, schätzt Tsolakidis.

Was in Katerini auf die Beine gestellt wird, macht Eindruck: Im ganzen Land haben sich knapp 50 Gruppen gebildet, die ähnlich vorgehen und vernetzt arbeiten. Sie beraten sich gegenseitig und warnen einander, wenn ein Produzent versucht, die Käufer über den Tisch zu ziehen. Auch das kommt vor. Teilweise verwenden die Gruppen bereits ein einheitliches "Ohne Zwischenhändler"-Logo auf den Produkten.

"Die sollen erstmal Steuern zahlen", schimpft Vaso Efkarpidu, Marktfrau in Katerini.

(Foto: szs; Bildbearbeitung: dho)

Missgunst

Der Bewegung "Ohne Zwischenhändler" geht es nicht in erster Linie um Wohltätigkeit. Sie will etwas in Bewegung setzen, vor allem neue regionale Wirtschaftskreisläufe. Und das sorgt für Ärger. Auf dem Markt in Katerini etwa regen sich viele Händler über O topos mou auf, denn ihnen bricht das Geschäft weg. "Die sollen erstmal Steuern zahlen", schimpft Vaso Efkarpidu (Foto), die als Marktfrau am örtlichen Markt Obst verkauft. Tsolakidis versichert, "Ohne Zwischenhändler" zahle Steuern.

Ein Großhändler für Obst und Gemüse berichtet, dass der Umsatz um 30 bis 40 Prozent geschrumpft sei. Er kann natürlich nicht genau sagen, welcher Teil davon der Krise und welcher den Aktivitäten der Initiative geschuldet ist. Aber so oder so: Ihm fehlt nun Geld, und das macht wütend. Grundsätzlich unterstütze er aber die Arbeit der Bewegung.

Opportunismus

Savvas Hionidis, Bürgermeister von Katerini, sagt, er wolle kein politisches Kapital aus dem Erfolg von O topos mou schlagen.

(Foto: szs; Bildbearbeitung: dho)

Und was sagt die Politik? O topos mou lässt sich weder links noch rechts einordnen. Nach Ansicht von Antonios Kalfas, der ebenfalls am Theater Katerini arbeitet und Mitglied der linken Partei Syriza ist, sei gerade das ihr großes Plus: "Die Bewegung wird von vielen Menschen anerkannt, weil sie unabhängig ist. Endlich arrangieren sich Leute aus allen Teilen der Gesellschaft, ganz gleich ob sie konservativ, orthodox oder unpolitisch sind." Die Menschen in Griechenland hassten die Politik, ja, und glaubten trotzdem an sie, sagt Kalfas. Die großen Versammlungen in Athen, wo sich derzeit oft die Unpolitischen, aber auch die Rechten und die Linken treffen würden - das sei fast wie die Agorá in der Antike, als die Bürger auf einem Platz zusammenkamen. Und O topos mou - das sei Agorá im Kleinen.

Es kann also nicht die politische Couleur dieser Bewegungen sein, die manchen Politikern Sorge macht. Es ist deren Erfolg, der allerdings von Ort zu Ort durchaus unterschiedlich ausfallen kann. Einige Politiker versuchen, sich dann an die Spitze solcher Initiativen zu stellen. Der Bürgermeister von Katerini, Savvas Hionidis, beteuert, er wolle kein politisches Kapital aus dem Erfolg von O topos mou schlagen. Er unterstütze lediglich die Bewegung, in dem er etwa einen Platz für die Verteilung der Waren zur Verfügung stelle.

Reibungslos ist das Verhältnis zwischen ihm und Tsolakidis allerdings nicht. Nachdem dieser in einem Zeitungsbeitrag geschimpft hatte, Politik könne nicht mit Whiskyglas und Zigarette in der Hand gemacht werden, verklagte der Bürgermeister Tsolakidis..

Stolz

Der Mann aus Köln weist freilich eigene politische Ambitionen von sich. O topos mou wolle unabhängig sein, "doch das, was wir machen, ist höchst politisch", sagt Tsolakidis: Nur so, von unten könnten die notwendigen Änderungen in Gang gesetzt werden. Die Politiker, die Bürgermeister, sie müssten aus dem Verhalten der Bürger lernen, sich zu verändern. Gruppen wie diese seien darum ein neues Element in der Politik. Sie müssten gemeinsam mit den Parteien das Land stabilisieren und ein neues Griechenland bauen, ergänzt Autor Kalfas. "Es geht doch nicht darum, jeden Samstag nur Mehl oder Milch zu kaufen."

Georgios Baliakas und Antonios Kalfas: "Die Krise ist im Theater ein Thema, das auf Resonanz stößt."

(Foto: szs; Bildbearbeitung: dho)

Im Theater von Katerini haben sie im vergangenen Jahr das Stück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats" von Peter Weiss gespielt. Das Interesse sei vergleichsweise groß gewesen, sagt Georgios Baliakas, der Schauspieler.

Warum? Weil in diesem Drama Fragen gestellt würden, mit denen sich auch viele Griechen beschäftigten. In einem Dialog zwischen den Herren de Sade und Marat werde diskutiert, wie sich Gesellschaft ändere. De Sade setze dabei auf das Individuum. Wandel in der Gesellschaft könne demnach nur durch die Neuerung des Einzelnen entstehen. Marat hingegen glaubte an die Macht der Revolution und an Bewegung der gesamten Gesellschaft.

Und da ist noch etwas: Nichts ärgert die Griechen so sehr wie der Vorwurf, sie würden nur am Strand liegen und Ouzo trinken. Vielleicht sind die Bürger von Katerini gerade deswegen so stolz auf das, was in ihrem Ort entstanden ist.

Die Freiwilligeninitiative mit ihren mittlerweile 3500 Teilnehmern ist eine von vielen Antworten auf das Chaos im Land, aber eine, die den Leuten erkennbar gut tut. Möglich, dass irgendwann auch mal die Deutschen bei den Griechen nachfragen, wie das geht: Nicht immer nur auf den Staat zu warten.

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Video Revolte gegen das Nichtstun Video
Griechenland

Revolte gegen das Nichtstun

Die Krise in Griechenland lässt viele aktiv werden. Zum Beispiel im Rahmen der Freiwilligeninitiative O topos mou im griechischen Katerini. Süddeutsche.de war dabei und hat gefilmt.

© Süddeutsche.de/jab
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